Allein auf Snapchat

Ich bin zum Internet ja wie die Jungfrau zum Kinde gekommen. Soll heißen, ich hatte keine Ahnung, was ich mache und plötzlich war ich mittendrin.

Bloggen lief anfangs noch recht unbeholfen. Damals. 2008. Wie bei einem Orang-Utan, dem man eine Geige gegeben hatte. Schließlich wusste ich auch nicht, was ich schreiben soll. Oder für wen. Also außer für meine Mutter. Und selbst bei der landeten meine Links vermutlich im Spam-Ordner.

Dann kam Twitter und zeitgleich dazu begann das Netz zu einer zweiten Heimat zu werden. Einer, in der ich mich nicht verstellen musste. In der ich meine Gedanken kurz rausposaunen konnte, sie einfach nur loswerden konnte. Gedanken, die gerne wütend und aufgebracht und hin und wieder unangebracht waren und nur selten schön und ruhig und für die ich sonst mit einem schüttelndem Kopf bedacht wurde.

Irgendwann, zwischen damals und jetzt, kam mir die Unbefangenheit abhanden. Weil mehr Resonanz kam. Weil Erwartungen aufkamen. Vor allem aber begannen Menschen, die nur zum äußeren Kreis meines Lebens gehörten, die ich nicht einmal im stockbesoffenen Zustand als meine Bekannten bezeichnen würde, vor denen ich mich vermutlich sogar verstecken würde, wenn ich sie im Drogeriemarkt sehen würde, meine Texte, Gedanken und Unsinn zu lesen. Warum verstehe ich bis heute nicht.

Etwas, was ursprünglich einmal anonym und in höchster Weise privat war, war zu seinem Gegenteil geworden. Und ich vermisste das drauflos plappern. Das Unperfekte, Unverfängliche.

Und dann kam Snapchat und Snapchat war genau das. Endlich wieder ein Ort, in dem ich Kontrolle hatte, wer sah, was ich machte. In dem mich mein Geschwätz von gestern nicht interessieren musste, weil es sich automatisch löschte. In dem es nicht um Likes, Followerzahlen & Co. ging. Einfach, weil man nichts davon wirklich messen konnte.

Kein Chef, der mich mittags zu meinem Tweet vom Morgen ansprach – als wenn ich mittags noch wüsste, was ich morgens irgendwo geschrieben hatte.

Keine Kita-Mutter, die meinen Namen googelt und sich in meinem Blog vergräbt, um mich bei der nächsten Weihnachtsfeier auf aus dem Zusammenhang gerissene Anekdoten anzusprechen.

Snapchat versprach genau das, hielt dieses Versprechen und ich liebte es dafür.

Dann hatte ich ein paar Wochen nur wenig Zeit für Snapchat. Und als ich kürzlich endlich wieder dort war …

… war keiner mehr da!

Sie sind alle zu Instagram Stories gegangen.

Sie wissen schon, dieser Ort, an dem alles perfekt, die Wohnungseinrichtung weiß und skandinavisch und die Poren in den Selfies nicht sichtbar sind.

Wie öde.

Und nun, was mache ich nun? Wo soll ich jetzt hin?