Alternativlos

Er sieht mich an und erwartet irgendeine Reaktion. Nein. Nicht irgendeine. Er erwartet mindestens Irritation, vermutlich Entrüstung, wenn nicht gar wüste Beschimpfungen. Ich schweige. Dann frage ich: „Deswegen hast du vor unserem Treffen zu mir gesagt, ich könnte dir in Ruhe aufzeigen, was genau an der AfD so schlimm sein soll, nicht wahr?“ Er nickt. Und ich weiß nicht wirklich, was ich dazu sagen soll.

Es wäre nicht wirklich schwer, ihm zu demonstrieren, warum die AfD nicht wirklich eine Alternative ist. Warum sie ein Sammelbecken für alles rechts der CDU und links der NPD ist. Warum sie als Partei inakzeptabel ist. Warum eine Diskussion darüber für mich überflüssig ist. Zeitverschwendung.
Menschen, die vom Offensichtlichen überzeugt werden müssen, sollen zu jemand anderem gehen. Jemand, der optimistischer ist, was das Lernverhalten der menschlichen Spezies angeht. Jemand, der generell optimistischer ist.

Was denkst du?“ fragt er und mir fällt auf, dass er noch da ist, dass er immer noch auf eine Reaktion von mir wartet, dass er wohl nicht gehen wird, bis ich irgendwas gesagt habe, reagiert habe.

Ich weiß nicht.“ Und das ist die Wahrheit.

Seit vier Jahren lief es bei ihm nicht mehr rund. Freiberufler sind es gewohnt, dass es mal Dürreperioden gibt. Dann weiß man plötzlich kaum, wo einem der Kopf steht vor lauter Arbeit und dann starrt man zwei Monate so intensiv die Tapete an, dass man hören kann, wie sie sich langsam schmatzend von der Wand löst.

Sicher, in den letzten vier Jahren hatte er immer mal wieder einen Auftraggeber, für ein halbes Jahr, für ein paar Monate, doch es wurde von Mal zu Mal schwerer und nun ist der letzte Job fast ein Jahr her.

Er bewirbt sich wie ein Tier, wird auch immer wieder eingeladen, aber am Ende wird nichts daraus. Ob es ihm liegt, dass er sich so schlecht verstellen kann? An seinem Alter? Fünfzig ist er fast und selbst wenn er in seinen Bewerbungen sein Geburtsdatum nicht mehr angibt, können die Fältchen in seinem Gesicht inzwischen niemanden mehr täuschen.

Und nun die AfD. Einen Medienheini brauchten die. In Erfurt. Erfurt, das gut vier Stunden von Hamburg entfernt ist. Erfurt, das er dann vielleicht nur noch an den Wochenenden verlassen würde, um zu seiner Familie, seinen beiden Kindern, zu fahren. Viel würden die nicht zahlen. Aber nicht viel ist besser als nichts und besser als bei McDonalds Fritten wenden.

Ich weiß nicht, was er von mir hören möchte. Ob er von mir wirklich überzeugt werden möchte, dass man nicht für die AfD arbeiten kann und sollte. Ob er meinen Segen möchte. Oder meine Loyalität ihm gegenüber testen.

Die Worte liegen mir auf der Zunge. Die Irritation, die Entrüstung, die Beschimpfungen. Wie kann man auch nur daran denken, es überhaupt in Betracht ziehen, es zur Diskussion stellen? Man hat doch so etwas wie einen moralischen Kompass. Prinzipien.

Doch Prinzipien muss man sich leisten können.

Ist es an mir zu sagen, dass er den Job nicht annehmen soll, nicht annehmen darf? Weil Geld nicht alles ist? Was würde ich selbst machen, wenn mir beruflich das Wasser so bis zum Hals stehen würde und ich meine Familie bald nicht mehr richtig versorgen kann? Wenn ich keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld hätte? Wenn alle Bewerbungen und Weiterbildungen im Sande verlaufen würden?

Ich muss an mein Studium denken, an die theoretischen Übungen in Ethik. Wie würde man in der und der Situation reagieren? Wann und wie moralisch handeln? Hätte ich in den Dreißiger Jahren meinen jüdischen Nachbarn geholfen? Hätte ich nachgefragt, wenn sie plötzlich verschwunden wären? Hätte ich meinen Job bei der Stadt gekündigt? Hätte ich meine Prinzipien immer über alles gestellt? Hätte ich die Konsequenzen tragen können und wollen? Und hätte ich mich jeweils anders entschieden, wenn ich alleine bzw. wenn ich eine Familie gehabt hätte?

Die Antworten scheinen manchmal so simpel. So simpel, dass man sie nicht aussprechen, niederschreiben muss.

In der Theorie. Das Leben ist jedoch keine Theorie. Das Leben ist das Gegenteil. Prinzipien zahlen keine Miete. Überzeugungen kaufen keine neue Winterschuhe für die Tochter. Moral kauft keine Lebensmittel.

Und ich, die ich doch all die Antworten zu wissen glaube, die im Besitz von Prinzipien ist, die eisern sind, unumstößlich, ich, die einen ethischen Kompass hat, der mir Tag für Tag den Weg weist, ich bin nicht in der Position zu sagen, zu entscheiden, was er machen soll. Ich habe nicht das Recht dazu.

Was denkst du?“ fragt er wieder.

Ich weiß nicht.“ antworte ich. Und ich weiß es wirklich nicht.

8 thoughts on “Alternativlos

  1. Bertold Brecht hat mal gesagt „Erst das Fressen, dann die Moral“ und ich finde, wir sollten uns alle jeden Tag ins Gedächtnis rufen, wie teuer Prinzipien sind, und froh sein, dass wir sie uns leisten können.

    Im und nach dem Ersten Weltkrieg, als die Menschen auf Stiefeln mit Pappsohlen liefen, der verkaufte Zucker von Wucherern mit Sand gestreckt wurde und die rationierten Lebensmittel kaum 1000 Kilokalorien am Tag erreichten, stieg die Kriminalität in groteske Höhen, weil vormals anständige Menschen ihre moralischen Kompässe und mit ihnen jegliche Prinzipien über Bord geworfen haben, sie über Bord werfen mussten, um nicht unterzugehen.

    Ich finde es gut, dass Du nicht vorschnell urteilst.

  2. Wenn dieser Mensch sich gegen den Auftrag entscheidet, hat das Konsequenzen. Wenn er sich für den Auftrag entscheidet, hat das Konsequenzen. Erstere sind konkret und direkt spürbar; letztere sind diffus, verteilen sich auf Viele, sind nicht unmittelbar auf ihn selbst zurückzuführen und machen sich vielleicht erst in ein paar Jahrzehnten als gesellschaftliche Realität bemerkbar. Die ihn selbst und seine Familie aber auch betreffen wird.

    Die Frage ist, wie dieser Mensch diese Konsequenzen gegeneinander abwägt.

    Ich möchte nicht in seiner Haut stecken.

  3. Jaja! GANZ schwere Entscheidung! Hier in Deutschland lassen wir nämlich unsere Arbeitslosen verrecken. In den Ecken! Wie die Tiere!

    (Klar ist es schwer von einem okayen/guten Gehalt auf ALG II zu fallen. Aber mir braucht hier keiner erzählen, dass man solche ggf. für einen moralisch fragwürdige Jobs wie anschaffen* oder halt „ich bin nicht rechts, aaaber!“-Posten annehmen MUSS. Dass stimmt halt einfach nicht.

    *Für mich ist anschaffen nicht moralisch fragwürdig wenn es freiwillig passiert + von keinem Zuhälter/JobCenter angeordnet wird).

    Und natürlich *kann* man für die AfD arbeiten. Das kann man für alle demokratisch zugelassenen Parteien. Dann darf man sich aber nicht wundern, wenn bestimmte Menschen wie ich z.b. nichts mehr mit einem zu tun haben will. Ich kann auch nicht verstehen, wie es da zwei Meinungen geben kann.

    • Ich darf an dieser Stelle doch darauf hinweisen, dass z.B. Freiberufler nicht ohne weiteres ALG II bekommen. Zumindest nicht ohne bis auf einen gewissen Punkt auf ihr Erspartes zurück zu greifen. Erspartes, das u.a. für’s Alter zurückgelegt wurde. Es gibt noch viele Punkte, die einen Sachverhalt wie diesen verkomplizieren. Was ich also sagen möchte: Bevor man urteilt, sollte man sicher sein, dass man wirklich alle Fakten und Hintergründe kennt. Und mit Verlaub, den kennen Sie nicht.

  4. Ehre, Stolz, Prinzipien. Dinge, die oft teuer zu erkaufen sind. Ich weiß es, ich war deshalb schon ganz unten. Habe mit Geld unter dem Satz des ALG II gelebt. Ja, ich habe Prinzipien. Und ja, ich habe bezahlt dafür.

    Und gerade deshalb werde ich es NIE wagen, einem Menschen zu sagen, er darf im Rahmen der Demokratie und der Gesetze einen Beruf nicht annehmen, wenn er damit sich und seine Familie ernähren kann. Ich mag die NPD nicht, die AfD schaue ich mit einer hochgezogenen Braue an. Unsere Demokratie lässt jedoch auch diese politischen Spielarten zu. Aber, ich schaue mir dies von einem mittlerweile gut versorgten Podest aus an. Ich kann es mir leisten. Wieder. Ob ich mir eine Moral auch dann wieder leisten würde, wenn ich nochmals ganz unten angelangen würde – ich kann es nicht sagen. Zu schmerzhaft ist die Erfahrung eingeprägt, am Rande der Gesellschaft. Am Ende muss jeder Mensch selbst für sich und seine Taten gerade stehen.

  5. Auch nicht Freiberufler müssen zuerst ihre Rücklagen verbrauchen bevor sie ALG II bekommen. Ob Altersvorsorge, sparbuch für die Kinder etc., ist völlig egal. Was über dem Freibetrag liegt, muss aufgebraucht werden. Ich war bereits einmal in dieser Situation und es ist nicht schön. Insbesondere schwer ist es, wenn man nicht Single, aondern verheiratet ist, da dann der Verdienst des Ehepartners mit angerechnet wird etc. etc.
    Sicherlich hatte Brecht recht. Jedoch ist nicht so, dass wird in einem Staat leben, der sich nicht um seine Arbeits-/Mittellosen kümmern kann. Da hinkt der Vergleich zu der Zeit nach dem ersten Weltkrieg. Die sozialen Unterstützungsleiatungen sind so hoch wie nie, und – obacht spitz formuliert: wenn man sich vielleicht von seinem Macbook trennen und ein paar Starbucks-Kaffee weniger schlürfen kann, kann man damit sicherlich einige Zeit überbrücken. (been there, done that)
    Die moralische Entscheidung wirst Du ihm nicht abnehmen können. Sicherlich ist die AfD auch in meinen Augen ein Verein hirnamputierter Angstschürer, aber er soll ja nicht Bernd Lucke huldigen oder sich direkt ein Parteibuch tattoowieren lassen. Seine Arbeit wird die AfD nutzen, aber deswegen kann niemand einen Vergleich ziehen zu Unterstützern des Naziregimes aus den 30er Jahren. Das sind Äpfel und Birnen. Die Zeit ist eine andere.
    Außerdem kann er sich den Haufen Zombies dann mal innen angucken, und hier und da vielleicht das Telefon klingeln lassen, obwohl am anderen Ende ein dicker rechter Fisch neue Parolen für die Plakatkampagne durchgeben will.
    „Also Chef, der hat sich nicht wieder gemeldet. Tja nun. Müssen wir uns was anderes einfallen lassen.“
    Klingt ein bisschen platt, aber ich hoffe es kommt rüber was ich meine. Er wird dort sicherlich nicht das Rad neu erfinden, aber durch die ein oder andere gut positionierte Frage, vielleicht doch bei den Kollegen das Hirn reanimieren.
    Wäre ich er, würde ich es versuchen. Wenn es ihm nicht behagt, kann er in der Probezeit (wenn es sowas gibt) gehen, schreibt dann ein Buch über seine Erfahrungen und zack: neue Einnahmequelle. (Ja, ich weiss dass das nicht alles so einfch geht wie ich es hier schreibe, aber ich versuche nur darzustellen, welche Möglichkeiten da sind)

    Die Entscheidung obliegt ihm. Aber Geld von einer Partei nehmen, die ihrerseits Gold an ihre ebenfalls hirnlosen Wähler verkauft, um Parteizuschüsse zu kassieren, fände ich in diesem Sinne ausgleichende Gerechtigkeit.

  6. Prinzipien zahlen keine Rechnungen.

    Doch wenn man schon zögert, wird der Job dann nicht zur Qual und das damit verdient Geld völlig anders gewertet?

    Dazu, wie wird dann bei aller Professionalität dann das Ergebnis der Arbeit werden?

  7. Wenn man seine Prinzipien verrät, zahlt man einen Preis dafür. Dessen sollte man sich bewusst sein. Ich persönlich könnte mir nicht vorstellen, PR für etwas zu machen, was ich innerlich ablehne. Dann doch lieber kellnern gehen…

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