Anders geplant

Ich sollte mehr Alkohol trinken, denke ich, als ich auf die halbleere Flasche Wasser zu meiner Rechten blicke. Kreative trinken Alkohol. Viel Alkohol. Oder konsumieren andere Drogen. Alle. Zumindest die kaputten und das sind in der Regel die besten. Aber um mehr Alkohol trinken zu können, müsste ich erstmal überhaupt welchen trinken. Vielleicht müsste ich auch erstmal wieder überhaupt kreativ sein, um mich als Kreativer bezeichnen zu können, um dann trinken zu können. Oder kommt erst das Trinken und dann das andere? Ich habe den Überblick verloren. Über mich. Über das, was ich bin, was ich sein möchte, was ich machen möchte, wohin ich möchte.

Ehe man sich versieht, ist man mit dem Studium fertig, hat ein fast zweijähriges Kind, geht vor Mitternacht ins Bett und kriegt, sobald man einen Cocktail auch nur anguckt, schon einen schweren Kopf. Die großen Lautsprecherboxen, die den Fußboden zum Vibrieren brachten, sind in der Abstellkammer, statt Nutella pur isst man jetzt Roggenvollkornbrot mit Bio-Frischkäse, fönt sich die Haare, bevor man aus dem Haus geht und ist auch ansonsten ekelerregend vernünftig und erwachsen. Kurz mal nicht aufgepasst und plötzlich dreht sich der Tag darum, ob man heute besser Kochwäsche oder doch 30°C bunte Wäsche in die Maschine schmeisst und wann man zwischen Arbeit, Supermarkt und Kita-Termin noch die Katze zum Tierarzt bringt.

Die Träume, die wilden, und die Fantastereien sind abhanden gekommen wie ein Schlüsselbund in der Damenhandtasche. Man weiß, gerade waren sie noch da, neben einem, um einen herum, und von einer Sekunde auf die anderen kann man sie nicht mehr finden.

Kein nächtliches Durcharbeiten mehr, solange bis die Fingerkuppen bluten, bis der Kopf leer ist. Kein Feiern mehr bis morgens um vier, kein Döner mehr zum Frühstück auf dem Nachhauseweg. Kein Ausschlafen mehr bis zwei, drei oder fünf Uhr an den Wochenenden. Oder mitten in der Woche. Egal.

Nur sich selbst gegenüber verantwortlich sein. Nur seinen Träumen, seinen Talenten, seinen Wünschen.

01

Der Drang sich selbst verwirklichen zu wollen, ein bestimmtes Selbst von sich schaffen zu wollen, verblasste im Laufe der Zeit, unmerklich, wurde stumpf, wie ein altes Küchenmesser, das man vernachlässigt und nicht regelmäßig schärft.

Wie und wann genau weiß niemand. Und dann steht man da bzw. in meinem Fall sitzt man da, mit Calcium angereichertem, stillem Wasser, hört um kurz nach 21h Musik über Kopfhörer – wegen der Nachbarn – und entscheidet anhand des Fernsehprogramms, ob man um zehn oder doch erst [sic!] um elf ins Bett geht.

Irgendwie war das doch mal anders geplant.