Anne Frank

„Zwischen den Tagebucheinträgen lagen teilweise Monate, manchmal sogar Jahre, und obwohl mir die Frage kam, wie oder wieso diese Lücken entstanden sind, wurde mir schnell klar, dass sie nicht Anne Frank war und einfach noch was anderes zu tun hatte, als jeden Tag ihre Gedanken reinzuschreiben.“

Genau vor fünf Minuten schrieb ich diesen Satz auf. Er ist rein fiktiv. Der Ich-Erzähler ist fiktiv, die TagebuchschreibendenichtAnneFrankseiende-Person ebenfalls. Und dennoch zuckte in der Sekunde, als ich den Punkt hinter den Satz setzte, etwas in mir zusammen.

Oha. Anne Frank. Darf ich das? ’nen Witz dazu schreiben? Da kommt doch sicherlich gleich einer und motzt. Und wo ein Motzer ist, ist schnell ein Shitstorm.

Heutzutage weißt du doch gar nicht mehr, was einen Shitstorm auslösen kann und was nicht.

Was wen wann und wie anfrisst und einen Kloaken-Tsunami über einen zusammenbrechen lässt.

Vom Sofa aus, halb liegend wie so’n adipöser Römer, andere Menschen verbal zukacken, die gegen einen nicht existenten Verhaltenskodex verstoßen haben und bei denen man sich vor zehn Jahren einfach nur genervt weggedreht hat – das kann der Internetmensch. Das und nichts anderes.
Es geht nicht um Veränderung. Oder um Ermahnung. Es geht nur ums Empören. Ums Pöbeln. Und sich anschließend, immer noch in der Horizontalen auf dem Sofa, angesichts der eigenen Awsomeness einen runterzuholen.

Die Beliebigkeit mit der doch inzwischen geshitstormt wird, die eigentliche Gleichgültigkeit – die durch die epischen Ausmaße der zur Schau gestellten Empörung lediglich verdeckt wird –  mit der die nächste durchs Dorf treibende Sau ausgesucht wird, ist letztlich nur eins.

Zum Kotzen.

6 thoughts on “Anne Frank

  1. „Es geht nicht um Veränderung. Oder um Ermahnung. Es geht nur ums Empören. Ums Pöbeln. Und sich anschließend, immer noch in der Horizontalen auf dem Sofa, angesichts der eigenen Awsomeness einen runterzuholen.“
    Und genau deshalb rege ich mich jetzt (und auch in Vergangenheit und Zukunft) nicht über shitstormerzeugende Leute auf ;-). Immer gelassen bleiben!
    Liebe Grüße
    Frau Frosch (die Deine Geschichten immer wieder gerne liest, aber nicht die große Kommentiererin ist)

  2. Ich finde, über Anne Frank darf man keine Witze machen. Einen Shitstorm will ich nicht auslösen,wohl aber meine Meinung dazu sagen.

  3. Witze – nein.
    Vergleiche – absolut ja.

    Ersetzen wir den Namen durch „Arbeitsloser“ oder „Frührentner“ werden sich einige genauso angep…öbelt fühlen, weil sie zu den Zielgruppen gehören oder meinen, diese seien damit angegriffen worden. Bedingt hätten sie Recht damit, wer weiß denn schon, ob jener Frührentner sich nicht ehrenamtlich irgendwo zeitraubend engagiert und der Arbeitslose aufopfernd 24 Stunden am Tag seine demenzkranke Mutter pflegt und dadurch keiner der Beiden auch nur ansatzweise Zeit für eine Tagebuchzeile hätte?!

    Anne Frank war eine reale Person.
    Sie hat regelmäßig Tagebuch geschrieben.
    Punkt.
    Nicht mehr und nicht weniger.

  4. ich habe mir mal (beinahe) eine der schönsten freundschaften damit ruiniert, daß ich sagte „am meisten habe ich immer die juden bewundert, die auf dem weg ins gas witze über den adolf gemacht haben. die haben ihn besiegt …“. na gut, es gab noch kein twitter und nach ein paar tagen des schweigens und des nachdenkens waren wir wieder freunde.

    „nachdenken“. „schweigen“.

    muss man heute wahrscheinlich erst mal googlen.

    wir sind, fast 20 jahre später immer noch freunde, sie hat „verstanden“ und „verziehen“. muss man heute auch wahrscheinlich bei wiki nachschlagen, damit man sich erinnert, was das sein soll.

    grüße aus der garage und – hör bloß nicht auf zu twittern und zu schreiben, sonst kündige ich dir unsere (leider nur) einseitige freundschaft ;-)

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