Auf’s Maul?

Sie kennen das: Sie schreiben etwas in dieses Internet, einfach so, vielleicht mit einem Link, vielleicht mit ein wenig Meinung. Sie haben einen Twitteraccount, ein Blog oder öffentliches Facebookprofil und tatsächlich lesen ein paar Leute das. Also Leute außer Mutter. Und diese Leute fühlen sich angesprochen, sie sehen sich im Dialog, sie spüren den Impuls zu antworten, zu kommentieren, vielleicht auch sich zu beschweren oder ein wenig zu motzen. Das muss der andere doch abkönnen, schließlich hat er sich dazu entschieden, seinen Text, sein Werk, sein Foto, seine Meinung, der Öffentlichkeit preizugeben, da muss man damit rechnen eine Resonanz zu bekommen. Darum geht es bei dem Ganzen doch. Wenn er nur für sich selbst schreiben würde, kann er das Ganze schließlich auch mit Edding an seine Schlafzimmerwand machen.

Also kommentiert er.

Und dann passiert das Unfassbare: Der Kommentierte reagiert.

Und da der Kommentierte ein Mensch ist, eine Privatperson, und nun mal keine Institution, kein Unternehmen, keine Behörde, keine Marke, antwortet er unter Umständen nur so semi diplomatisch. Weil er keine Lust hat, seinen Text zu erklären. Weil ihm ein Furz quer sitzt. Weil er nicht Jesus ist. Weil er Hunger hat.

Weil er schlichtweg nicht muss.

Und der Kommentierende reagiert brüskiert, schließlich ist er doch ein treuer Leser oder Abonnent oder wasauchimmer. Er erhebt Einspruch, schließlich gelte doch Meinungsfreiheit und überhaupt: So geht das doch nicht! Man solle doch froh sein, dass man den Schmarn überhaupt liest und kommentiert und wo wäre der Kommentierte bitte ohne die Kommentierenden? Wo ist denn da die Demut? Die Dankbarkeit?

Ich hatte in der Vergangenheit relativ viel Glück mit meinen Lesern – hin und wieder ein Klugscheißer, aber nur selten ein Niveau-Limbo-Tänzer oder gänzlich Lobotomierter. Mit einem Auge beobachte ich jedoch immer wieder, dass manche Blogger und Kreative Kommentarscheisser wie Fliegen anziehen. Frau Lobo war so ein Fall. Da wurde nicht selten gewütet und geschimpft und Frau Lobo wütete und schimpfte dann zurück und schnell hatte man einen Dialog à la letzte Tage Führerbunker.

Es scheint im Netz nicht selten das Missverständnis zu geben, dass nur, weil ein Profil oder Blog öffentlich sind, man sich dort benehmen könnte, als hätte man nie eine gute Kinderstube genossen, als könne man alle Benimmregeln über Bord werfen und handeln, als sei man in einer Höhle mit kotfressenden Wilden groß geworden.

Gehen Sie etwa zu Kaufhof und scheißen in die Uhrenvitrine, nur weil sie da jeden reinlassen?

Pöbeln Sie die Kassiererin bei dm an, nur weil sie beim Eingang kein Passwort eingeben muss?

Sagen Sie der Kellnerin, dass sie hässlich wie die Nacht und eine aufmerksamkeitsgeile Nutte ist, nur weil sie Ihnen ihre Meinung zum Tagesgericht mitteilt?

Es scheint hier ein weitreichendes Missverständnis vorzuliegen, denn natürlich steht es Ihnen und jedem frei seine Meinung jederzeit und überall kundzutun. Natürlich können und dürfen und sollen Sie kommentieren, bis Ihnen die Finger bluten, aber Fakt bleibt: Dies hier ist keine Dienstleistung. Sie haben keinen Anspruch auf Irgendwas. ANYTHINGWHATSOEVER!

Und nur weil ein Blog oder ein sonstwie gearteter Account frei und öffentlich zugänglich ist, bedeutet das nicht, dass Sie deswegen automatisch anfangen müssen, mit verbalen Fäkalien um sich zu werfen. Vor allem jedoch bedeutet es nicht, dass ich Ihnen auch nur für eine Sekunde das Recht einräume, sich zu beschweren, wenn ich Ihnen besagte Fäkalien mit Anlauf zurück in den Nacken schmeisse.

Sie haben das Recht auf Ihre Meinung.

Sie haben aber auch das Recht einfach stillschweigend woanders hinzuklicken.

Denn wenn Sie in den Kaufhof kacken, müssen Sie ja auch schließlich damit rechnen, dass Ihnen die Security ein paar auf’s Maul haut.

In diesem Sinne.