Textinsel 01

Nächstes Jahr soll Gerüchten zufolge von mir ein Buch erscheinen. Ich glaube diesen Gerüchten zwar nicht, aber unabhängig davon, ob ich das nun glaube oder nicht, ist es eine Tatsache, dass wenn man ein Buch schreibt, ganz oft nicht wenige Kapitel auf der Strecke bleiben.

Weil man die Geschichte an sich ändert, weil man irgendwas plötzlich unsäglich doof findet oder in einem akuten Zuckerrausch alles umschmeisst und doch viel lieber Grönland ziehen würde um dort Kaninchen zu züchten. Oder Chinchillas. Hauptsache was weiches. So oder so, wäre es bei dem ein oder anderen Kapitel jedoch schade, wenn sie einfach so in der digitalen Schublade vergessen werden würden. Deswegen gibt es jetzt hin und wieder hier genau diese Kapitel. Auf dass sie eben nicht vergessen werden.

***

PROLOG

„Wie geht es Ihnen?“ fragt sie und guckt mich an wie ein Fisch im Aquarium, bei dem gerade eine Lobotomie durchgeführt wird. Ihre Kurzhaarfrisur ist wie ihr allgemeines Erscheinungsbild sexuell uneindeutig und abgesehen von zwei überladenen Brüsten, die man jedoch ebenfalls bei Männern jenseits der Fünfzig hin und wieder mit Grauen entdecken kann, deutet sonst nichts darauf hin, dass sie zum selben Geschlecht wie ich gehört.

Nicht, dass das in dieser Situation irgendeine Rolle gespielt hätte.

„Entschuldigung.“ zische ich und habe Mühe mich im Zaun zu halten und nicht reflexartig nach irgendwas stumpfem oder spitzem zu greifen, aber das einzig stumpfe in diesem Raum ist dieser unsägliche Dialog.

„Was denken Sie, wie es mir geht? Ich bin in einer verschissenen Klinik und das bestimmt nicht wegen der töften Inneneinrichtung, denn seien wir ehrlich, hier sieht es aus wie in einer dieser Anstalten, in denen die Nazis in den Dreißigern psychisch Kranke umgebracht haben.

Gut, auf Ihrem Schreibtisch steht ein iMac, aber hey, ansonsten hat dieser Ort nicht mehr oder weniger Charme als eine Euthanasie-Station. Ich weiß, das klingt ein wenig harsch, aber Sie dürfen sicher sein, nur weil ich die Erste bin, die es laut ausspricht, bin ich ganz sicher nicht die Erste, die es gedacht hat. Und deswegen sind wir doch hier, um zu reden, damit es uns dann besser geht, weil Reden ja hilft, weil irgendwer irgendwann mal gesagt hat, dass Reden hilft.

Aber seien wir ehrlich: Reden hilft einen Scheißdreck. Denn in meinem Fall bedeutet Reden nur laut auszusprechen, was ich ohnehin die ganze Zeit denke. Reden ist echt nicht mein Problem. Es ist das Denken! Denn es hört nicht auf, also wirklich niemals und wenn ich darüber rede, was ich so denke, ist das nichts anderes als lautes Denken und damit weder besonders befriedigend, noch schön, geschweige denn von sonstiger erkenntnistheoretischer Bedeutung.

Aber ich verstehe schon, dass es für Sie wichtig ist. Dass ich rede, dass wir reden, vielleicht sogar miteinander, weil Sie ja schließlich nicht in meinem Kopf sind, das wäre auch höchst unangenehm und irgendwie unpassend, und daher können Sie ja auch nicht wissen, was ich so denke. Aber selbst wenn Sie nicht wissen, was genau ich die ganze Zeit denke, sollte Ihnen die Antwort auf die Frage, wie es mir geht, eigentlich klar sein. Denn wenn es mir gut ginge oder auch nur Naja oder Geht so, dann wäre ich zweifellos nicht hier. Also können wir allein schon aus meiner Anwesenheit in diesem Raum schließen, dass es mir nicht gut geht. Nein, es geht mir nicht gut. Es geht mir sogar verdammt beschissen.“

Sie schaut mich ohne jede Regung an, so als wäre ich ein Opossum im Zoo und als wüsste sie nicht, wie sie auf meinen seltsam derangierten Anblick angemessen reagieren soll. „Ich verstehe.“ sagt sie schließlich und macht sich mit einem neongrünen Kugelschreiber, auf dessen Seite der Name eines Pharmakonzerns, dessen Produkte ich vermutlich die nächste Tage zu mir nehmen werde, steht, Notizen. Sie lächelt, so wie Psychiater nun mal lächeln, ein wenig einstudiert, ein wenig dünn und vor allem mit der notwendigen emotionalen Distanz, die letztlich aussagt: „Ich möchte dir das Gefühl vermitteln, dass du hier sicher bist.“

Aber ich fand schon immer, zu dieser weltweit anzutreffenden Mimik passen auch stets die Sätze „Doch, doch, der Braten schmeckt vorzüglich und überhaupt nicht angebrannt, Schatz!“ und „Bitte legen Sie die Waffe weg.“

„Vielleicht beginnen wir besser am Anfang. Was meinen Sie, wann haben Ihre Probleme angefangen oder wodurch wurden Sie ausgelöst?“

„Oh. Das kann ich Ihnen ziemlich genau sagen.“

9 thoughts on “Textinsel 01

  1. Ab dem „Es ist das Denken.“ finde ich es klasse. Davor etwas verkrampft gewollt. (Und jetzt fühle ich mich wie ein Sportmoderator, der nach 30min Joggen scheintot umfällt, aber beim Fußball mit Entrüstung in der Stimme feststellt, dass „Er den doch hätte reinbringen müssen.“ Oder so…)

    • Alles gut. Das Tolle an Literatur ist ja, egal wie beschissen oder wie grandios sie ist: Sie muss nie allen gefallen. Nicht einmal den meisten.

  2. Ich habe bisher alles von Dir verschlungen, aber mit dem Text kann ich nicht ganz so viel anfangen. (Aber ich will Dich da jetzt auch nicht ermutigen :-)

    Nur so als Kleinstbemerkung: Ist bei Deinem Buchvertrag ein Lektorat dabei?
    Weil der ein oder andere Fehler fällt mir schon auf und was ich so von Selfpublishern gehört habe, sollte man nicht am Lektorat sparen.
    Ich will das jetzt nicht aufzählen, weil dieser Text ja eh nicht gedruckt wird, war nur so eine grundsätzliche Frage bzw. Anregung.

    • Ich vermute, du willst mich nicht ‚entmutigen‘? Und ja, da sitzt ein Lektorat dabei, ist nämlich kein Selfpublishdingsbums, sondern mit Verlag – und meine Lektorin darf sich dann mit meinen ganzen Rechtschreibfehlern und meinen grammatikalischen Komplettausrastern dann auseinandersetzen ;)

      BTW: „Wir“ haben das Kapitel rausgenommen, weil die Richtung dadurch so ernst und teilweise auch schwer wurde… Der Leser soll ja Spaß am Lesen haben und sich nicht anschließend selbst in ’ne Klinik einweisen wollen. Ob dir die Kapitel, die es wirklich ins Buch schaffen, dir gefallen, kann ich natürlich nun nicht sagen. Aber ich empfehle testweise den Text http://orbis-claudiae.blogspot.de/2013/11/och-no_23.html. Aus Gründen.

      • – Aus Gründen werde ich mir das Buch kaufen und vorher keine Schnipsel lesen.
        – Dass bei Dir ein Verlag mit im Spiel ist, wursste ich. Meine Selfpublishing-Erwähnung war gerade deshalb, um die andere Relevanzecke klar zu machen.
        – Ich will Dich nicht entmutigen, weil ich das
        1. wohl gar nicht könnte
        2. ich an die bisherige und sonstige Kraft Deiner Worte glaube und
        3. wegen drittens

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.