Grapefruits für alle

Ich halte nicht viel davon, einzelne Menschen gezielt im Netz anzugreifen. (Nur der Vollständigkeit halber: Ich halte generell nichts davon, Menschen anzugreifen, es scheint in der digitalen Welt nur mehr akzeptiert zu sein …)

Denn ich bin ganz allgemein der Meinung, dass das Internet groß genug ist. Dass man sich ganz einfach aus dem Weg gehen kann, wenn man die Meinung, die Texte, die Musik oder auch einfach die Persönlichkeit eines anderen kacke findet.

Wenn einem etwas nicht gefällt, guck halt weg, lies was anderes.

Da ich in den letzten 48 Stunden viel Mimimi in Bezug auf Julia Engelmann lesen konnte – bis zu „Macht sie nicht so fertig! Stellt euch vor, sie bringt sich jetzt euretwegen um, wollt ihr das?“ –, klappt das nicht so richtig mit dem woanders hingucken.

Worum geht es?

Und weißt du, Dinge werden wahr, wenn man sie oft genug sagt
Sie oft genug –, heute wird ein schöner …
Weißt du, Dinge werden wahr, wenn man sie oft genug sagt
Sie oft genug –, heute wird ein schöner Tag
Komm, wir machen mal das Fenster auf, das Radio laut
Lass frischen Wind herein und alle alten Zweifel heraus
Wenn du fest daran glaubst, dann wirst du glücklich
Und heute gibt es Grapefruit zum Frühstück

 

Sowohl bei Amy&Pink, als auch bei Noisey wurde sich bereits sehr farbenfroh über die Unzumutbarkeit von diesem Lied von Julia Engelmann ausgelassen. Und natürlich über Julia Engelmann selbst. Da peitscht einem schon der pure Hass zwischen den Zeilen entgegen und nun gibt es natürlich Menschen, die sagen: Och Mensch, die arme Julia, lasst die doch, das macht ihr doch nur, weil es en vogue ist, sie scheiße zu finden, hat sie doch alles nicht so gemeint, seid doch nicht so.

Daher geht dieser Text jetzt hier genau genommen auch nicht gegen Julia Engelmann – denn da dürfte ja inzwischen alles gesagt sein –, es geht gegen jene, die nicht verstehen wollen, wieso dieses Lied und die Ignoranz, die dahinter steht, unsereins so verdammt wütend macht.

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Recht und Gerechtigkeit

Die Welle an Sexismus- und Missbrauchsvorwürfen, die seit geraumer Zeit über Hollywood hinwegfegt, scheint gar nicht mehr abebben zu wollen. Aber wirklich verwunderlich ist es natürlich nicht. Der #Aufschrei vor vier Jahren hat, trotz seiner vermeintlichen Ausmaße, nur die Spitze eines Eisberges freigelegt.

Sexismus mit all seinen Ausprägungen kam eben nicht über Nacht. Und er wird auch nicht über Nacht verschwinden. Falls er überhaupt jemals verschwindet.

Die permanente Auseinandersetzung damit ist daher wichtig und notwendig – völlig egal, wie sie manche auch nerven mag.

Ich habe jedoch beim Umgang mit dieser Debatte ein grundsätzliches Problem. Denn mir wurde Zeit meines Lebens eingebläut, dass die Schuld eines Menschen bewiesen werden muss. Juristisch und moralisch. Das schien immer völlig außer Diskussion zu stehen – auch wenn die Medienlandschaft das in Fällen wie Kachelmann & Co. gerne anders sah. Und sieht.

Und während „wir“ bei Alltagssexismus, Missbrauch und sexuellen Übergriffen selten oder überhaupt nicht Namen und Personen nennen, sondern gerne von dem weißen Mann mittleren Alters reden, ist es bei anderen Fällen keineswegs abstrakt. Es werden Namen genannt. Konkrete Anschuldigungen.

Worauf sich viele genötigt sehen, ebenfalls konkret Stellung zu beziehen.

Natürlich wäre es bizarr bei all den verschiedenen Frauen, die sich gemeldet haben, weil sie bedrohliche, beängstigende und geradezu ekelerregende Erlebnisse mit Harvey Weinstein gehabt haben, anzunehmen, er hätte nichts von alldem getan. (Selbst für den hypothetischen Fall, dass eine der Frauen nicht die Wahrheit gesagt haben sollte.)

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