Ich bin Atheistin und das ist auch gut so

Man mag es mir nicht immer anmerken, aber ich bin ein unfassbar höflicher Mensch. Okay, solange ich nicht mit der Telekom-Hotline telefonieren muss. Aber ansonsten schon. Liegt vielleicht daran, dass ich so lange in der Gastronomie und im Einzelhandel gearbeitet habe. Ich grüße, ich sage Danke und Bitte und wenn man sich abends nicht noch eine gute Nacht wünscht, fühle ich mich wie ein Troll. Vor allem jedoch bin ich aus reiner Höflichkeit Agnostikerin.

Agnostiker glauben zwar wie Atheisten nicht an Gott. Da man aber keinen Negativbeweis erbringen kann, sind sie jedoch für die Möglichkeit, dass es Gott vielleicht doch gibt, zumindest offen. Man kann es schließlich weder beweisen, noch widerlegen. Damit sind Agnostiker offiziell die höflichsten Menschen in der putzigen Welt der Religionen.

Ich würde übrigens sehr gerne an Gott glauben

Oder an Zeus. Oder Karma. Oder irgendwas, was dem ganzen Chaos um uns herum ein bisschen Ordnung beschert. Gut, wir sind zwar zu dumm, zu erkennen, wie genau diese Ordnung aussieht, aber allein der Gedanke „Joah, voll ärgerlich, dass der Torben von diesem Waschbären aufgefressen wurde, aber Gottes Wege und so, da machste nichts.“ erscheint mir höchst tröstlich. Theoretisch.

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Sonntagsmenschen

Ich glaube, es gibt zwei verschiedene Arten von Sonntagsmenschen:

Die, die gut gelaunt aus dem Bett hüpfen, sich hübsch machen und zum Brunchen mit Freunden gehen. Oder einen munteren Spaziergang über den Flohmarkt machen, wo sie zwanzig Jahre altes Porzellan mit Goldrand und neckischen Blumen drauf kaufen – oder einen verspielten Jugendstil-Tisch fürs Wohnzimmer, auf dem in den kommenden Monaten immer die Blumensträuße für Instagram pompös inszeniert werden.

Mittags isst man vielleicht einen leichten Salat mit einer proteinreichen Beilage, vielleicht Riesengarnelen oder frischen Bio-Lachs, und nachmittags legt man sich mit einem Buch in den Park, mit der Biographie von Lena Dunham oder einem dieser Gedichtbände in dem pro Seite immer nur sehr deepe, kurze Verse stehen („Dreams are only the direction, Life is the road„), die einem so sehr zum Nachdenken anregen, dass man ständig innehalten muss.

Man genießt das Vogelgezwitscher und die Sonnenstrahlen. Zwischendurch holt man sich vielleicht ein Eis oder eine Rhabarberschorle, bevor man den Abend ausklingen lässt mit einem Weißwein, Wirsingchips und einem guten Gespräch auf dem Balkon.

Und dann gibt es mich.

Die um sieben laut eskalierend aus dem Bett springt, rummault, warum zur Hölle alle so laut sind, zurück ins Bett stampft, sich leise motzend Oropax reindrückt und die debil aussehende Schlafmaske aufsetzt, weil sie den Versuch unternimmt, wieder einschlafen zu wollen.

Vielleicht gelingt das sogar, aber dann träumt man nur von Geschlechtsverkehr mit ehemaligen Kunstlehrern oder dass man bei Hannibal Lecter zum Dinner eingeladen wird und beleidigt ist, weil er einen nicht essen will. Also wacht und steht man wieder auf, läuft den restlichen Tag gerädert durch die Wohnung, schließt überall die Rollos, die der Mann in einem grotesken Anflug von „Carpe Diem!“ aufgerissen hat und reagiert auf die immer wieder aufkommende Frage, was wir heute machen wollen bzw. ob ich mit raus will bzw. ob ich mir heute noch eine Hose anziehen will, lediglich mit einem sarumanhaften Lachen.

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