Missverstandenes Tofu

Ich verspüre den Drang ein Buch zu schreiben. Also noch eines. Also falls das andere jemals fertig wird. Der Titel wäre auf alle Fälle schon einmal gefunden: „Warum vegetarisch leben kacke ist und warum ich es dennoch versuche.“

Wobei ich vor allem dem ersten Teil des Titels besondere Beachtung schenken würde.

Natürlich steht das Konzept noch nicht zur Gänze, aber nach gewissen Vorfällen am Wochenende in der Küche, weiß ich zumindest, worum es im ersten Kapitel gehen wird!

Kapitel Eins: „TOFU – Ein Leben voller Missverständnisse und Vorurteile“.

Tofu Ich würde mich vorrangig den Fragen widmen, warum es riecht, schmeckt und aussieht wie es nun mal riecht, schmeckt und aussieht und würde in alter Galileo-Mystery-Manier das Geheimnis lüften, ob es letztlich nichts anderes ist, als das inzestuöse Endprodukt, welches entsteht, wenn Kotze, Fimo und Hundefutter versuchen, zarte Liebe zu machen.

Wie gesagt, noch ist es nur ein Gedankenspiel, aber ich habe so das dumpfe Gefühl in der Magengrube – dort, wo gerade die Inhalte des wöchenendlichen Essens vor sich hinfaulen und nun vermutlich besser aussehen, riechen und schmecken als vor dem Verzehr –, dass ich nicht die Einzige bin, die sich immer mit diesen geradezu metaphysischen Fragen auseinandersetzt.

Stay tuned!

Schlimm. Es ist alles ganz schlimm.

„Schlimm.“ denke ich, als ich in den Spiegel gucke und mein dümmlich aussehendes Antlitz betrachte. „Ganz schlimm sieht das aus.“ Ich spreche schlimm in Gedanken wie schlümm aus, in der Hoffnung, dass es dadurch nicht mehr ganz so schlimm ist, aber mit der Hoffnung ist das ja so eine Sache – sie erfüllt sich recht selten und auch in diesem Fall macht sie keine Ausnahme.

Ich prüfe meine schwammig erscheinenden Gesichtskonturen und die roten Punkte, die in verschieden Größen und Ausprägungen, wie das Lichtermeer eines Volksfestes, auf mir vor sich hinglühen und hämisch und viel zu laut jedem zurufen: „Hallo! Wir sind hi-hi-hiiiier. Kein Abdeckstift und kein Puder kann uns verdecken. Bestaune und begaffe uns, Menschheit, wir sind das fleischgewordene Zeugnis davon, wie inkonsequent und undiszipliniert ein einzelner Mensch doch sein kann. Muahaha. Muahahahaha!

Ich stöhne und denke darüber nach, dass ich echt, also wirklich!, was mit meiner Ernährung machen muss. Und packe gleichzeitig die Marzipanschokolade von Merci aus, die es aus tückischen Gründen inzwischen riegelweise zu kaufen gibt. Ich beobachte mich im Spiegel, wie ich die Schokolade auspacke, sie esse und dabei die ganze Zeit „Daff follteft du jetft eft nifft effen!“ sage. „Schlimm.“ denke ich erneut und überlege, ob ich heute Abend noch das Tartufo essen soll. Vielleicht nachher, beim Fernsehen, nicht jetzt, beschließe ich und gehe zum Schreibtisch.

Eine Tüte M&M’s (die mit den Nüsschen) und ein Corny-Riegel Schoko liegen neben der Tastatur, ein Paket Katjes in der Schublade. Die ersteren sind morgen fürs Büro. Weil ich offenbar eine Achtjährige im Körper einer 33-jährigen bin. Anders kann ich mir das nicht erklären. Erwachsene nehmen Brot und Obst und Gekochtes mit ins Büro, irgendwas mit Gemüse und Mineralstoffen, mit komplexen Kohlenhydraten und anderen Dingen, von denen sie durch das ARD-Morgenmagazin wissen, dass sie wichtig und gesund sind. Ich nicht. Ich bin geistig auf dem Informationsstand der Cartoon-Stunde von SuperRTL hängen geblieben und halte Schokolade für meine erste Wahl, wenn es um die tiefgreifende Frage geht: Was esse ich morgen im Büro?

Heute hatte ich ein Schoko-Franzbrötchen, Marzipanschokolade, Corny Schoko und ein Duplo. Außerdem Kola. Light natürlich. Wegen der Kalorien. Ich habe die Selbstkontrolle eines österreichischen Sexualtriebtäters und dazu denselben verhängnisvollen Hang zur Selbstzerstörung. Ich würde gerne sagen, ich habe alles versucht, aber das wäre schlichtweg gelogen.

Ich hatte mal eine App, mit der ich meine Schritte gezählt habe, aber das zieht immer so viel Energie vom Akku… und ohnehin, was will man da zählen? Ich hatte eine App, in die ich meine Mahlzeiten eingetragen habe und die hat mir dann gesagt, was gut war oder nicht so gut und wie viel ich noch essen darf und was. Überraschung: Wenn man bei allen Mahlzeiten Schokolade einträgt, ist das offenbar nicht so gut und man darf den restlichen Tag nichts mehr essen. Oder den restlichen Monat.

Ich mache keinen nennenswerten Sport, außer koitalen, aber selbst den nicht mehr so häufig oder übermäßig engagiert. Ich bin einmal Laufen gewesen, das war nicht so schön, denn Nahtoderfahrungen sind in der Regel nicht so schön und ich selbst war es anschließend auch nicht mehr, manche von Ihnen erinnern sich vielleicht. Aber wo wir gerade beim Thema Schönheit sind: Denn das ist ja das eigentliche Thema.

Natürlich geht es auch um Gesundheit. Aber das kann man viel besser ignorieren. Denn Gesundheit sieht man ja oft nicht. Dieses Strahlen, das gesunde Menschen angeblich haben, dieses innere Strahlen, das ist in Wirklichkeit Make-Up und Concealer, nichts anderes, ich muss es wissen, denn ich habe das nicht, also sowohl das Strahlen als auch den Concealer und wenn ich ehrlich bin, musste ich letzteres googeln.

Wie auch immer. Gesundheit ist mir egal. So wie es jedem egal ist, bis er krank wird. Oder stirbt. Oder beides. Oft in dieser Reihenfolge. Bis dahin aber: Pupsegal. Lange leben Pancakes, das Sofa und Bier!

Mir geht es also nur um die Schönheit, denn die ist nicht da. Wie auch, so ganz ohne Concealer? Ich befummel mein Gesicht, während ich das schreibe und zwischendurch immer wieder Richtung Schublade schiele, in der die Katjes-Dinger liegen. Katjes sind vegan, denke ich, als wenn damit aus Ernährungsscheisse, Ernährungsgold werden würde. Mein Gesicht glüht, zumindest bilde ich mir das ein. Die kleinen roten Türme, die wie die Überlebenden einer Atomreaktorkatastrophe Signale nach außen senden, sie glühen. Sie brüllen, sind zornig, weil sie nicht gehört werden, einfach amateurhaft überschminkt werden, weil aus den Augen, aus dem Sinn.

Die Sache mit den kleinen Reaktortürmen in meinem Gesicht geht nun seit einigen Monaten so. Es wird nicht besser. Als wenn die Tatsache, dass ich kein Gramm abnehme (Üüüüüberaschung!) nicht ätzend genug wäre, aber das kann man ja ignorieren, indem man große Spiegel meidet. In der Dusche singe ich stets eine Hymne auf meine Kurzsichtigkeit, die meinen weichen Körper in etwas konturloses, fast wolkenartiges verwandelt. Vielleicht bin ich fett, vielleicht auch nicht – ohne meine Brille ist mein Körper wie Schrödingers Katze.

Die Türme kann man nicht ignorieren. Das haben Reaktortürme nun mal so an sich. Höchst lästig. Dabei ignoriere, verdränge und prokrastiniere ich doch so leidenschaftlich und sonst auch sehr erfolgreich. Aber nun sind die Reaktortürme da, jeden Morgen beim Aufwachen, jedes Mal, wenn ich tagsüber auf Toilette gehe, jedes Mal, wenn ich mich in einem Schaufenster spiegle und mich nicht schnell genug ducken kann. Ich muss oft auf Toilette, wegen der Kola und dem Kaffee, es ist wirklich alles ganz furchtbar.

Sie fragen sich sicher, worauf ich hier hinauswill und warum Sie sich das durchlesen, aber letzteres kann ich Ihnen beim besten Willen nicht sagen und selbst bei ersterem bin ich mir nicht wirklich sicher.

Das Ding ist nämlich nun, ich arbeite seit kurzem in einer Redaktion, wo die Menschen ganz viel Sport machen. Und zwar – halten Sie sich fest – freiwillig. Gerne. Ich weiß, ich finde es auch eklig. Die gehen in ihrer Mittagspause schon mal ’ne Runde Laufen oder machen unten an den Geräten Sport. Dann essen sie Obst und trinken Tee oder irgendwelche Protein-Shakes, die schmecken, als hätte man mit ’nem feuchten Lappen übers staubige Regal gewischt. Der Kollege hat seit Ostern auf seinem Schreibtisch den Milka-Daim-Hasen noch stehen und ich habe heute überlegt, dass ihm vermutlich nicht mal auffallen würde, wenn ich den einfach wegsnacke. Den Hasen, nicht den Kollegen. Mein Hase hatte nicht mal die Chance meine Schreibtischoberfläche zu berühren, so schnell hatte ich den an Ostern inhaliert.

Aber, und das muss man einfach sagen, ich war vermutlich noch nie in einer Umgebung, die so sehr von dem Thema Fitness, Ernährung und Sport gefesselt ist, wie jetzt. Es mag ein schokoladenfeindliches Umfeld sein, ja, aber es ist auch eine Chance. Und das sage ich nicht nur, weil die Redaktion auch eigene Apps hat und Apps ja bekanntlich heutzutage der Schlüssel zu fast allem sind. Das sage ich primär, weil mein Gesicht immer noch glüht wie Kryptonit, sobald Clark Kent in der Nähe ist. Weil ich 33 bin. Weil es so nicht mehr weiter geht. Aber vor allem, weil es einfach nicht okay ist, dass man sich reflexartig die Augen herausreißen möchte, wenn man irgendwo an einem Spiegel vorbeiläuft.

Und da ich kein Fan von Diäten bin, einfach aus dem simplen Grund, weil ich sie nicht einhalte, und ich mich gut genug kenne, dass es nüschts, aber auch überhaupt nüschts bringt, wenn ich jetzt postuliere: Ab heute morgen lebe ich gesund, vitamin- und ballaststoffreich, verbanne Industriezucker, Chemie und Alkohol aus meinem Leben und nehme bis zum Tag X Zwölfzighundert Kilo ab!!!

Denn ich schwöre Ihnen, täte ich derlei, ich würde hier mit einer aufgerissenen Tüte Katjes sitzen, noch bevor sie diesen Artikel zu Ende gelesen habe und er ist wirklich verflucht lang.

Nein. Für so Konsequenz-Schwachmaten wie mich müssen es Babyschritte sein. Denn wenn wir eines von Hitler gelernt haben: Es muss nicht immer gleich Russland sein, manchmal reicht für den Anfang auch Sudetendeutschland. Daher werde ich jetzt, also genau jetzt, aufstehen, eine Kiste nehmen und alles an Cola, Schokolade und Zucker da rein packen und die Kiste in der Abstellkammer verstauen. Nicht für immer (Wie gesagt: Klein denken, Sudetendeutschlandklein!), sondern mein Ziel ist schlicht und einfach das Ende der Woche.

Drei simple Bürotage ohne Kola, ohne Schokolade, ohne Gummibärchen, ohne Teilchen und Croissant. Ohne Kekse, Pudding, Eis – wobei noch zu klären wäre, ob Ben&Jerry’s Eis ist oder nicht viel eher tiefgefrorenes göttliches Ambrosia mit Cookie Dough … Ohne Ben&Jerry’s, Claudia! Ohne Nutella. Ohne alles, was meinem Leben Sinn und Freude bereitet.

Drei simple Tage. Mit Vollkorngedöns und Käse und Äpfeln und Bananen und sowas halt. Drei Tage – lächerlich, denken Sie. Das bizarre ist: Ich bin nicht sicher, ob ich drei Tage durchhalte. Ich bin nicht mal sicher, ob ich den heutigen Abend durchhalte. Und es ist allein dieser Gedanke, der mir Angst macht und mir (zumindest in diesem Moment) die Entschlossenheit gibt, dass es offenbar höchste Zeit ist, das zu machen. Drei Tage auf Entzug. Wenn ich die nicht durchhalte, habe ich ein Problem. Also ein wirkliches.

Und wenn ich es durchhalte (Sie erinnern sich an die Sache mit der Hoffnung), dann die nächsten drei Tage… und dann die nächsten drei Tage… ein Schritt nach dem anderen.

Und vielleicht hören dann auch irgendwann die Atomreaktoren in meinem Gesicht auf, Alarm zu schlagen.

Legen wir los.

RIP

Ach so, ich werde das natürlich dokumentieren. Sie können diesen traurigen Selbstversuch hier auf Instagram bei seinem wortwörtlichen Scheitern beobachten. Es wird nicht schön. Aber das ist es bisher ja auch nicht.