Snapidipapididu!

Ich gestehe, ich hatte so meine Schwierigkeiten mit Snapchat. Weder habe ich verstanden, wozu genau es gut ist, noch, was so gut daran sein soll, wenn Beiträge, die man mit Liebe erstellt hat, nach 24h einfach ins Nirwana des Netzes eintauchen. Blog, Instagram, Twitter… da sieht man, was man gemacht hat. Oder zumindest, womit man seine Zeit so verplempert hat. Aber Snapchat?

In meinem Alter muss man ja generell höllisch aufpassen, dass man von den digitalen Prozessen nicht einfach überholt wird. Whooosh – schon überholt! Und dann stehste da wie die Kuh vor’m Scheinwerferlicht und fragst dumm rum, was das hier soll.

Ich habe etwa sieben Anläufe gebraucht, bis ich mir einen Account zugelegt habe. Allein deswegen, weil mir das Anlegen des Accounts an sich zu anstrengend war. Und selbst dann. Wie wischt man und wann und warum? Und wann und wie kommen diese Filter und warum hat Torsten aus der Buchhaltung diesen geilen Filter, wo er Regenbogen kotzen kann und ich nicht? Fragen über Fragen. Verdammte digitale Prozesse eben.

Kürzlich, vor wenigen Tagen erst, freundete ich mich aber mit diesem Ding an. Es ging ganz schnell und tat auch nicht weh und seitdem suchte ich es schon fast ein wenig. Das Schöne ist eben: Die „Followerzahl“ ist egal, es gibt kein Profil zum Ego streicheln, das der Welt sagt, wie viele Leute welchen Snap geil fanden. Es gibt keine Likes und keine Favs, weder als Sternchen noch als Herz. Stattdessen Menschen, die verknautscht und authentisch ihre Gedanken und Eindrücke rausplärren. An wen so genau – man weiß es nicht. Ist auch egal. Snapchat ist nicht so narzisstisch und eitel wie die meisten anderen Netzwerke. Manchmal sind die Snaps geradezu banal und gerade deswegen befriedigen sie den voyeuristischen Trieb des gemeinen Netznutzers.

Und die Tatsache, dass du weißt, dass in 24h dein Foto von letzter Nacht einfach wieder weg ist, ist auch schön. Schön beruhigend.

Ich will nicht sagen: Kommt alle zu Snapchat, wir sind ungeschminkt und haben Wein aus Pappkartons! Ich sage nur, dass ich enorme Lust daran gefunden habe, mittels Snaps Geschichten zu erzählen. Und da man seine Historie der letzten 24h auch jeweils runterladen kann, kann ich sie auch woanders teilen, wenn mir danach ist – und ich nicht vergesse, sie manuell dort irgendwann zu löschen, wenn mir doch wieder einfällt, dass sie schon irgendwie peinlich ist …

So oder so, diese Art unkompliziert und schnell und realistisch Geschichten zu erzählen und mittels Filmchen und Fotos aufzubereiten, macht eine Heidenlaune. Und ich denke, ich werde das in Zukunft noch öfter machen.

 

Nachtrag:

Weil ich super schlau bin, habe ich nirgendwo erwähnt, wie ich denn bei Snapchat heiße. Nämlich nicht orbisclaudiae … sondern:

Foto 11.05.16, 11 53 41

Der Fehler

Ich habe einen Fehler gemacht. Irgendwann, zu einem Zeitpunkt, der gefühlt Jahrzehnte zurückliegt, habe ich im Netz den Schritt raus aus der Anonymität gemacht. Und das war ein Fehler. Ich hatte einen hübschen Twitteraccount und einen hübschen Blog, die beide unter dem Namen orbisclaudiae liefen, und das war’s. Kein Klarname. Keine Selfies. Kein irgendwas, das Auskunft gab über mein analoges Leben.

Es begann mit dem Wechsel des Avatars, weg von einem beliebigen Foto aus den unendlichen Tiefen der Tumblr-Blogs, hin zu einem, auf dem meine ganz eigene Fresse in einem gestreiften Oberteil zu sehen war. Und es endete schließlich mit einem neuen Blog auf meinen Namen.

Es war eine Entwicklung, die sich über Jahre vollzogen hat. Nichts, was von heute auf morgen geschehen war. Es war schleichend. Und das ist das perfide daran.

Ich habe letztlich nichts zu verbergen. Weder besagte Fresse, noch meinen Klarnamen – denn hinter orbisclaudiae hätte sich ja auch in Wirklichkeit ein 57-jähriger Triebtäter verstecken können, der im Keller seiner nicht minder gestörten Mutter wohnt und diesen nur verlässt, weil er sie waschen muss oder ähnlich schmackhaftes.

Das Problem sind auch nicht irgendwelche Fremde, die das hier alles lesen. Fremde, die sich in dem Niedergeschriebenen wieder erkennen. Fremde, die mich nicht leiden können. Vermutlich, weil sie ebenfalls im Keller ihrer Mutter wohnen und sonst keine Hobbys haben.

Das Problem sind Menschen, die mich kennen oder meinen mich zu kennen. Der Mann, der auf Facebook eine beiläufige Bemerkung über Männer von mir liest und sauer ist, weil er das auf sich bezieht. Kita-Mütter, die mich googeln und dann unnette Dinge, die ich ins Internet schrub, lesen. Dinge über sie. Dinge, die vielleicht so nicht stimmen. Dinge, die ich erfunden habe. Dinge, bei denen ich ihre Namen nicht nenne, sie sich aber trotzdem enttäuscht und getäuscht sehen von mir. Dinge, die sie aus dem Zusammenhang reißen, Dinge, die dazu geboren sind, missverstanden zu werden, Dinge, die ich nie geschrieben hätte, hätte ich geahnt, dass sie mich googeln.

Ich schreibe nun immer öfter keine Dinge.

Es liegt mir auf der Zunge. Das Gefühl. Die Situation. Die Worte. Manchmal wabern sie nur umher, ploppen gegen die Schädeldecke. Manche schreien. Manche schreien sehr laut.

Früher setzte ich mich hin, schrieb sie auf und drückte auf Publish und die Worte waren weg. Raus aus meinem Hirn, durch die Finger und die Tastatur, rein ins Nichts des Netzes. Doch jetzt sitzt vor der Tastatur ein kleines, untersetztes Männlein. Es schaut grimmig und erinnert mich stumm und vorwurfsvoll, dass es da draußen Menschen gibt, die mich kennen. Nicht wirklich, es reichte vielleicht für ein „Hallo.“ und den Namen, aber das reichte offenbar, um mich zu googeln.

Menschen, die nicht zwischen einem literarischen Ich und meinem analogen Ich unterscheiden können und wollen. Menschen, die meinen, meine Welt drehe sich um die ihre und wenn ich ein Thema aufgreife, dann müssen sie damit gemeint sein. Meinen, dass sie etwas wüssten, nur weil sie ein paar Buchstaben lesen auf irgendeiner Webseite.

Ich muss mich dann erklären. Entschuldigen. Missverständnisse beseitigen und auf Vergebung hoffen. Das macht man ein, vielleicht zwei Mal. Und danach sitzt da dieses Männchen. Das den Kopf schüttelt, wenn man die Finger auf die Tastatur legen will. Das dir die Namen all derer ins Ohr flüstert, die es lesen könnten, weil sie nichts anderes zu tun haben, als dich zu googlen.

Ich würde sehr gerne jetzt sagen, dass ich auf all diese Namen scheiße. Dass ich mir von denen nicht meinen Blog kaputtmachen lasse. Dass ich nichts falsch gemacht habe. Dass ich nichts dafür kann, dass Menschen kein eigenes Leben haben und danach lechzen, einen misszuverstehen. Dass das nicht mein verschissenes Problem ist.

Aber Fakt ist: Ich habe einen Fehler gemacht. Und ich ertappe mich immer öfter bei dem Gedanken an einen neuen anonymen Blog, einen neuen, anonymen Twitter-Account. Einen ohne Selbstzensur-Männchen und einem Avatar von irgendeinem Tumblr-Blog.

Das Einzige, was mich daran hindert, ist ein zweites kleines Männchen. Eines, das zutiefst von Widerwillen und Trotz erfüllt ist. Ich kann nur noch nicht sagen, welches Männchen am Ende entschlossener, wütender und lauter sein wird.