Kindermund

Ich bin ja immer ein bisschen erleichtert, wenn ich sehe, dass ich nicht die Einzige bin, die die Anekdoten über den vermeintlich hochbegabten Nachwuchs, die regelmäßig auf Twitter kundgetan werden, hin und wieder etwas albern findet.

Klar, unsere Kinder sind alle toll und empathisch und supa kluk, aber bei so manchem deepen Zitat und mitfühlender Frage eines Zweijährigen – vorgebracht mit der grammatikalischen Perfektion eines Thomas Mann – wird man ja schon ein bisschen stutzig. Daher, liebe Eltern, lasst euch nicht irritieren, wenn sich die Gespräche eurer Kinder „lediglich“ über Pupse und ähnlich intellektuell hochtrabende Themen drehen.

Denn auch wenn mein kleines Feministenherz kurz ein bisschen hüpfte, als der Fünfjährige die Tage fragte, warum beim Hobbit denn keine Frauen mit bei Thorins Gruppe seien, hat er ebenso sehr, sehr stolz erzählt, dass er seinen Popeln Namen gibt. Und ich weiß nicht wieso, aber das Zweite wird mir vermutlich länger im Gedächtnis bleiben. 

Nicht mein Tag

Als ich an diesem Morgen aufwache, ahne ich schon , dass das nicht mein Tag werden würde. Ich war gestern um sieben ins Bett gegangen. Einfach, weil ich müde war und Lust dazu hatte bzw. keine Lust auf alle anderen Alternativen.

Ich wusste, um sieben ins Bett zu gehen, barg gewisse Risiken. Ich bin kein Schläfchen- oder gar Powernap-Typ. Ich bin ein Vier-Stunden-Siesta-Typ. Und um sieben Uhr abends Siesta zu machen, läuft in der Regel auf eine schlaflose, da wache Nacht hinaus. Dieses Mal jedoch nicht. Ich schlummerte mich von Stunde zu Stunde und als ich nach 12 Stunden erwachte, weil ein sehr aufgebrachter Welpe auf meinem Gesicht herumturnte und versuchte, meinen Dutt zu fressen, war ich immer noch nicht bereit, aufzustehen.

Wolle Schuldgefühle kaufen?

Man sollte meinen, nach 12 Stunden würde man leicht und beschwingt aus dem Bett hüpfen und wie ein Reh auf Koks durch den Tag flitzen. Aber nein. Stattdessen habe ich Schuldgefühle, weil ich um sieben ins Bett gegangen bin und noch mehr, weil ich 12 Stunden geschlafen habe und noch mehr, weil ich jetzt immer noch nicht aufstehen will.

Es geht bergab mit dir, sagt eine Stimme. Sie war nicht sehr laut, aber sehr vorwurfsvoll. Schau dich an, wie so ein Asi. Wer schläft schon so viel? Schlafen ist unproduktiv. Weißt du, wer so viel schläft? Menschen auf RTL2!

Ich raffe mich auf, füttere den Hund und falle wieder ins Bett. Wenn ich morgens von wildfremden Stimmen angemotzt werde, macht mich das nicht gerade munterer. Als ich irgendwann nach neun wie ein Reptil unter einem Stein herausgekrochen komme, bin ich immer noch nicht bereit für diesen Tag. Egal, wohin ich in der Wohnung blicke, es schmerzt: Die unausgepackte Kiste mit Drogeriemarktprodukten (keine Markennennung, weil sonst Werbung, also fickt euch ihr Abmahner!) im Bad, das ungespülte Geschirr in der Küche, das Lego-Playmobil-Armaggeddon im Kinderzimmer, die Wäscheberge im Schlafzimmer, der Hund, der sich gerade in besagten Wäschebergen wälzt.

RTL2, raunt die Stimme, ich sag’s ja. Im Schlafanzug sitze ich unentschlossen am Schreibtisch, vor mir eine grotesk lachende Frosch-Plastiktasse meines Sohnes mit Kaffee. Es ist mir gerade zu viel. Also alles. Man müsste halt irgendwo anfangen, aber wo und wozu überhaupt? Irgendwann raffe ich mich auf. Weil es doch in meiner Hand liegt, diesen Tag zu gestalten, sage ich laut, damit die Stimme es auch hören kann.

Kleine Ziele sind mein Endgegner

Ich baue den zweiten Gartenstuhl zusammen, der seit fast einer Woche ausgepackt, aber nicht zusammengebaut im Wohnzimmer liegt, mahnend, klagend, hölzerner Zeuge meiner offensichtlichen Unfähigkeit. Ich baue ihn zusammen, fast schon möchte so etwas Zartes wie Zufriedenheit in mir emporkriechen, fast schon möchte ich murmeln „Ach schau, siehste, geht doch und jetzt machste mit dem Nächsten einfach weiter“, da merke ich wie der Stuhl kippelt. Nicht ein bisschen, sondern so, dass er mehr mit einem Schaukelstuhl als mit einem normalen Stuhl gemein hat. Ich stehe da, zwinkere aggressiv, während die Stimme in der Ecke ein grölendes Lachen von sich gibt.

Ich möchte alles anzünden und weggehen. Keine Ahnung wohin. Ist aber auch egal, ich habe eh keine Streichhölzer. Ich blicke mich um, etwas was ich einfach unterlassen sollte, generell, aber in diesem Moment besonders. So viel Kram um einen herum, so viel Gedöns und Staubfänger, die alles unruhig machen und danach schreien, aufgeräumt zu werden.

Es darf um mich herum nicht unruhig sein, denn das ist es ja schon in mir, und wenn es draußen auch noch chaotisch oder vermeintlich chaotisch ist, wird meine Psyche seekrank. Continue reading