Nicht mein Tag

Als ich an diesem Morgen aufwache, ahne ich schon , dass das nicht mein Tag werden würde. Ich war gestern um sieben ins Bett gegangen. Einfach, weil ich müde war und Lust dazu hatte bzw. keine Lust auf alle anderen Alternativen.

Ich wusste, um sieben ins Bett zu gehen, barg gewisse Risiken. Ich bin kein Schläfchen- oder gar Powernap-Typ. Ich bin ein Vier-Stunden-Siesta-Typ. Und um sieben Uhr abends Siesta zu machen, läuft in der Regel auf eine schlaflose, da wache Nacht hinaus. Dieses Mal jedoch nicht. Ich schlummerte mich von Stunde zu Stunde und als ich nach 12 Stunden erwachte, weil ein sehr aufgebrachter Welpe auf meinem Gesicht herumturnte und versuchte, meinen Dutt zu fressen, war ich immer noch nicht bereit, aufzustehen.

Wolle Schuldgefühle kaufen?

Man sollte meinen, nach 12 Stunden würde man leicht und beschwingt aus dem Bett hüpfen und wie ein Reh auf Koks durch den Tag flitzen. Aber nein. Stattdessen habe ich Schuldgefühle, weil ich um sieben ins Bett gegangen bin und noch mehr, weil ich 12 Stunden geschlafen habe und noch mehr, weil ich jetzt immer noch nicht aufstehen will.

Es geht bergab mit dir, sagt eine Stimme. Sie war nicht sehr laut, aber sehr vorwurfsvoll. Schau dich an, wie so ein Asi. Wer schläft schon so viel? Schlafen ist unproduktiv. Weißt du, wer so viel schläft? Menschen auf RTL2!

Ich raffe mich auf, füttere den Hund und falle wieder ins Bett. Wenn ich morgens von wildfremden Stimmen angemotzt werde, macht mich das nicht gerade munterer. Als ich irgendwann nach neun wie ein Reptil unter einem Stein herausgekrochen komme, bin ich immer noch nicht bereit für diesen Tag. Egal, wohin ich in der Wohnung blicke, es schmerzt: Die unausgepackte Kiste mit Drogeriemarktprodukten (keine Markennennung, weil sonst Werbung, also fickt euch ihr Abmahner!) im Bad, das ungespülte Geschirr in der Küche, das Lego-Playmobil-Armaggeddon im Kinderzimmer, die Wäscheberge im Schlafzimmer, der Hund, der sich gerade in besagten Wäschebergen wälzt.

RTL2, raunt die Stimme, ich sag’s ja. Im Schlafanzug sitze ich unentschlossen am Schreibtisch, vor mir eine grotesk lachende Frosch-Plastiktasse meines Sohnes mit Kaffee. Es ist mir gerade zu viel. Also alles. Man müsste halt irgendwo anfangen, aber wo und wozu überhaupt? Irgendwann raffe ich mich auf. Weil es doch in meiner Hand liegt, diesen Tag zu gestalten, sage ich laut, damit die Stimme es auch hören kann.

Kleine Ziele sind mein Endgegner

Ich baue den zweiten Gartenstuhl zusammen, der seit fast einer Woche ausgepackt, aber nicht zusammengebaut im Wohnzimmer liegt, mahnend, klagend, hölzerner Zeuge meiner offensichtlichen Unfähigkeit. Ich baue ihn zusammen, fast schon möchte so etwas Zartes wie Zufriedenheit in mir emporkriechen, fast schon möchte ich murmeln „Ach schau, siehste, geht doch und jetzt machste mit dem Nächsten einfach weiter“, da merke ich wie der Stuhl kippelt. Nicht ein bisschen, sondern so, dass er mehr mit einem Schaukelstuhl als mit einem normalen Stuhl gemein hat. Ich stehe da, zwinkere aggressiv, während die Stimme in der Ecke ein grölendes Lachen von sich gibt.

Ich möchte alles anzünden und weggehen. Keine Ahnung wohin. Ist aber auch egal, ich habe eh keine Streichhölzer. Ich blicke mich um, etwas was ich einfach unterlassen sollte, generell, aber in diesem Moment besonders. So viel Kram um einen herum, so viel Gedöns und Staubfänger, die alles unruhig machen und danach schreien, aufgeräumt zu werden.

Es darf um mich herum nicht unruhig sein, denn das ist es ja schon in mir, und wenn es draußen auch noch chaotisch oder vermeintlich chaotisch ist, wird meine Psyche seekrank. Continue reading

Hyänenhipster

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Manchmal, genauer gesagt gestern, stellte ich mir vor, ich hätte unermesslich viel Geld. Was man mit unermesslich viel Geld so alles kaufen könnte, welche Probleme sich dadurch in Luft auflösen würden, hach, was wäre das schön. Wenn ich jedoch tatsächlich unermesslich viel Geld hätte, würde ich in diesen Tagen vor allem eines tun..

Ich würde mir eine Zeitmaschine kaufen, ein paar Wochen zurückreisen, mir alle iPhones 6 im Hamburger Apple Store reservieren lassen, am Freitag den 19.09.2014, gemütlich um sieben Uhr achtundfünfzig mit einem heissen Latteirgendwas zum Store flanieren, beobachten, wie sich die Hipstersekte sabbernd die aknebefleckten Näschen an der Fensterfront plattdrücken und dann schließlich reingelassen werden und wie ein mit jutebeutelbehangenes Rudel ausgehungerter Hyänen hineinstürzen, der Fährte zum begehrten Endgerät zielgerichtet folgend, um dann enttäuscht, um nicht zu sagen, bodenlos bestürzt erkennen zu müssen, dass sie umsonst all die Tage vor dem Store ausgeharrt haben. Umsonst gehungert, umsonst gefroren, umsonst den Blasenkatheter gelegt. Oh, dieses Drama, oh, dieser Schmerz!

Was tun, außer sich den restlichen Tag an den Ausstellungsstücken durch manisches Fingerwischen Ersatzbefriedigung zu verschaffen. Das Endgerät sachte in den vor Erregung schwitzenden Händen hin und her zu schaukeln. Es zu liebkosen. Bis der nächste ungeduldig am Ärmel zerrt, weil er jetzt an der Reihe ist, weil er auch lieben und liebkosen will.

An dieser Stelle offenbart sich der ganze Ausmaß meines gottgegebenen misanthropischen Sadismus: Ich komme entlang geschlendert, unauffällig, wie ein voldemortscher Schatten, zücke eines der fünfzig Trillionen iPhones 6, das ich gekauft habe, ganz beiläufig, vielleicht huste ich ein wenig, während ich anfange es zu bedienen, vielleicht ziehe ich die Stirn in Falten, runzle sie verärgert, schnaube, lasse meine Gesichtsfarbe einen rötlichen Ton annehmen, nur um das Endgerät, ebendieses, welche alle Anwesenden, die mich inzwischen mit geweiteten, angsterfüllten Pupillen anstarren, begehren, schließlich mit einer ausholenden, hitlerisch-aggresiven Bewegung auf den Boden zu knallen und rumpelstilzchenlike darauf herum zu treten.

Dann würde ich mit meinem alten iPhone 4S Fotos der beknackten, entsetzen, inzwischen arg suizidgefährdeten Hipsterhyänengesichter machen, mich für eine halbe Stunde in den Starbucks am Rathaus zurückziehen, um das Rudel in seiner tränenbenetzten Trauer um den viel zu frühen Tod ihres Lebensmittelpunktes, dem sie nie näher waren und nie näher kommen werden, in Ruhe zu lassen, nur um dann nachher das Ganze noch einmal zu wiederholen. Und noch einmal und noch einmal und noch einmal.

Ja, das würde ich machen, wenn ich unermesslich viel Geld hätte.

Vielleicht gar nicht so schlecht, dass dem nicht so ist. Also für die anderen.