Chronik einer Zugfahrt

7.30 Uhr

Hin und wieder, mit einer regelmäßigen Unregelmäßigkeit, begebe ich mich hinaus in die Welt und reise mit dem Zug. Mich befällt stets eine immense innerliche Unruhe, sobald ich länger als zwei Stunden das Haus verlasse, bzw. länger als zwei Stunden nicht in der Nähe meines Kühlschranks oder einer anderen Lebensmittelbeschaffungsanlage bin. Vermutlich musste ich in meinem letzten Leben unvorstellbaren Hunger darben, anders kann ich mir diese latente Panik, die mich umgibt, sobald sich ein Sonntag oder eine mehrstündige Autofahrt nähert, nicht erklären.

Dementsprechend sitze ich auch jetzt mit genügend Proviant an den Gleisen, um damit eine komplette Kompanie auf ihrem Marsch nach Russland und zurück zu versorgen.

7.42h

Da der Zug zehn Minuten Verspätung hat, habe ich inzwischen ⅓ meines Proviants vernichtet. Muss die scheiss Kompanie eben in Russland bleiben.

7.44h

Zugfahren an sich ist eine prima Sache, da ich es mag, sich für einen begrenzten Zeitraum auf bestimmte Dinge konzentrieren zu können. Lesen. Schreiben. Arbeiten. Keine Ablenkung. Sieht man davon ab, dass einem zwischendurch lächerlich überteuerte Nüsschen angeboten werden, hat es schon fast etwas asketisches. Leider ist es mir bisher nie gelungen eine Bahnfahrt gänzlich alleine zu bestreiten, da andere Menschen offenbar ähnliche Neigungen verspüren. Andere Menschen sind bekanntlich ziemlich schrecklich. Ich ertrage mich selbst nur mit Müh und Not und vor allem aus Ermangelung einer Alternative.

Sobald sich schon andere Menschen am Gleis neben mich auf die Bank setzen wollen und das kundtun, in dem sie mit vorwurfsvoller Miene abwechselnd mich und meine neben mir, als Pufferzone platzierte Tasche so lange anstarren, bis ich die selbe herunternehme, ist das schon das Maximum an sozialer Interaktion, das ich zu ertragen bereit bin.

7.52h

Während sich immer mehr Menschen auf meiner Bank niederlassen und die Anzeigetafel im Minutentakt munter die Verspätung erhöht, fange ich an zu frieren. Natürlich könnte ich den gesamten Weg wieder zurück laufen und mir einen heißen grande Irgendwas mit fett- und geschmacksarmer Milch und einem Sirup mit einem besonders fancy Namen holen, aber allein die Vorstellung, auf der fast fünf stündigen Fahrt deswegen die Bordtoilette benutzen zu müssen, lässt mich erschaudern und die stalingradistische Kälte des Morgens tapfer und nur ein wenig weinerlich ertragen.

7.57h

De Zooch kütt! Obwohl ich eine Sitzaplatzreservierung habe, springe ich wie von der Hornisse gestochen auf. Beim hektischen Einsteigen und der panischen Suche um die freien Sitzplätze entstehen schnell neandertalistische Gerangel, die in diesen Tagen oft der einzige körperliche Kontakt darstellen. Ich möchte die Gelegenheit nicht missen.

Nachdem ich meinen Leib wie einen wildgewordenen Autoscooter gegen ein paar Businesskasper geworfen haben, warte ich jedoch, bis alle Platz genommen haben und mache mich dann auf die Jagd. Denn so eingänglich das arabische Zahlensystem auf den ersten Blick auch zu sein scheint, so verwirrt es doch immer wieder meine Mitmenschen. Auch heute darf ich auf meinem Sitzplatz jemanden erspähen, der da nicht hingehört. Wie ein umtriebiges Tier beim Nestbau, ist sie gerade dabei sich häuslich einzurichten.

Wie ein Jaguar auf seinem Baum – okay, ein adipöser Jaguar, aber hey, hauptsache Jaguar! -, warte ich solange, bis sie alles verstaut und das Maximale an zugfahrender Gemütlichkeit herausgeholt hat, bevor ich sie darauf hinweise, dass das mein Platz ist. Sofort wird ihr Gesicht knallrot, so wie bei diesen Vögeln auf den Galapagos-Inseln, sie habe schließlich reserviert, Platz 72 habe sie reserviert, Geld habe sie dafür bezahlt, nämlich, und das könne nicht sein, das wäre ihr Platz, sie habe reserviert, jawohl, das habe sie und überhaupt, das wäre ihr Platz, Platz 72. Ich betrachte sie, während sie sich in Rage redet und überlege, ob ihr Kopf wohl explodieren könnte, so wie in einem dieser Itchy & Scratchy Cartoons. Einfach so. Splash! Als sie fertig zu sein scheint, lächle ich mit der Bösartigkeit einer Schneekönigin und verweise sie darauf, dass sie auf Platz 73 sitzt.

Es sind eben die kleinen Dinge im Leben, die Freude bringen.

Dass Menschen auch im Jahr 2014 mit simplen Zahlenfolgen überfordert zu sein scheinen, erfüllt mich gleichermaßen mit Sorge und Gleichgültigkeit.

8.17h

Ich richte mich auf meinem Platz, Platz 73, für den habe ich bezahlt, jawohl, ein, und bringe alles auf dem Sitz neben mir in Position. Der Trick ist, es möglichst aufwändig aussehen zu sehen, sollte man gebeten werden, den Platz freizuräumen. Sollen die Menschen sich doch neben solche setzen, die nur eine Jacke oder eine Handtasche neben sich legen – elendige Amateure. Ich muss stundenlang hier sitzen und mein Bedürfnis nach körperlicher Intimität wurde durch das Gerangel beim Einstieg vollends befriedigt. Ich ertrage die anderen Menschen in meinem Abteil nur unter Anstrengung, warum sollte ich jemand Fremdes stundenlang direkt neben mir dulden? Atmend. Transpirierend.

Um Menschen davon abzuhalten, sich neben mich zu setzen, habe ich im Laufe der Jahre verschiedene Methoden perfektioniert. Hier ein paar Tipps:

  1. Schlafen Sie. Sie müssen nicht wirklich schlafen. Lehnen Sie wenige Minuten vor Einfahrt in den nächsten Bahnhof den Kopf gegen das Fenster, auf ihren Brustkorb etc. Entspannen Sie möglichst ihre Gesichtszüge, stellen Sie sich am Besten vor, Sie hätten eine spontane Gesichtslähmung, sabbern Sie ein wenig – Erwecken Sie so gut wie möglich den Eindruck, dass es unbarmherzig, geradezu unmenschlich wäre, Sie zu wecken, um Sie zu bitten, den Platz neben Ihnen zu räumen.
  2. Fangen Sie kurz bevor die Neuen einsteigen an zu telefonieren. Auch hier gilt: Sie müssen nicht wirklich mit jemandem telefonieren. Machen Sie aber den Ton aus, damit Sie während Ihres Telefonats nicht tatsächlich angerufen werden. Sprechen und beschweren Sie sich während Ihres imaginären Telefonats laut über Ihre akuten Blähungen oder andere Darmprobleme. Streuen Sie Details ein, erwähnen Sie ruhig vergangene Mahlzeiten „DER WIRSING, OH, DIESER VERDAMMTE WIRSING!“. Jeder Mensch hat zwar einen Darm, aber jeder Mensch tut gerne so, als hätte er keinen.
  3. Sobald die Ersten das Abteil betreten, imitieren Sie Spasmen und Trema. Fangen Sie an zu zucken. Rufen Sie Schimpfwörter. Fotze geht immer, aber auch Ergänzungen wie Fotzenpimmel sind willkommen. Um die Irritation perfekt zu machen können Sie auch einfach normale Wörter fluchend rausbrüllen: NUDELSALAT! zum Beispiel entfaltet, mit genügend Emphase vorgetragen, immer eine besondere Wirkung. Lassen Sie Ihrer Fantasie freien Lauf. Dem improvisierten Tourette sind keine Grenzen gesetzt.
  4. Unabhängig davon, ob Sie gekochte Eier mögen oder nicht, haben Sie welche dabei. Am Besten in aufgeschnittener Form, auf einem Brötchen oder Sandwich, damit sich das Aroma möglichst entfalten kann. Bitte nicht kühlen! Alternativ gehen auch diverse Fischsorten oder Nachos mit Käsesaucen.

(Vielleicht schreibe ich irgendwann ein Buch darüber. „101 Wege, um auf einer Zugfahrt in Ruhe gelassen zu werden“.)

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10.22h

Irgendwann nach Münster passiert das Grauenhafte, Unvorstellbare, Unwünschbare. Ich muss auf’s Klo.

Zugtoiletten sind einer der furchtbarsten Orte der Welt. Diese nur semi-vertrauenswürdige Tür, bei der man ständig fürchtet, sie würde mit einem lauten WHOOOSH! aufgehen und die eigene Nacktheit unaufgefordert der Mitbevölkerung präsentieren. Das Metall der Toilette selbst, das dem Ganzen dem kalten Flair einer Hinrichtungsstätte verleiht und mit der mangelnden Hygiene und den oft nur notdürftig weggeputzten Urinresten auch gleich eine Idee mitliefert, wie man hier zu Tode kommen könnte.

Auf kaum sichtbaren Kotresten ausrutschend, sich das Genick am harten Stahl der Kloschlüssel brechend und mit heruntergelassener Hose nach Stunden oder Tagen von irgendwelchen unambitionierten Putzkräften gefunden werden. Voll schön. Das Ganze wird noch von 0,5-lagigem Toilettenpapier abgerundet und der Frage, wie man sich hier die Hände waschen und die Räumlichkeiten verlassen kann, und dabei nur so wenig wie möglich anfassen muss.
Zugtoiletten – stumme, fäkale Petrischalen des Todes.

11.37h

Irgendwo nach Dortmund schlafe ich, durch das exzessive Vorgaukeln des Schlafens (s.o.), tatsächlich ein und verpasse sagenumwobene Städte wie Hagen, Wuppertal und Solingen, deren Existenzberechtigung eher zweifelhaft ist.

Geweckt werde ich schließlich durch die panischen Durchsagen des Zugführer, der – von der Deutschen Bahn auf ein falsches Gleis gelenkt und nun plan- und orientierungslos außerhalb der Bahnhofs stehend – uns an seiner unbeschreiblichen Ratlosigkeit teilhaben lässt.

12.10h

Wir haben es inzwischen geschafft eine Stunde Verspätung anzusammeln und dem Ruf der Deutschen Bahn damit alle Ehre gemacht. Außerdem wird spontan beschlossen, nicht am Bonner Hauptbahnhof – wobei das Haupt- hier wohl ohnehin sehr euphemistisch ist -, sondern am Popelbahnhof auf der anderen Rheinseite zu halten, wo der Zug gleich haufenweise verwirrte Ortsfremde ausspucken wird, die vermutlich am Bahnhofsvorplatz wochenlang herumirren, bevor sie schlussendlich wie eine Gazelle in der ausgedörrten Wüste elendig zugrunde gehen.

12.58h

Hallo Bonn. Du blöde Nuss.