Claudia H., 34, Lauftalent

„Mir geht nicht mehr aus dem Kopf, was du gesagt hast.“ schreibt sie und ich fühle mich ein bisschen seltsam, als ich das lese. Das Thema war mal wieder mein Essverhalten, um nicht zu sagen: meine Superkraft, alles, was vorrangig aus Kohlenhydraten, Zucker & Co. besteht, einfach wegzuinhalieren.

Und meine Abneigung gegen Sport im Allgemeinen oder das Schwitzen als Tätigkeit im Speziellen. Und damit verbunden natürlich meine ausufernde Körperfülle, die sich wie Hitlers Expansionsdrang in alle Himmelsrichtungen gnadenlos und unaufhaltsam auszubreiten ließ.

Nichts Neues also. Für mich zumindest. Und mein näheres Umfeld. Und mein weiteres Umfeld. Quasi jeder, der die Naivität besaß zu fragen und dann nicht schnell genug weglaufen konnte. Was relativ einfach ginge, da ich ja bekanntlich nicht hinterher laufen würde.

„Ich mache dir einen Vorschlag: Wir gehen zusammen laufen. Einmal die Woche. Die nächsten 8 Wochen.“ schreibt sie weiter. Ein bisschen komme ich mir vor wie so ein schwer vermittelbares Tier aus dem Tierheim, für das jemand eine Patenschaft übernehmen möchte.

Aber dieses Gefühl ist nur ganz kurz. Denn plötzlich schreit irgendwas ganz tief in mir sehr euphorisch und schrill: „Oh mein Gott ja! Lass uns das machen!“

Was auch immer das war, vermutlich war es betrunken oder sonstwie nicht sonderlich zurechnungsfähig. Denn mit jedem der folgenden Tage dachte ich nur „Fuck. Ich gehe nächsten Donnerstag laufen. Draußen. In Sportklamotten. Laufen. Draußen.“

Am Tag selbst regnete es. Natürlich. Weil Hamburg. Und was auf den ersten nassen Blick nach einer guten Nachricht klingt, war keine. Denn die Alternative zum Laufen (Draußen, Sie erinnern sich?) war eine Trainingseinheit unten im Keller, wo die ganzen durchtrainierten, wunderschönen Redaktions-Freaks in ihrer Mittagspause trainieren, um noch durchtrainierter und wunderschöner zu werden. Und ich direkt daneben? Asthmatisch schnaufend. In einer Trainingshose, die aussah, als wäre ich gerade auf dem Weg zum Sofa. Oder ins Bett. Mit einem Ringelshirt von H&M, weil ich kein supersynthetisches, schweißabsorbierendes, atmungsaktives Super-Shirt für EUR 99,- besitze. Mit kleinen Röllchen rechts und links und vorne und hinten, die keck nach Aufmerksamkeit lechzten.

Nein, das Bedürfnis in diesem Outfit und mit diesem Körper neben Menschen zu trainieren, die Fotos von sich gerne mit #fitfam #fitdurch2017 und #healthychoices auf Instagram posten, war verschwindend gering. Und da meine neue Lauf-Patin nicht den Eindruck machte, als wäre „Wir könnten auch einfach Sushi bestellen?“ eine perfekte Alternative, ging ich tatsächlich vor einer Woche in meiner Mittagspause laufen. Draußen. Im strömenden Regen.

Und was soll ich sagen? Alter Falter, war das geil.

7 thoughts on “Claudia H., 34, Lauftalent

  1. Frau Haessy,

    ich bin ganz ehrlich stolz auf Sie! Und ehrfürchtig…. ich gehöre nämlich zur Kategorie der ’nie Sport Macher, weil immer eine Ausrede parat‘.

    Also: keep running Claudia :)

    • So skurril es klingt: Ich finde im Moment tatsächlich Gefallen am Laufen und war seitdem noch zwei Mal … es könnte also was regelmäßiges werden. Wobei man das bei mir wirklich nie sagen kann …

  2. …und für die Regentage einfach mal die nächsqte Boulderhalle aufsuchen ;) Bin mittlerweile im Fitnesscenter (5 Jahre, 5x da – Sie kennen das ;) ) abgemeldet und min. 2x die Woche da. Weil’s einfach Spaß macht.

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