Claus

Er war acht, als sein Vater gestorben ist und seine Mutter alleine für die Kinder sorgen musste. 1941 war das. Sie führte den Laden des Vaters weiter, Claus half ihr beim Ausliefern der Waren. Es war nicht immer einfach. Vor allem da sein älterer Bruder währenddessen an der Front war. Offizier. Die Großmutter war extra in ihre Heimatstadt gefahren, um den Priester dazu zu kriegen, die kirchlichen Unterlagen zu vernichten, die bewiesen, dass die Familie anno irgendwas mal jüdisch gewesen war, bevor sie sich lutheranisch.. nun.. umorientierte. Zum Ende des Krieges wurde Claus von seiner Mutter getrennt und kam in ein Lager. Dort sei er zweimal fast gestorben. Er erzählt etwas von Duschen und Gas, aber irgendwie scheinen die Details nicht ganz so stimmig zu sein. Claus erzählt ohnehin sehr viel. Er käme gerade von einem Klassentreffen aus Erfurt. Da er 83 ist dürften da nicht sehr viele gewesen sein, denke ich. Seine besten Sachen hat er dazu an, günstig im Ausverkauf erstanden. Das hätte er schon immer so gemacht und zeigt mir stolz seine Schuhe, die neu EUR 600,- gekostet hätten. Seine Frau hätte das auch immer so gemacht. Anneliese. Im Januar ist sie gestorben. Saß morgens in ihrem Sessel und er habe noch gescherzt, sie solle nicht faulenzen, sondern Kaffee kochen. Ein anonymes Grab habe sie nun, sie habe es so gewollt. Er würde später dazu gelegt werde. Er hat alles schon geregelt, aber dann nicht anonym. Er erzählt noch vieles, von den Freimauern, seinem Bruder, der seine Asche an der deutsch-schweizerischen Grenze verstreuen ließ, über die Mittellosen, denen seine Eltern immer Kleidung und Essen gaben, über die Nerze seiner Frau, die ich haben könnte, wenn ich wollte, über seine Arbeit als Geschäftsführer in der Mönckebergstraße, über seine OP und seinen neuen Gehstock. Und vieles mehr.

Ich kenne Claus nicht. Ich habe ihn nie vorher getroffen und werde ihn wohl auch nie wieder treffen. Aber er ist einer jener alten Menschen, die einsam sind, sehr einsam, verdammt einsam, und einfach mal reden muss.

Claus wirkt nett. Aber das ändert letztlich nichts daran, dass ich nicht unbedingt der Typ Mensch bin, der es besonders geil findet, wenn fremde Menschen einem 33 Minuten (ja, ich habe die Zeit gestoppt) lang Dinge erzähle, von denen man nicht genau weiß, warum man sie zu hören bekommt.

Doch während der gesamten 33 Minuten höre ich zu. Aufmerksam. Ich lächle, wenn es angebracht ist. Ich lache, wenn Claus einen Witz macht. Ich runzle die Stirn, wenn irgendwas mit Nazis kommt.

Denn ich kann nur inständig hoffen und beten, dass ich, wenn ich einmal alt und einsam bin und verzweifelt reden möchte, auch auf Menschen treffe, die mir 33 Minuten ihrer Zeit schenken.

Einfach so.

8 thoughts on “Claus

  1. Netten Menschen schenkt man gerne etwas Zeit
    und irgendwie lernt man beim Zuhören immer auch etwas dazu
    auch wenn es letztendlich nur die Erkenntnis ist, daß es zwar nicht dir selbst aber jemand anderem geholfen hat

  2. Na Frau Heassy – sie sind ja doch nicht so zynisch & abgeklärt, wie sie uns allen hier immer glauben machen wollen. Vielleicht trinken Sie im wahren Leben am liebsten Soja Latte to go, streicheln herrenlose Katzen und backen Schwarzwälder- Kirsch- Torte, weil der Mann die so liebt. Und möglicherweise ist es doch nicht der Antichrist, den Sie da zur Welt gebracht haben… Jedenfalls sehr schön. Die 30min und die Höflichkeit sollte jeder Mensch haben.

  3. schön, dass du dir diese 33 minuten zeit genommen hast. für claus war es wohl ein highlight in seinem alltag, in dem es vermutlich nicht mehr allzu viele gesprächspartner gibt…

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