Dagegen oder dafür?

Es gibt Momente, da wird es einem zuviel. Wenn der x-te dich nach deiner Meinung zur Silvesternacht fragt und geradezu schockiert ist, dass du offenbar keine hast. Bzw. eine, die seiner Ansicht nach nicht ausreicht.

Wenn du keiner Seite angehörst. Keinem Lager!

Das musst du doch wissen! Du musst doch auch was zum Kölner Hauptbahnhof sagen! Alle tun es.

Wie sonst soll ich wissen, ob du Sexist bist? Ein Rassist, ein Feminist?

Doch sie tun es nicht nur einfach. Sie sagen nicht einfach nur ihre Meinung. Sie schreien sie. Laut. Durcheinander. Und irgendwie ist es auch keine Meinung mehr, sondern Wahrheit. Zumindest nehmen sie das für sich in Anspruch. Jeder.

Die Polizei hat versagt. Findest du doch auch, oder? Oder?
Ich weiß nicht, ob man das so–

Die Regierung muss einfach jetzt hart durchgreifen.
Wie soll das aussehen?
Na, durchgreifen. Hart. Sofort!

Und überhaupt. Die Presse! Die hält Informationen zurück. Wie findest du das? Dass, was das ZDF da gemacht hat?
Ich war nicht in der Redaktions-Konferenz, ich kann nicht beurt–

Schweinerei ist das! Man fühlt sich doch nicht mehr sicher. Wo soll das hinführen? Wenn erst noch eine Millionen von denen kommt?
Von denen?
Den Muslimen.
Aber man weiß doch bisher nur, dass die Männer–
Das weiß ja inzwischen jeder, dass im Islam die Frau eine weitaus niedere Stellung hat! Und ohne Kopftuch ist man erst recht nichts wert!

Da muss die Integration jetzt einsetzen! Wir können die ja nicht so einfach wieder abschieben. Zurück nach Syrien und so. Das geht nicht. Wir müssen die integrieren. Denen zeigen, dass das hier nicht so geht! Das hier andere Werte herrschen.
Soweit ich weiß, wird das ja auch in den Integrationskursen–
Verständnis ist jetzt völlig fehl am Platz! Findest du doch auch, oder? Diese ganzen Gutmenschen, die meinen, das Verhalten von denen erklären zu müssen. Als würde das irgendwas besser machen.
Man sollte vielleicht zwischen Erklärung und Entschuldigung unterscheid–
RELATIVIEREN tun die das! Da gibt es nichts zu relativieren. Dieses Verhalten ist unentschuldbar! Da stimmst du mir doch zu?

Sowas gab es hier früher nicht.
Na ja, Sexismus ist ja keine Erfindung von Muslimen.
Komm mir jetzt nicht mit diesem Oktoberfestkram! Das ist was völlig anderes. Warum müsst ihr Feministen immer ablenken?
Ich will gar nicht ablenken. Und was heißt hier: ihr Fem–
Das hat doch mit dieser Sache nichts zu tun! GAR NICHTS!
Na, Sexismus ist schon ein grundsätzliches Problem. Es ist tief verwurzel –
Blödsinn! Gott, dass ihr Linken immer mit dieser Opfernummer kommen müsst.
Eigentlich sehe ich mich auch nicht als Linke…

Bei dir weiß ich nie, ob du das ernst meinst, was du sagst. Du kannst das doch nicht wollen und gutheißen, was da in Köln passiert ist.
Tue ich ja auch nicht!
Dann musst du doch auch dagegen sein.
Wogegen jetzt genau?

Wann ist es eigentlich außer Mode gekommen, zu sagen: „Mir liegen nicht alle Informationen vor, um mir zu diesem Zeitpunkt eine umfassende Meinung zu bilden.“?

Warum meinen eigentlich so viele, dass, nur weil sie etwas in einer Zeitung oder im Netz publizieren, es damit auch wahr wird?

Und wieso meinen so viele, dass, nur weil sie etwas gelesen haben und es jetzt wie ein Papagei nachplappern können, es ebenfalls wahr ist?

Und warum meinen so viele, dass das, was sie meinen, alle anderen auch meinen sollen?

Und wieso ist das Bedürfnis jeden und alles in eine ideologische Schublade stecken zu wollen, in diesen Tagen so immens groß?

Ist es schlicht Ausdruck der eigenen Überforderung und der Wunsch nach Klarheit?

Ich weiß nicht, was genau die Polizei dazu bewogen hat, die Geschehnisse in der Silvesternacht herunterzuspielen. Ich kann nicht beurteilen, warum genau die großen Medienhäuser so lange gebraucht haben, um angemessen über das Geschehene zu berichten. Ich bin nicht sicher, ob oder wie die Regierung genau darauf reagieren soll. Und selbst wenn ich einen Zehn-Punkte-Plan in meiner Hosentasche mit mir herumtrüge, wüsste ich nicht, ob wir überhaupt eine Regierung haben, die diese auch umsetzen kann und will. Und vor allem weiß ich nicht, ob Helmut Schmidt jetzt alles binnen weniger Tage lösen könnte. Ich kann die Hintergründe und Motive der Täter in Köln nicht verstehen, genauso wenig, wie ich ähnliche Übergriffe, wie es sie schon in Ägypten gegeben hat, nachvollziehen kann.

Ich finde es schwer, mich zu konzentrieren und mich zu sammeln, wenn man dauernd auf mich einbrüllt, für wen und was und gegen wen und was ich zu sein habe.

Ich kann mich selbst nicht mehr hören, weil ihr alle so laut seid. Weil alle so aufgebracht sind. Und es schon lange nicht mehr um die Frauen geht, die in der Silvesternacht sexuell belästigt worden sind, sondern um „das große Ganze“. Um die Zukunft. Um unsere [sic!] Werte. Um die Flüchtlinge. Um den Islam. Um Pegida. Um die AfD. Um Sexismus. Um Sexismus in Deutschland. Um Feminismus. Um alles. Um jeden. Und das gleichzeitig.

Und ich sitze da, blinzle in meine sich nicht beruhigende Timeline, auf all die Posts, die Bilder um sich schmeissen und in Capslock ihre Leser anschreien. TEILT DAS! TEILT DAS NICHT!

SEI DAFÜR! SEI DAGEGEN!

Und je mehr ich lese, desto weniger weiß ich. Nein. Nicht ganz. Desto mehr weiß ich nur eines: Ich bin gegen Gewalt und Hass. Und ich bin fürs Zuhören. Und das muss manchmal eben reichen.

16 thoughts on “Dagegen oder dafür?

  1. „Und je mehr ich lese, desto weniger weiß ich. Nein. Nicht ganz. Desto mehr weiß ich nur eines: Ich bin gegen Gewalt und Hass. Und ich bin fürs Zuhören. Und das muss manchmal eben reichen.“

    Sehr schön geschrieben. Danke.

  2. „Ich kann mich selbst nicht mehr hören, weil ihr alle so laut seid.“ Toll geschrieben, alles. Aber dieser Satz trifft es auf den Punkt!

  3. Mein Lieblingssatz: „Wann ist es eigentlich außer Mode gekommen, zu sagen: „Mir liegen nicht alle Informationen vor, um mir zu diesem Zeitpunkt eine umfassende Meinung zu bilden.“?“

    Ja! Genau! Danke dafür.

    • Aha, schöne Möglichkeit die Augen vor der Realität zu verschliessen. Da niemals alle Informationen vorliegen werden, braucht man nie handeln. Und die unterschiedlichsten Strömungen und Meinungen von Menschen einfach als laut abzutun, nunja.

      Versuche ich es mal ganz leise:
      Ich hoffe man kann soviel Übereinstimmung erzielen, dass sich die Vorkommnisse von Köln, Hamburg und anderen Städten nicht wiederholen sollten.
      Für diese Feststellung bedarf es keiner Einordnung, keinem Relavitieren ala „aber auf dem Oktoberfest…“
      Es wurden Frauen belästigt und die Polzei hat nicht ausreichend geholfen. (Für diese Feststellung muss ich übrigens nicht sämtliche Einsatzprotokolle der Polzei vorliegen haben)

      Nun haben wir zwei Wege vor uns:
      1. Wir arbeiten das ganze vernünftig auf, auch im Bezug auf eventuelle kuturelle Rückständigkeiten der Männer.
      2. Wir ignorieren die Entwicklung, steuern nicht gegen und die Leute fangen an sich zu bewaffnen.

      Mir persönlich sind die Entwicklungen eigentlich egal, da männlich ohne Beschützekomplex und auf dem Lande wohnend.

      Von daher:

      Bitte warten sie ruhig bis irgendwann alle Fakten vorliegen, aber jammern sie bitte dann nicht herum, wenn es dann zum Gegensteuern zu spät ist!

      • Also, erstens darf und kann ich auf meinem Blog so viel und so lange und so ausgiebig jammern, wie ich lustig bin. Das ist ja das feine an so einem eigenem Blog.
        Zweitens habe ich nirgendwo gesagt, dass ich meine Augen verschließe oder nichts machen will oder möchte. Lediglich, dass ich mich aktuell von den Ereignissen und den Reaktionen darauf überfordert fühle.
        Ich habe kaum einen direkten, aktiven Einfluss darauf, wie die Polizei oder die Medien oder wer auch immer irgendwas aufarbeitet. Genauso wie ich keinen Einfluss darauf habe, dass Sie irgendwo desinteressiert auf dem Land wohnen und das Bedürfnis haben, hier rumzumaulen.

        • Naja, wer seine Meinung veröffentlicht muss damit Leben, dass sie wer nicht mag und wer eine moderierte Kommentarfunktion hat, hat ja auch einfluss auf Stil und Höflichkeit. Puuu. Was ich eigenlich sagen wollte: Liebe(r) Chris, da wird wieder Beschreibung und Ursache/Wirkung verwechselt. Neutrales Beispiel: ich kann beobachten, dass Sonntags Menschen in eine Kirche gehen und das beurteilen. Nur sagt das nichts über die Gründe des Individuums und adequaten Umgang mit den Handlungen des Individuums aus. Nichts. Bis ich mit dem/der Handelnden gesprochen habe und beginne mehr Infos zu haben. Klar kann ich zum objektiv feststellbaren verifiziert en Fakt eine Meinung haben, warum nicht. Bis zu o.a. Schritt der individuellen Bearbeitung neige ich dazu zu Dieter Nuhr zu zitieren: wenn man was nicht genau weiss, einfach mal nix dazu sagen.

          • Lieber Magnus,

            danke für das Ursache-Wirkung-Beispiel, dass aber aus meiner Sicht nicht greift, sondern eher statistisch angegangen werden sollte.

            Sie haben eine Grundgesamtheit, aus der sich eine Stichprobe mit einer nicht wünschenswerten Eigenschaft hevorgetan hat. Natürlich kann man zuerst nicht von der Stichprobe auf die Grundgesamtheit schliessen, jedoch sollte man überlegen, ob man durch bestimmte Maßnahmen, die an der Grundgesamtheit ansetzen, die nicht wünschenswerte Eigenschaft generell eliminiert. Dafür müsste man aber untersuchen, ob in der Grundgesamtheit die unerwünschte Eigenschaft überdurchschnittlich häufig vorkommt. Dann kann man prüfen, ob es signifikante Faktoren für das Vorkommen gibt und ob man diese Faktoren beseitigen kann.

            Dabei ist es aber eben nicht zielführend auf das Vorhandensein dieser negativen Eigenschaft in einer anderen Grundgesamtheit hinzuweisen, da der Hinweis nichts mit den notwenigen Maßnahmen in der ursprümglichen Grundgesamtheit zu tun hat.

            Oder auf deutsch:

            Wenn manche Feministinnen auf den bestehenden Sexismus in der deutschen Gesellschaft hinweisen, dann haben Sie (von den üblichen Übertreibungen abgesehen) Recht. Dies ist verachtenswert und sollte bekämpft werden. Aber eine Verquickung wäre nur dann sinnvoll, wenn beide Sexismusquellen identisch wären und mit den selben Mitteln bekämpft werden könnten.

            oder noch einfacher:

            Wenn die Kirche brennt, muss sie gelöscht werden. Der Hinweis, dass gestern im Landkreis auch eine Kirche brannte ist zwar richtig, aber hilft beim aktuellen Problem nicht weiter.

  4. Also, erstens habe ich nirgendwo gesagt dass sie jammern, sondern nur festgestellt, dass wie diejenigen, die nicht zur Wahl gehen kein Anrecht darauf haben sich über das Ergebnis zu beschweren.So dürften sie nicht jammern wenn durch Ihre Passivität (und der Passivität der anderen) solche Vorkomnisse die Regel werden.
    Zweitens sollten Sie auch Kritik ertragen können, wenn sie ein Blog mit Komentarfiunktion betreiben.
    Und drittens haben Sie sehr wohl (wenn auch geringen) Einfluss auf die Polizei. Diese ist nämlich dem Innenminister des Landes unterstellt, de als Politiker wiedergewählt werden möchte und deshalb ein offenes Ohr für seine Wähler haben dürfte.

    P.S. Ich bin nicht desinteressiert, sondern nur nicht aktuell und zukünftig von dem Problem betroffen.

    Beste Grüße vom Land

    • Notiz an mich: Keine Diskussionen im Kommentarbereich führen… Keine Diskussionen im Kommentarbereich führen… Keine Diskussionen im Kommentarbereich führen…

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