DAS ENDE VON ALLEM

Hätte ich jedesmal, wenn ich als Kind von einem Erwachsenen gehört habe, ich solle meine Kindheit genießen, einen Cent bekommen, hätte ich vermutlich niemals arbeiten gehen müssen. Vielleicht war das aber auch nur bei mir so, vielleicht sind die Erwachsenen in anderen Städten, in anderen Schulen, in anderen Familien ja anders – aber ich durfte mir diesen mahnenden Satz wirklich sehr oft anhören.

Genieß diese Zeit, solange sie dauert!

Gegen mahnende Sätze an sich habe ich nichts. Die gehören ja auch quasi zur Kindheit wie die vergessene Pausenbrotstulle im Ranzen und die quälende Frage, ob man den Satz des Pythagoras wirklich irgendwann mal in seinem Leben brauchen wird.

Putz dir die Zähne, mach deine Hausaufgaben, hör auf deiner Schwester die Haare mit der Geflügelschere zu schneiden – mahnende Worte gab und gibt es als Kind im unkündbaren Abo. Nur die mahnende Worte „Geniiiieeeeß diese Zeeeeeeiiiit!“ sind so hohl, dass man sie sicherlich in einem der Songtexte von Julia Engelmann finden dürfte.

Ich habe als Erwachsene drei Probleme mit dieser Aufforderung:

1. Zum einen geht es nicht darum, etwas Konkretes wertzuschätzen.

Zum Beispiel das Meerschweinchen, das man zum Geburtstag bekommen hat. Oder den Schokoriegel, den man gerade im Begriff ist, zu inhalieren. Nein, stattdessen geht es um „die eigene Kindheit und Jugend“. Abstrakter geht es wohl kaum. Ich meine, die Zielgruppe dieses Gesprächs sind Kinder, keine zu klein geratenen Philosophen, die sich auf dem Weg nach Athen in eine Grundschule verlaufen haben.

2. Selbst Erwachsenen fällt es bisweilen schwer, etwas wertzuschätzen, worauf sie permanent Zugriff haben.

Wir wissen, dass Millionen von Menschen in Armut und Hunger leben. Ändert das etwas an unserem allgemeinen Konsumverhalten oder unserem Umgang mit Lebensmittel? Nope. Nicht wirklich. Es reicht nicht, dass irgendeine Person daherkommt und einem, während man sabbert über seiner 20er Packung Chicken Nuggets hängt, sagt, man solle sein Essen wertschätze. Jetzt. Sofort!

Wie soll das gehen, ohne jemals wirklich (!) Hunger erlebt zu haben? Nein, wenn man nicht mit einem ausgeprägten Sinn für Empathie gesegnet ist, kann man mit derlei Aufforderungen auf der emotionalen Ebene nur wenig anfangen.

Und da Kinder ungefähr so empathisch wie ein Rudel ausgehungerter, tollwütiger Hyänen sind, halte ich ihre Vorstellungskraft diesbezüglich für unzureichend. Die reicht vielleicht, um sich vorzustellen, wie es wäre, wenn man keinen Schokoriegel bekommt oder Gisele das Meerschweinchen wieder weg wäre. Aber nicht, um den Verlust der eigenen Kindheit zu begreifen.

3. Klingt es nicht unfassbar traurig, wenn man einem Kind die Botschaft mitgibt, „Erwachsensein ist voll scheiße!“?

„Man muss arbeiten und Rechnungen bezahlen – und wenn man jetzt jemanden schlägt, muss man nicht zum Rektor, sondern vielleicht sogar ins Gefängnis!“ – Entschuldigung, aber wo genau ist man als Heranwachsender denn falsch abgebogen, dass man sich ein Leben zurückwünscht, in dem einen alles diktiert wurde? Wann man aufstehen soll, was es zu essen gibt, was man anziehen soll, wann man seine Hausarbeiten machen soll, wann man spielen darf, wann man baden soll, wann man ins Bett muss … Geld hatte man auch keins, bzw. immer zu wenig. Einen eigenen Netflix-Zugang ebenfalls nicht. Und wenn man nicht artig genug war, hagelte es auch noch Stubenarrest und Fernsehverbot.

Sollte man nicht, statt sein eigenes Versagen (ein geiles Erwachsenenleben zu bekommen) auf irgendwelche Kinder zu projizieren, diesen Ratschläge geben, wie sie ihre Träume verwirklichen können? Wie sie selbst ein möglichst grandioses Leben führen können?

Statt ihnen nur den Tipp zu geben, das absolutistische System der Kindheit zu genießen und danach die nächsten Jahrzehnte damit zu verbringen, alles so kacke zu finden, dass man selbst eines Tages da steht und einem verwirrten 12-jährigen zunuschelt, es solle diese Zeit genießen?

Ja, ich weiß, vieles ist ätzend, wenn man erwachsen ist.

Die Sorgen und Gedanken, von denen man früher nicht mal ahnte, dass es sie geben wird. Habe ich alle Rechnungen bezahlt? Wie gleiche ich den Dispo wieder aus? Warum ruft er mich nicht zurück? Warum schmerzt mein Rücken so? Bin ich zu fett? Liebe ich mich genug? Hassen mich meine Kinder und wenn ja, wie sehr? Muss ich mir für den Sex nachher wirklich die Beine rasieren oder geht es vielleicht auch so? Wann bemerken die auf der Arbeit endlich, dass ich keine Ahnung habe?

Die Palette unserer Versagensängste ist farbenfroh und endlos. Aber möchte ich deswegen mit einem Kind tauschen? Nein. Denn ich verteidige meine Unabhängigkeit mit Zähnen und Klauen. Meine Unabhängigkeit und das Recht, einen ganzen Tag im Schlafanzug herumzulaufen, länger als eine Stunde fernzusehen, abends so lange zu lesen, wie ich es will, einfach mal nicht die Zähne zu putzen oder mir Smarties als Mittagessen reinzupfeifen.

Ich denke, bei all den Verpflichtungen, den Sorgen, den Unsicherheiten, die wir haben und pflegen, vergessen wir manchmal, dass wir diese Verpflichtungen haben, um ansonsten unabhängig zu sein.

Vielleicht sollten wir das den Kindern sagen – und ihnen nicht den Eindruck vermitteln, erwachsen zu werden ist das Ende von allem. Denn seien wir ehrlich, es liegt in unserer Verantwortung, dass Kinder ihre Kindheit genießen, nicht in ihrer …