Der Fehler

Ich habe einen Fehler gemacht. Irgendwann, zu einem Zeitpunkt, der gefühlt Jahrzehnte zurückliegt, habe ich im Netz den Schritt raus aus der Anonymität gemacht. Und das war ein Fehler. Ich hatte einen hübschen Twitteraccount und einen hübschen Blog, die beide unter dem Namen orbisclaudiae liefen, und das war’s. Kein Klarname. Keine Selfies. Kein irgendwas, das Auskunft gab über mein analoges Leben.

Es begann mit dem Wechsel des Avatars, weg von einem beliebigen Foto aus den unendlichen Tiefen der Tumblr-Blogs, hin zu einem, auf dem meine ganz eigene Fresse in einem gestreiften Oberteil zu sehen war. Und es endete schließlich mit einem neuen Blog auf meinen Namen.

Es war eine Entwicklung, die sich über Jahre vollzogen hat. Nichts, was von heute auf morgen geschehen war. Es war schleichend. Und das ist das perfide daran.

Ich habe letztlich nichts zu verbergen. Weder besagte Fresse, noch meinen Klarnamen – denn hinter orbisclaudiae hätte sich ja auch in Wirklichkeit ein 57-jähriger Triebtäter verstecken können, der im Keller seiner nicht minder gestörten Mutter wohnt und diesen nur verlässt, weil er sie waschen muss oder ähnlich schmackhaftes.

Das Problem sind auch nicht irgendwelche Fremde, die das hier alles lesen. Fremde, die sich in dem Niedergeschriebenen wieder erkennen. Fremde, die mich nicht leiden können. Vermutlich, weil sie ebenfalls im Keller ihrer Mutter wohnen und sonst keine Hobbys haben.

Das Problem sind Menschen, die mich kennen oder meinen mich zu kennen. Der Mann, der auf Facebook eine beiläufige Bemerkung über Männer von mir liest und sauer ist, weil er das auf sich bezieht. Kita-Mütter, die mich googeln und dann unnette Dinge, die ich ins Internet schrub, lesen. Dinge über sie. Dinge, die vielleicht so nicht stimmen. Dinge, die ich erfunden habe. Dinge, bei denen ich ihre Namen nicht nenne, sie sich aber trotzdem enttäuscht und getäuscht sehen von mir. Dinge, die sie aus dem Zusammenhang reißen, Dinge, die dazu geboren sind, missverstanden zu werden, Dinge, die ich nie geschrieben hätte, hätte ich geahnt, dass sie mich googeln.

Ich schreibe nun immer öfter keine Dinge.

Es liegt mir auf der Zunge. Das Gefühl. Die Situation. Die Worte. Manchmal wabern sie nur umher, ploppen gegen die Schädeldecke. Manche schreien. Manche schreien sehr laut.

Früher setzte ich mich hin, schrieb sie auf und drückte auf Publish und die Worte waren weg. Raus aus meinem Hirn, durch die Finger und die Tastatur, rein ins Nichts des Netzes. Doch jetzt sitzt vor der Tastatur ein kleines, untersetztes Männlein. Es schaut grimmig und erinnert mich stumm und vorwurfsvoll, dass es da draußen Menschen gibt, die mich kennen. Nicht wirklich, es reichte vielleicht für ein „Hallo.“ und den Namen, aber das reichte offenbar, um mich zu googeln.

Menschen, die nicht zwischen einem literarischen Ich und meinem analogen Ich unterscheiden können und wollen. Menschen, die meinen, meine Welt drehe sich um die ihre und wenn ich ein Thema aufgreife, dann müssen sie damit gemeint sein. Meinen, dass sie etwas wüssten, nur weil sie ein paar Buchstaben lesen auf irgendeiner Webseite.

Ich muss mich dann erklären. Entschuldigen. Missverständnisse beseitigen und auf Vergebung hoffen. Das macht man ein, vielleicht zwei Mal. Und danach sitzt da dieses Männchen. Das den Kopf schüttelt, wenn man die Finger auf die Tastatur legen will. Das dir die Namen all derer ins Ohr flüstert, die es lesen könnten, weil sie nichts anderes zu tun haben, als dich zu googlen.

Ich würde sehr gerne jetzt sagen, dass ich auf all diese Namen scheiße. Dass ich mir von denen nicht meinen Blog kaputtmachen lasse. Dass ich nichts falsch gemacht habe. Dass ich nichts dafür kann, dass Menschen kein eigenes Leben haben und danach lechzen, einen misszuverstehen. Dass das nicht mein verschissenes Problem ist.

Aber Fakt ist: Ich habe einen Fehler gemacht. Und ich ertappe mich immer öfter bei dem Gedanken an einen neuen anonymen Blog, einen neuen, anonymen Twitter-Account. Einen ohne Selbstzensur-Männchen und einem Avatar von irgendeinem Tumblr-Blog.

Das Einzige, was mich daran hindert, ist ein zweites kleines Männchen. Eines, das zutiefst von Widerwillen und Trotz erfüllt ist. Ich kann nur noch nicht sagen, welches Männchen am Ende entschlossener, wütender und lauter sein wird.

13 thoughts on “Der Fehler

  1. Kein Fehler, vielleicht die Dynamik unterschätzt, und es wird mit dem buch ja nicht weniger werden. Riesen Herausforderung „going public“ und ich wünsch Dir viel Kraft und Unterstützung und den Mut weiter zu machen als Du selbst, ohne verstecken. Bleib Du selbst. Du wirst für Dich und Euch nenn guten Weg finden, da bin ich sicher. *chacka**umarmun* *kicktheirarses* *wasimmerdirhilft*.

  2. Das Problem kenne ich allzugut, auch wenn ich nicht unter meinem Klarnamen blogge, weil ich mal einen irren Stalker hatte, der dadurch herausfand, wo ich arbeitete, und mir Pizza und anderen Kram dorthin liefern ließ. (Awkward.)

    Es war so schön, damals, 2004, als ich meinen Blog eröffnete und noch kein Mensch wusste, was Blogs sind. Inzwischen lesen alle mit: Freunde, Familie, Arbeitskollegen und Menschen, die mich googeln und dann meinen Blog finden. Dabei ist der Ausschnitt, den sie erhaschen, eben nur so ein minimal kleiner, der mich nicht in Ganze repräsentiert. Sie das aber denken.

  3. Ja, genau so ist es mir auch gegangen: Fast zehn Jahre lang hatte ich unter meinem Klarnamen gebloggt und mich im echten Leben für dieses und jenes immer häufiger rechtfertigen müssen. Bis es dann meinem Kopfschüttelmännchen zuviel wurde. „Schluss!“, hat es gerufen, und ich habe Schluss gemacht. Blog dicht, Ende, Aus, Amen …

    … und anderswo wieder anonym angefangen.

  4. Ging mir mit Cotán.net ähnlich. Hatte seit 2003 durchgehalten. Zwar nicht unter Klarnamen geblochtes, aber zumindest deutlich als „ich“ erkennbar. Das Männchen war mir eigentlich egal, allerdings gab es immer mehr unschöne Vorfälle mit Lesern. Und so nagte das Männchen, bis mir sämtliche Lust vergangen war. Naja, die Seite ist noch da, aber ich hab sie vom Web abgeklemmt. Im Zeitalter von Denunzianten und Shitstorms ist mir das alles zu anstrengend… Schade ist es trotzdem.

  5. Einfach den RL-Namen ändern.
    Wie wäre es mit Hildegard Schnatterbeck?

    Und im Ernst: Schade, dass Du Dich rechtfertigen musst. Alle sagen, dass Ehrlichkeit total gut und wichtig ist, aber hören will sie keiner. Auch nicht überspitzt…

    Wenn ich ehrlich bin: Ich habe mein Twitter-Account von Klarname auf Synonym geändert. Weil ich auch mal über den Chef meckern will. Oder meine Freunde. Oder meinen Mann. Und zwar ohne Konsequenzen.

    Ich kann verstehen, das ein neuer, anonymer Anfang verlockend ist.
    Schwierig…

  6. Schade, dass ich dann nicht weiterlesen könnte. Aber verständlich. Ich würd’s wohl machen. (Warum sich selbst unglücklich machen?!)

  7. Ich kenne die beiden Männchen, die dir auf der Schulter sitzen, sehr gut. Mich nerven die auch ständig und lassen mich darüber grübeln, was ich tun soll. Momentan führt das dazu, dass ich eher weniger persönliches und privates schreibe, und mehr „Allerweltskram“ über Filme und so weiter. Aber manchmal hat man eben doch das Bedürfnis, persönliches raus zu lassen, vor allem weil es „früher“ so einfach war und so viel weniger unangenehm.
    Es wäre schade, wenn dieser Blog so nicht weiterleben würde, aber verstehen könnte ich es.

  8. ach wie ich das kenne. ich hatte einen wirklich bekannten, sehr gut besuchten blog und dann kam es wie von dir beschrieben. ich schloss den alten von heute auf morgen und lebe heute anonym mit 5 lesern endlich wieder (m)ein blogleben wie ich es immer wollte.

    ich wünsche dir eine gute passende lösung!

  9. die armen Kindergartenmütter … ich sage Ihnen, Sie sind nicht allein. Mir ging es genauso, bis ich meinen Blog aufgegeben und einen neuen aufgemacht habe. Dieser hängt an einem Thema und ich überlege mir gut, was ich von mir preisgebe – nämlich eigentlich doch recht wenig. Nun passiert es, dass Leute aufgrund dieses Blogs nun meinen, mich zu kennen. Gar mit mir befreundet zu sein, oder womöglich Erlebnisse zu teilen? sehr sehr strange. Das Internetz ist halt nicht für jeden was. Falls Sie sich in die Anonymität flüchten, um dort ungehindert weiter zu schimpfen, versäumen Sie bitte nicht, mir Ihren neuen Wohnort mitzuteilen. Ich werde Sie auch nicht googeln :)

  10. Du hast einmal geschrieben, daß Du Dich nicht für etwas entschuldigst, was Du denkst und / oder fühlst. Denn dafür sollte man sich nicht entschuldigen müssen.

    Und das ist auch gut und richtig so….

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