Der Meinungsträger

Mit der Meinungsfreiheit ist das ja so eine Sache. Natürlich hat jeder das Recht auf seine eigene Meinung. Hitler vertrat zum Beispiel auch eine, ganz schön viel Meinung hatte der. Sie sehen, ich starte direkt mit Godwin, es wird also heiter heute.

Kommen wir zum Wesentlichen: Ich musste drüben auf Facebook mal wieder ein wenig zu viel Schmonsens in Bezug auf Kinderbetreuung, Frauen und ihre (nicht stattfindende) Karriere lesen. Sehr viel Meinung poppte dort wie pubertäre Pickel an die Oberfläche, und hitlergleich war jeder der Ansicht, seine wäre die wahre.

Die Muttertiere kennen das: Arbeitest du schnellstmöglich nach der Geburt wieder, meinen (bevorzugt wildfremde) Menschen gerne, Sinn und Zweck von Schwangerschaft und Kinder haben im Generellen in Frage stellen zu dürfen.
Biste jedoch länger als ein halbes Jahr zuhause, häuft sich recht fix die Frage, wann man denn wieder arbeiten gehen würde. Ob es einem denn nicht langweilig werden würde und ob das einem denn reichen würde. Der Mann könnte ja doch auch schließlich zuhause bleiben. Und wo wir gerade dabei sind, alles zu hinterfragen, weil wir sonst kein anderes Hobby haben: Sollte das Kind in dem Alter nicht schon fließend sprechen? Also unsere Romina konnte ja mit 18 Monaten schon 100 Worte, vielleicht mal zum Logopäden? Aber das musst du selbst wissen.

Nicht nur, dass der passionierte Meinungsträger mit einer geradezu putzig anmutenden Naivität annimmt, dass ALLE Menschen, Mütter, Väter, Kinder, gleich seien, alle die gleiche Bildung, die gleichen Berufsaussichten, die gleichen Karrierechancen, die gleichen Beziehungen etc. haben, er nimmt in einer nicht minder ekelerregend grenzenlosen Arroganz an, dass ALLE Menschen so sein sollten, wie er selbst. Ist man das nicht, ist das vor allem eins: Falsch.

Du bist, liegst, handelst falsch.

Du vernachlässigst deine Karriere. Du vernachlässigst deine Beziehung. Du vernachlässigst dein Kind. Du vernachlässigst deinen Körper und deine Ernährung und deine Gesundheit und außerdem sollte das Baby wirklich in seinem eigenen Bett schlafen. Also unser Tobi hat ja von Anfang an in seinem Bettchen in seinem Zimmer geschlafen. Aber das musst du selbst wissen.

Man hat ja plötzlich nicht nur ein Kind, man hat vor allem plötzlich jede Menge Menschen, die zu jedem Bereich deines Lebens eine Meinung haben. JEDEM. Bevorzugt ungefragt. Bevorzugt mit dieser „Ich bin Papst, ich hab‘ Recht und jetzt knie nieder, du dussliges Ding, und küss den Ring!“-Einstellung.

Egal, ob es um die Schwangerschaft geht (Natürlich kannst du Salami essen, warum solltest du keine Salami essen, ich hab auch Salami gegessen und Rosalie ist völlig normal geworden, aber das musst du selbst wissen.), um Kinderbetreung (Ich würde den Kleinen nicht so früh in die Kita geben, der braucht seine Mutter, sonst hättest du dir das Ganze auch sparen können. Das wäre bei meinem Janosch unvorstellbar gewesen, aber das musst du selbst wissen), um Elternzeit (Carsten ist dann einfach zuhause geblieben, das war gar kein Problem, ist schon ein wenig egoistisch, dass dein Mann sich nicht auch Elternzeit nimmt, aber das müsst ihr selbst wissen.), um Ernährung (Noah), um Windeln (Paula), um postpartalen Coitus oder um die Frage, ob es nun postnatal oder postpartal heisst, der passionierte Meinungsträger ist stets zur Stelle.

Dabei spielt es eigentlich keine Rolle, ob der passionierte Meinungsträger selbst eine/n Romina, Tobi, Janosch zuhause hocken hat, es spielt noch nicht mal eine Rolle, ob der Meinungsträger einen Uterus hat oder einfach nur eine Cousine, die einen Schwangerschaftsabbruch hatte, nie wieder schwanger werden konnte, dann von ihrem Mann verlassen und Alkoholikerin wurde und sich jetzt auf dem Straßenstrich in Odessa verdingt, und man deswegen eine fundierte Meinung zu Schwangerschaft, Schwangerschaftsabbruch, Scheidung, Alkoholismus, Prostitution und ukrainischen Tourismus („Die bieten wundervolle Rundfahrten im Schwarzen Meer an, das MUSST du machen, wenn du da bist! WUNDERVOLL! Ah, du willst keinen Urlaub in der Ukraine machen? Solltest du aber unbedingt. Aber das musst du selbst wissen.“) hat.

Egal, worum es geht, der passionierte Meinungsträger hat zu allem eine Meinung und ist allzeit bemüht, diese nicht nur kundzutun, sondern dadurch vor allem seinem Gegenüber sein offensichtlich defizitäres Wissen und generellen Lebensstil unter die Nase zu reiben. Nur für den Fall, dass man selbst nicht bemerkt hat, was man so alles falsch macht.

Ich nehme mir an dieser Stelle nun heraus, ein paar Worte an den passionierten Meinungsträger als solchen zu richten und ihn, trotz meines defizitären Lebensstils, an folgendes zu erinnern:

„Unter einer Meinung wird […] eine Art des Fürwahrhaltens verstanden, die nicht auf strenger Prüfung beruht und sich infolgedessen der Möglichkeit des Irrtums bewusst ist. Meinung ist dem Glauben verwandt und ein Gegenbegriff zu Wissen.“
(Wörterbuch der philosophischen Begriffe)

Falls Sie das Wesentliche überlesen haben: GE-GEN-BE-GRIFF ZU WISS-EN. Halten Sie kurz inne, bis Sie sicher sind, das auch wirklich, wirklich, WIRKLICH! verstanden zu haben. 

Lassen Sie sich Zeit.

Ich warte so lange.

Fertig?

Gut.

Lieber Meinungsträger: Du hast das Recht auf deine Meinung, aber nirgendwo, wirklich nirnirnirgendwo steht geschrieben, dass sie auch irgendjemanden außer dich interessieren muss, geschweige denn, dass sie irgendwas mit der Allgemeinheit oder gar der Realität zu tun haben muss.

Denn bei einem muss ich dir Recht geben: Am Ende muss ich es selbst am Besten wissen. Also, warum überspringen wir nicht den Teil, in dem durchfallartig Worte aus deinem Mund kommen und denken daran, was der große Philosoph und Menschenfreund Edmund Blackadder zu sagen pflegte:

„Mouth is open, should be shut.“

In diesem Sinne.