Der schlechte Tag

„Jeder hat doch mal einen schlechten Tag,“ sagt sie und beugt sich ein bisschen nach vorne, in ihrem Gesicht zuckt keine Miene, sie meint es ernst. „Ich hab auch schon mal ’nen schlechten Tag!“ fügt sie hinzu und von ihrer Tonlage her könnte man auch meinen, sie erzählt ganz sachlich im Frühstücksfernsehen, welche Butter-Ersatzprodukte sie für Kuchenteig am besten findet.

Mein rechtes Augenlid zuckt unmerklich. Widerstrebend unterdrücke ich den Impuls, irgendwas zu sagen. Schlicht weil es keinen Sinn macht.

Ich glaube, es gibt im Großen und Ganzen zwei verschiedene Arten von Menschen. Nein, nicht diejenigen, die Avocados mögen und die, die sie nicht mögen. Also die natürlich auch. Aber ich rede von denen, die mal ’nen schlechten Tag haben und denen, die mal einen wirklich schlechten Tag haben.

Klar, streiten wir uns alle mit anderen. Mit unserem Partner. Unserem Boss. Unseren Freunden. Oder dem Kassierer im Supermarkt. Jeder ist mal genervt. Von seinen Eltern oder den eigenen Kindern oder wem auch immer. Ist gestresst. Fühlt sich schlapp, vielleicht sogar überfordert von sich und seinem Leben.

Aber wenn die anderen davon reden, dass sie einen schlechten Tag haben, dann geht das darüber noch ein bisschen hinaus.

Es geht um schlechte Tage, an denen man so stark weinen muss, dass man denkt, man übergibt sich gleich. Schlechte Tage, an denen man allein bei dem Gedanken, das Haus zu verlassen, eine solche Panik bekommt – jene Art von Panik, die eiskalt von unten an einem hervorkriecht, nach einem greift und nach unten ziehen will – dass es einem den Atem nimmt. Die Art von schlechten Tagen, die man fast ausschließlich auf dem Boden verbringt, liegend, hockend, und nicht die Kraft findet, aufzustehen, zu essen oder einen geordneten Gedanken zu finden. Jenen schlechten Tagen, in denen der Gedanke aufflammt, dass man nicht mehr kann, dass man keine Energie mehr hat. Weil es nicht zum ersten Mal passiert und man weiß, dass es wieder passieren wird. Die schlechten Tage, an denen man nicht nur für eine Sekunde daran denkt, allem ein Ende zu setzen. Sondern es versucht.

Kann man in Menschen hineingucken und wissen, ob sie diese oder jenen schlechten Tage meinen, wenn sie davon reden? Nein, natürlich nicht. Aber ich weiß nicht, wie es euch geht: ich habe einen kleinen Freak-Kompass in meiner Brust. Der fühlt sich magisch angezogen von Menschen, die solche und ähnlich schlechte Tage leider nur zu gut kennen.

Viel wichtiger ist aber: an der Art und Weise wie bestimmte Menschen über „schlechte Tage“ reden, weil sie ja auch schon mal keine Lust auf Arbeit hatten oder lieber ihre Ruhe haben wollten, kann man leider recht zügig erkennen, ob man von derselben Sache spricht.

Vor allem, wenn im selben Atemzug die Aussage kommt, man müsse sich dann halt trotzdem irgendwie [sic!] zusammenreißen. Einfach mal um den Block gehen und ein bisschen frische Luft schnappen. Spätestens wenn das Wort Grapefruit fällt, ist ohnehin klar, die Person sollte am besten ganz schnell die Klappe halten.

Ich mache diesen Menschen keinen Vorwurf. Man kann nicht über etwas sprechen, was außerhalb des eigenen Erfahrungshorizontes liegt. Für sie ist das, was sie erlebt haben, nun mal das vorstellbare Maximum eines schlechten Tages.

Ich ärgere mich dann eher über mich selbst. Weil ich nicht in der Lage bin, in dem Moment, ganz ruhig und sachlich zu fragen, was genau sie denn unter einem schlechten Tag verstünde. Ob darunter ebenfalls Depressionen, Panikattacken, suizidale Episoden oder autoaggressives Verhalten fallen – oder ob sie glaubt, letzteres seien Menschen, die einfach furchtbar böse zu ihrem Auto sind?

Ich kann es nicht. Weil so viele Gefühle in mir sind, dass ich dann schweige. Und den anderem weiterhin in dem Glauben lasse, er wüsste, was ein richtig schlechter Tag ist.