Die Leiden des jungen Werther

Erinnern Sie sich an Werther? An diesen grausig vor sich hinleidenden Menschen, durch dessen Zeilen man in der Regel in der Oberstufe gepeitscht wurde. Und der bis heute bei mir das Bedürfnis entfacht, mitten in die Seiten seiner weinerlichen Briefe zu springen und ihm höchstpersönlich die Pistole an die Schläfe zu halten, weil man nicht bis zum Ende des Buches warten mag.

Erinnern Sie sich an ebendiesen Werther?

Ich kann nicht genau sagen, wieso, aber genau an diesen Werther muss ich denken, als ich vor einiger Zeit auf einem Poetry Slam saß. Poetry Slams sind ja seit längerem der heiße Scheiß. Und selbst Tante Ursula und Onkel Klaus fühlen sich auf einmal ganz cool und hip, wenn sie sonntags bei Kaffee und Schwarzwälderkirsch ihren Freunden davon erzählen. Die machen dann „Oooh.“ und „Aaaah.“ und sind ganz baff, was für derbe krassen Scheiß Ulla und Klaus machen, während geräuschlos Kuchenkrümel aus dem vor Erstaunen offen stehenden Mund auf die selbst geklöppelte Deckchen fallen.

Und da ich Ulla und Klaus in nichts nachstehen möchte, war ich auch auf einem Slam. Nur als Zuhörer natürlich – so kann man besser be- und verurteilen. Die Texte, die Vortragsweise, vielleicht auch die Garderobe. Vor allem die Garderobe. Schließlich bin ich eine Frau und die sind bekanntlich Miststücke.

Da saß ich also. Zwischen lauter alt gewordener und sich noch jung fühlen wollender Ullas und Klausis und sehr vielen, sehr jungen Menschen. Ich merkte, dass sie wirklich sehr jung waren, denn ich kam mir plötzlich sehr alt vor, wie ich sie so betrachtete und wie meine Oma „Trägt man das jetzt so?“ dachte.

Es war ein U20-Slam und ich bemerkte recht schnell, der Grad zwischen mir und Tante Ulla war schmal und bestand eigentlich nur noch aus der mir noch fehlenden senffarbenden Funktionsjacke von Jack Wolfskin. 

Den Blick von der modeverstörten Jugend abgewendet, konzentrierte ich mich auf das Plakat mir gegenüber an der Wand, an der acht Namen von mir völlig unbekannten Menschen standen. Das ist nicht schwer, schließlich kannte ich aus diesem umherziehenden Volk nur André Herrmann und Ninia LaGrande und beide waren nun wirklich nicht U20. Dementsprechend rechnete ich  heute Abend vorrangig mit einem Pulk von Abiturienten, die wegen der Osterferien länger aufbleiben und deswegen auf die Bühne dürfen.

Was mich wieder zu Werther bringt.

Mir ist bewusst, dass Poetry Slam viele Facetten hat und es viele, verschiedene Slammer gibt, die unterschiedliche Texte zu unterschiedlichen Themen ganz unterschiedlich vortragen. Aber die gefühlte Mehrzahl besteht aus Werthern.

Voller Weltschmerz schleppen sie ihren jungen, gepeinigten Körper vor das Mikrofon, um in mal mehr, mal weniger Reimform, super deep und super gesellschaftskritisch was anzuprangern. Was genau ist nicht immer gleich erkennbar, dafür jedoch der typische Sing-Sang, der in der Regel genau gleich klingt und auch ein wenig so, als würde Goethe einen Text von Sido vorlesen.

Was der Hipster optisch ist, ist der Slammer akkustisch: Gleichförmig, unindividuell und letztlich so deep, dass er sich verirrt in den dunklen Abgründen seiner Worte, die doch beim Raussuchen aus Opis Reimlexikon zuhause noch so schön geklungen haben.

Ja, ich weiß, es sind nicht alle so.

Aber es sind bei Gott zu viele. Immer wieder widerstand ich an dem Abend dem aufkeimenden Bedürfnis, eine geladene Knarre auf die Bühne zu werfen, damit der Slammer die Möglichkeit hat, sich und mich, von seinem Weltschmerz und seiner Schwermut zu erlösen.

Was ist es nur, dass diese jungen Menschen so leiden lässt?

Ist es Koketterie? Ist es das Bedürfnis zu zeigen, zu beweisen, dass sie jenseits von Make-Up-Tutorials von Sami Slimdings und wilden Primark-Shopping-Eskapaden super tiefgründig und sensibel sind? Oder haben sie gerade in der Schule tatsächlich Goethe gelesen und da sie privat ansonsten nicht viel lesen, denken sie vielleicht, das wäre die einzige mögliche Art, der eigenen poetischen Natur Ausdruck zu verleihen?

Oder haben sie schlichtweg das Julia-Engelmann-Video einmal zu viel angesehen?

Ich weiß es nicht.

Ich weiß nicht, ob ich ihnen unsägliches Unrecht tue. Ob sie alle tatsächlich so viel Leid gesehen und sich dermaßen bewusst mit dem Elend der Welt und der Gesellschaft auseinandergesetzt haben?

Ich weiß nur, dass ich es ein wenig bizarr und unglaubwürdig fand, als der letzte Slammer – ein etwa 11-jähriges Wesen, das auch am Ende gewinnen sollte – einen melodramatischen Text über unsere Abhängigkeit von Smartphones und Social Media und der Schnelllebigkeit unserer Zeit vortrug – während ein iPhone 6 neckisch seine Umrisse in die hautenge Slit Fit Jeans meißelte und dabei größer als die eigenen prä-pubertierenden Genitalien zu sein schien.

Als wir rausgingen, nahm mich der Mann an die Hand und lächelte. „Und,“ sagte er „wer hat dir am Besten gefallen?“ Und bevor ich und mein kaltes, hartes Herz etwas antworten konnten, fügte er hinzu: „Also, den letzten, den fand ich am Besten. Der hat mir direkt aus der Seele gesprochen. Toll!“

Und ich – ich hielt einfach mal für fünf Minuten die Fresse …

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