Die letzte Lektion des Peter Lustig

„Peter Lustig ist tot.“ sagt sie und schaut mich an und ich weiß, ich müsste irgendwie reagieren. Stichwort: Betroffenheit. Offenbar hat sich das Universum viel vorgenommen für 2016. Doch es ist nicht so, als wenn ich mich Ende Februar einfach schon an das vermeintliche Massensterben von großen Künstlern und Menschen gewöhnt hätte. Und auch wenn mir sicherlich ein gewisser Ruf vorauseilt, bin ich innerlich nicht so tot, dass mir der Tod eines anderen Menschen völlig am Allerwertesten vorbei geht.

Ich schaue sie noch einen Moment an, zucke mit den Achseln und sage dann: „Der mochte keine Kinder.“ Als wäre damit alles gesagt und irgendwie war es das auch.

Peter Lustig war fester Bestandteil meiner Kindheit. Genauso wie Käpt’n Blaubär oder Samson und Tiffy. Irgendwann wurde ich groß und irgendwann sogar erwachsen und plötzlich hieß es, der Lustig möge gar keine Kinder. Und das änderte alles.

Das Lex-Barker-Syndrom

So nenne ich das. Jedes Mal, wenn ich etwas erfahre, sehe oder höre, was mein (idealisiertes) Bild über einen Menschen für immer verändert. Als ich Jeremy Irons als Pädophilen in „Lolita“ sah. Als ich las, dass der Sohn von Louis de Funès diesen als ganz herrschsüchtigen und cholerischen Mann beschrieb. Oder als ich hörte, dass mein Schwarm Lex Barker seine Frau geschlagen hatte.

Man hört etwas und danach ist es nie wieder dasselbe.

Bei Peter Lustig gibt es nur ein Problem: Es war nicht wahr.

Es war eine Mischung aus grober Fahrlässigkeit, redaktionellem Fehler und (Entschuldigung, aber das kann ich mir nicht verkneifen) Lügenpresse. Der dafür Mit- (oder je nach Sichtweise Haupt-)verantwortliche, Kai Biermann, veröffentlichte inzwischen eine Gegendarstellung.

Und zwar an dem Tag, an dem bekannt wurde, dass Lustig gestorben war.

14 Jahre nach dem Interview mit Lustig, das damals alles ins Rollen gebracht hatte.

Biermanns Entschuldigung und Zerknirschtheit wirkt dabei aufrichtig. Lustig habe ihm damals vergeben, schreibt er.

Auch wenn ich den Zeitpunkt dieser Gegendarstellung ein wenig irritierend finde, vergisst Biermann in seiner Entschuldigung etwas. Denn auch wenn es natürlich primär Lustig selbst war, dem er Unrecht angetan hat, so ist mit der Tatsache, dass dieser ihm verzieh, eben nicht alles verziehen.

Denn es war nicht „nur“ der Ruf von Peter Lustig, der damals gelitten hat. Es waren die Kindheitserinnerungen unzähliger, ehemaliger kleiner Zuschauer, die beschädigt wurden und dazu führten, dass ich den Tod eines Mannes, der meine Kindheit über Jahre mitgeprägt hatte, lediglich mit einem Schulterzucken bedachte. Und meine Scham darüber ist nicht minder groß, als die von Biermann.

Doch noch mehr, als über Kai Biermann und „die Presse“, ärgere ich mich über mich selbst.

Weil ich damals etwas einfach glaubte, ohne es zu hinterfragen. Weil ich einfach nachplapperte, was alle sagten.

Es ist eine Sache, eine Unwahrheit über etwas oder jemanden zu verbreiten.

Es ist eine andere, diese Unwahrheit einfach zu glauben, ohne sie auch nur eine Sekunde kritisch zu hinterfragen.

Peter Lustig ist tot. Aber wenn wir mir durch seinen Tod etwas bewusst geworden ist, dann, dass ich in Zukunft – vor allem in Zeiten des Internets, in der Information im Sekundentakt auf einen einprasseln – vorsichtiger sein muss, bei dem, was ich glaube oder auch eben nicht. Und vielleicht reicht es auch, sich hin und wieder von dem Gefühl, man müsse sich für eine Seite entscheiden, zu lösen und einfach zu sagen: „Ich weiß nicht, ob das stimmt.“

Diese Lektion kam ein wenig spät, aber es ist die letzte, die ich von Peter Lustig lernen konnte.