Die Ordnung der Sterne über FUCK YOU, NEIN!

Menschen, die konsequent sind, sind super. Einige meiner besten Freunde sind konsequent. Sie ernähren sich vegan, gehen viermal die Woche zum Sport und putzen jeden Dienstag und Samstag ihr Bad. Das ist toll.

Ich bin nicht sehr konsequent. Es sei denn, man hält die Ausdauer, mit der ich mich ungesund ernähre, keinen Sport mache und statt sauber zu machen „Aus den Haaren in der Dusche könnte man super Kuscheltiere filzen!“ denke, für eine alternative Version von Konsequenz. Ansonsten aber: Nicht sehr konsequent. Nicht sehr diszipliniert. Nicht sonderlich durchhaltefreudig.

Die einzige Ausnahme: Bücher.

Ich habe den seltsamen Tick, dass ich Bücher immer zu Ende lese. Lesen muss. Egal, als wie scheiße sie sich im Laufe des Lesens herausstellen. Vielleicht ist es das Gefühl, ich schulde es dem Buch oder dem Autor. War ja schließlich anstrengend es zu schreiben. Zumindest erwarte ich, dass der Autor seine Seiten nicht in seiner Mittagspause auf dem Klo mal eben so dahingehuscht hat.

Bücher sind Schätze. Ich verleihe sie nicht. Und verstehe auch Menschen nicht, die sich Bücher ausleihen. Ich mache keine Ecken rein und streiche nichts an. Ich schätze, meine Beziehung zu Büchern ist wie die zu Menschen: Kompliziert.

Also habe ich im Laufe meines Lebens jedes Buch, das ich angefangen habe, auch zu Ende gelesen. Was, ich gebe es offen zu, manchmal wirklich schlimm war. Denn es gibt wirklich sehr, sehr fürchterliche Bücher auf dieser Welt … Egal. Ich folge meinem nicht geleisteten Eid und lese sie, komme was da wolle, zu Ende.

Bis zu diesem Sommer …

2013 landete der Debütroman von Monica Zeiner „Die Ordnung der Sterne über Como“ auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Ich las irgendwo im Netz darüber. Auf Spiegel Online vermutlich. Es klang vielversprechend und als ich das nächste Mal im Buchladen war, las ich rein und was ich las, war noch vielversprechender. Ich meine, wir reden von der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Die setzen ja nicht irgendwas und irgendwen da drauf. Muss ja gut sein.

Ich kaufte es. Und war auch weiterhin begeistert. Der Roman war voller geistreicher Beschreibungen und Wortspiele. Scharfsinnig, wortgewandt. Man verlor sich zwischen den Zeilen, ergötzte sich an Sätzen, die einem selbst weder im nüchternsten noch besoffensten Zustand eingefallen wären. Hin und wieder fühlte ich mich sogar an Thomas Mann erinnert – und empfand dieses kaum in Worte zu fassende, wohlige Gefühl, hier „richtige Literatur“ vor sich zu haben.

Keines jener grell bunten Werke, das im Laufe der nächsten 12 Monate sicherlich mit Oliver Pocher in der Hauptrolle verfilmt werden würde. Nichts, was einem nur auffiel, weil es laut, obzön oder provokant war.

Irgendwann jedoch legte ich es beiseite. Nur kurzfristig natürlich. Aber die Pausen zwischen dem Lesen wurden länger. Ich las es im Dezember 2014 weiter. Dann noch einmal im März 2015. Und im Juli 2016. Und mir wurde bewusst, dass die schönen Sätze, das Wortgewaltige, die Metaphern nicht reichten. Denn die Story war scheiße. Nein, so etwas sollte man nicht sagen … Ich fand sie belanglos. Die Charaktere interessierten mich nicht. Der Punisher hätte auf Seite 301 auftauchen und alle erschießen können und es wäre mir pupsegal gewesen. Tat er aber nicht. Leider.

Ich dachte mir, dass es vielleicht daran lag, dass ich es als E-Book las. (E-Books – igitt!) E-Books sind auch keine richtigen Bücher. Ich brauchte ein richtiges Buch, aus Papier! Damit könnte ich mich viel besser in meinen Ohrensessel setzen, Rotwein trinken und Chopin dabei hören. Auf einem Plattenspieler. Natürlich.

Also kaufte ich mir das Buch ein zweites Mal. Nahm es mit in den Urlaub und las es weiter. Ohne Ohrensessel, Rotwein und Chopin, dafür mit Sonnenliege, Baileys auf Eis und Meeresrauschen. Aber es war immer noch langweilig. Die Rückblenden strengten mich an. Die Personen gingen mir weiterhin an meinem sonnenverbrannten Hintersten vorbei.

Und da, plötzlich, unter der brüllenden Sonne Hollands, legte ich es zur Seite und beschloss, es nicht weiter zu lesen.

Ich versuchte seit über drei Jahren dieses Buch zu lesen. Drei verdammt lange Jahre, in denen ich andere Bücher zusätzlich hätte lesen können. Oder schlafen. Oder essen.

Etwa Dreißig Jahre lang habe ich jedes Buch zu Ende gelesen. Diese Aussage definierte mich. So sehr, dass es fast zum Zwang ausartete. Ich hinterfragte es irgendwann gar nicht mehr.

Wie dumm ist das bitte?

Egal, worum es in unserem Leben geht: Ernährung, Freizeitgestaltung, Hausarbeit, Erziehung, Beziehungen – von mir aus auch unsere Frisur oder wie oft wir uns die Beine rasieren –, wir hinterfragen viel zu selten, wieso wir tun, was wir tun.

Denn wenn wir häufiger einen Schritt beiseite treten und uns fragen würden, ob wir dies oder jenes wirklich tun müssen oder nur meinen, es tun zu müssen, weil wir es schon immer so gemacht haben, dürfte die Antwort überraschend häufig „Fuck you, nein.“ sein.