Die Mutter aller Castingshows ist zurück

Bild: RTL

DSDS ist wieder da – und einfach perfekt für jeden, der am Samstag Abend außer Zimmerpflanzen umtopfen und Briefmarken sortieren nichts vorhat.

Wisst ihr noch, damals? Als man samstags vor Heullachen unter dem Wohnzimmertisch lag, weil gerade die drölfzigste Kandidatin meinte, in ihr schlummerte der nächste Superstar, und vor Bohlen & Co. eine Gesangsdarbietung feilbot, die man unbearbeitet in ägyptischen Foltergefängnissen wiedergeben konnte?

Damals, als der Samstag und Mittwoch während der Castings geradezu heilig war, man sich verabredete, um sich vor Fremdscham gemeinsam in den Sofaritzen zu verkriechen. Man sich staunend und schadenfroh fragte, wo denn all diese Menschen nur herkommen, die meinten, sie wären die nächste Mariah Carey, der nächste Michael Jackson – und die nach wenigen Tönen bestenfalls an eine kreischende Katze während des Sexualaktes erinnerte. Hach, damals™.

Nun, gefühlte 72 Jahre später – niemand außerhalb von RTL kann ohne Nachzuschauen sofort sagen, die wievielte Staffel DSDS es inzwischen ist – ist davon nicht viel übrig geblieben.

Abgesehen davon, dass wir uns über Menschen, die – um es mit den Worten Jan Böhmermanns zu sagen – offenbar an der Grenze zu geistigen Behinderung balancieren, nicht mehr lustig machen, hat es sich auch rumgesprochen, dass DSDS keineswegs Weltruhm bedeutet, oder zumindest Ruhm. Der Glamour verschwand, genauso wie die skurrilen Menschen und die durchaus bewundernswerten Ausnahme-Talente. Es folgte Staffel um Staffel, bei denen man jedesmal vollmundig verkündete, was nun alles anders und besser sei. Staffel um Staffel bei denen man den Namen des Siegers schon vergessen hatte, bevor man den Fernseher ausschaltete.

Doch die Quoten scheinen weiterhin auszureichen – die schmerzhafte Angewohnheit des Deutschen Fernsehen, Sendungen auch über ihren eigenen Tod solange weiter zu produzieren, bis der Verwesungsgestank so stark ist, dass ihn wirklich niemand mehr leugnen kann, ist weiterhin da.

Und so startete gestern die neue Staffel – und nachdem offenbar weder die Zahlen der Castingteilnehmer so hoch waren, dass man sie alle drei Minuten erwähnen musste, noch man dieses Jahr mit einer neuen Knaller-Idee (AUCH MENSCHEN ÜBER 30 DÜRFEN KOMMEN! YOLO!) um die Ecke kam, konzentrierte man sich einfach auf alle anderen möglichen Superlative, die „die Mutter aller Castingshows“ zu bieten hatte.

Es gibt natürlich nicht weniger als die „beste Jury aller Zeiten“ – nun, zumindest bis nächstes Jahr. Aber auch dieses Mal wird es bei der Show, die „neue Gesangsmaßstäbe“ setzt (kann man jetzt so oder verstehen), und die wie „keine andere Show […] so viele Superstars hervorgebracht“ hat (LOL), den „abenteuerlichsten Auslandsrecall“ sowie „spektakuläre Live-Shows“ geben. Und erwähnte ich schon die „kompetenteste Jury aller Zeiten“?

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In dieser duldet Bohlen 2019 neben sich seinen Schützling Pietro Lombardi, der uns weniger wegen seiner eher latent vorhandenen Gesangsfähigkeiten, als wegen des Zoffes mit seiner Ex-Schmusi Sarah Engels/Lombardi im Gedächtnis geblieben ist. Vielleicht auch nicht.

Xavier Naidoo ist auch dabei, wieso genau wissen wir nicht, offensichtlich hatte er gerade Zeit.

Und eine hübsche Quotenfrau – die (DAUMEN DRÜCKEN!) nicht so viel eigene Meinung wie die beiden Damen im letzten Jahr hat. Das war ja schon ärgerlich und störte irgendwie den Ablauf, wenn sie Bohlen widersprochen haben. Wie die Quotenfrau heißt, hab ich vergessen, sie ist Tänzerin bei Let’s Dance – noch so eine Perle des RTL-Universums, von der ich aber tatsächlich noch nie eine Folge gesehen habe.

Und während man nebenbei noch googelt, was Sarah Engels jetzt eigentlich so macht und wie die Quotenfrau nochmal heißt, wackeln die ersten Castingteilnehmer durchs Bild. Die reinste DSDS-Klischee-Parade.

Da wäre der Typ, von dem man erst denkt, uh, der kann sicherlich nicht singen, konnte er aber doch ganz ok. Dann der Typ, von dem man denkt, der könnte vielleicht singen und der dann gar nicht singen kann. ROFL. Die Frau, bei der man sich 100%ig sicher ist, dass sie nicht singen kann und die dann doch singen kann. Die Stotterin, die bombastisch singen kann und die Lady vom Finanzamt – bei der alle wussten, dass sie nicht singen kann und die anschließend eine überraschend unangenehme Persönlichkeit an den Tag legt, nachdem die Jury ihr ebendies mitteilt.

Es ist bestenfalls durchschnittlich erheiternd: jede Type ist das reinste Abziehbild vergangener Kandidaten vergangener Staffeln. Alle so austauschbar wie die Jury selbst. Einziger Entertainment-Lichtblick in Sachen Verhaltensauffälligkeiten ist Fabrizio, der mit dem Zitat „Ich bin ein bisschen arrogant, aber ich steh auch dazu.“ gleich eine denkbar schlechte Erklärung mitliefert, warum er sich bei seinem Auftritt benimmt, als sei er in einer feuchten, dunklen Höhle von einer Horde Kellerasseln mit Alkoholproblem sozialisiert worden.

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Abgesehen davon war der Staffelauftakt zwar nicht schlechter als die vergangenen Jahre, in denen der Leichenmief ja schon durch die Türritzen kroch, aber eben auch nicht besser. Natürlich heißt es, die Hoffnung stirbt zuletzt, aber hat irgendwer eigentlich mal nachgesehen, ob sie überhaupt noch lebt?

Kann man sich das also alles schenken? Nicht unbedingt. Ich persönlich finde, die Sendung ist auch weiterhin auch Hochgenuss, wenn man beim Bügeln oder Vorbereiten der Steuererklärung gerne ein wenig Hintergrundgeräusche hat.

Jeder, der aber dieses Jahr hofft, dass ihm mal wieder vor Lachen das Bier durch die Nase schießt, dürfte erneut enttäuscht werden.