Es ist einsam hier

„Sitzt du?“ fragt sie und meint die Frage offensichtlich ernst.
„Ja.“ lüge ich, da ich eher selten dazu neige vor lauter Aufregung in Ohnmacht zu fallen.

Und dann erzählt sie mir von dem Baby. Dem, das in Bonn ausgesetzt wurde. Ob ich davon gehört hätte. Ne, sage ich, da ich bekanntlich die Existenz Bonns und alles, was damit zusammenhängt eher negiere, als mich dafür zu interessieren.

Offenbar hatte jemand in Bonn ein Neugeborenes ausgesetzt. In einem Rucksack. Nahe der Gleise, in einem Gebüsch, wo kaum die Chance bestand es zufällig zu finden.
Ich kenne die Stelle ziemlich genau, wo das Baby abgelegt wurde.
Aber, und das ist viel gravierender und zugleich der Grund, weswegen ich mich setzen sollte: Ich kenne die Person, die das Baby ausgesetzt hat.

Ich habe meine vergleichsweise ereignislose Kindheit und Jugend in einer fast schon abgeschiedenen Gegend verbracht, die den klangvollen Namen Küdinghoven führt.
Küdinghoven geht fließend in Limperich und Ramersdorf übrig, zwei weitere Bonner Ortsteile, die vorrangig durch ihren dörflichen Charakter und die völlige Abwesenheit von Spaß glänzen. Alle drei bilden zusammen etwas, was man frech Li-Kü-Ra nennt und letztlich nichts anderes ist als ein großes Dorf, das die ohnehin konservative geistige Haltung des Bonners an sich in einer extrem konzentrierten Form zelebriert.

Da es dort nur eine erwähnenswerte Grundschule gibt und alle Katholiken sich zudem jeden Sonntag zusammenrotten und durch Sommerfahrten, Kommunions- und Firmunterricht und anderen sozialen Schabernack mehr Zeit miteinander verbringen als vielleicht in einer Großstadt, kennt in der Regel dort jeder jeden.

Ich empfand dieses dörfliche und vor allem kleinbürgerliche und katholisch-scheinheilige Ambiente dieses Ortes immer als unangenehm und war sehr froh, als wir später endlich in direkte Rheinnähe in eine hippere und nur noch gemäßigt spießige Gegend zogen.

Bis heute jedoch kenne ich jede Straße, jeden Weg, jeden Stein. Kenne die Leute, neben denen man früher in der Pfarrbücherrei stand, die Familien, die Kinder, mit denen man zur Schule gegangen ist und die heute keine Kinder mehr sind, deren Eltern, die man schon früher scheisse und bigott fand und inzwischen nicht mehr grüßen muss, wenn man sich doch mal in der Stadt über den Weg läuft.

Kathrin (ihren Namen, so wie den aller anderen habe ich geändert) ist einige Jahre jünger als ich. Ihre Familie gehört zum harten Kern der Gemeinde und ihre ältere Schwester Anna, die ebenfalls mit ein, zwei Jahren ein wenig jünger als ich ist, gehörte früher zu meinem erweiterten Freundeskreis.

Meine Mutter berichtet mir von Kathrin. Von dem Baby. Das rein zufällig um kurz vor Mitternacht stark unterkühlt von zwei jungen Männern entdeckt wurde. In eine Decke eingewickelt in einem Rucksack. Dass die Krankenschwestern ihm einem Namen gaben und dass die Mutter identifiziert werden konnte und wegen versuchtem Totschlag in Untersuchungshaft kam.

Sie erzählt mir, dass niemand, nicht einmal die Eltern oder die Schwester von der Schwangerschaft wussten. Ich  sehe Annas Gesicht, als sie davon erfährt. Als sie erfährt, dass Kathrin schwanger war. Ein Baby bekommen hat. Einfach so. Als niemand zuhause war. Hat sie es im Badezimmer bekommen? In ihrem alten Kinderzimmer? Wie hat sie das alleine geschafft? Womit die Nabelschnur durchtrennt? Mit der Haushaltsschere aus der Küche?

Nachdem sie all das wie auch immer gemacht hat packt steckt legt verstaut sie das Neugeborene in einem Rucksack, setzt sich aufs Fahrrad und fährt los. Hatte sie keine Nachblutungen? Wie konnte sie so einfach losgehen, geschweige denn auf dem Fahrradsitz sitzen?

Kathrin fährt durch Küdinghoven, sie weiß nicht wirklich wohin. Wohn mit sich, wohin mit dem Baby. Eine Babyklappe gibt es in der Nähe nicht. Die nächste ist in Köln. Ich bin dabei, wie sie durch die Straßen fährt, Wohnhaus an Wohnhaus säumt ihren Weg, dahinter so viele Menschen, die ihre Familie kennen, die sie kennt, seitdem sie selbst ein Kind war.
Sie überlegt, es an der Kirche abzulegen. Auf dem Weg dorthin muss sie an unserem alten Haus vorbeigefahren sein.
Sie geht die steinenden Stufen zur Kirche hoch, sieht Menschen, stockt innerlich, bleibt stehen. Ob sie die Menschen gekannt hat? Waren es Freunde ihrer Eltern? Eltern ihrer Freunde?

Sie dreht sich um, fährt weiter, immer weiter. Ob es inzwischen langsam dunkel wird? Gegen 19h hat sie entbunden. Wie lange sie wohl schon durch die Gegend fährt? Ziellos. Orientierungslos. Ratlos, wo sie hin will, hin soll. Ob sie auch nur ansatzweise weiß, was sie da gerade eigentlich macht? Hat das Baby nicht geschrien? Wie konnte sie es ausblenden?
Sie ist an einem Punkt in ihrem Innern, an dem sie meint, nicht mehr zurück zu können. Einfach nach Hause fahren, darauf warten, dass ihre Mutter nach Hause kommt, ihr alles berichten, beichten. Ihre Schwester anrufen. Irgendwas.

Doch sie ist in einem Tunnel. Kann nur noch nach vorne, einen Rückwärtsgang, eine Möglichkeit zum Wenden gibt es für sie nicht.

Irgendwann kommt sie zu den Gleisen. Die Schienen sind nicht durchgängig von Bürgersteigen oder ordentlichen Gehwegen flankiert. Manchmal gehen hier Menschen mit ihrem Hund entlang, aber schön ist es hier nicht. Eher das Gegenteil. Dunkel. Und nachts ein wenig unheimlich. Es ist einsam hier.
Hier sieht niemand, wie sie den Rucksack ins Gebüsch legt und wegfährt. Musste sie weinen? Wollte sie das Kind nur ablegen, loswerden, sich davon befreien, war ihr egal, ob es gefunden würde? Dachte oder fühlte sie überhaupt oder war sie auf Autopilot?

Sie steigt wieder aufs Fahrrad und fährt nach Hause. Die Spuren der Geburt werden beseitigt. Später wird sie wegen der Blutflecken sagen, sie habe ihre Tage bekommen. Dann wartet sie, dass etwas passiert. Oder dass nichts passiert.

Im Laufe der letzten dreißig Jahre haben immer wieder Mütter ihre Neugeborenen ausgesetzt oder gleich nach der Geburt getötet. Sie in Pflanzenkübeln oder Gefrierfächern versteckt.
Ich hörte und las von diesen Müttern, diesen Kindern, diesen Fällen und war meistens irritiert und manchmal angewidert. Und immer ratlos.
Ich kannte diese Frauen nicht. Wusste nichts über sie. Aus welchen Familien sie kamen. Wo und wie sie lebten. In welchen Gärten sie lachend Bier getrunken haben. Auf welchen Spielplätzen sie als Kind gespielt haben. Sie waren Fremde.

Mehr als das. Sie waren Schablonen des Bösen, die man nicht verstand, nicht verstehen konnte. Fast schon wie Höß oder Göth oder Eichmann. Ihr Wesen, ihr Charakter, ihr Menschsein ist nicht fassbar.
Menschen, die (vermeintlich) unmenschlich handeln, sind von anderen Menschen nicht mehr fassbar. Weder auf einer rationalen, noch einer emotionalen Ebene.
Man kann es psychologisch und soziologisch sicher prima in klugen Sätzen erklären. Bei manchen Tätern kann man sogar auf ihrem CT sehen, welches Areal ihres Gehirns beschädigt ist und dafür sorgt, dass sie so und so denken und handeln.

Für uns jedoch bleiben sie Fremde.

Es sei denn, es sind keine Fremden. Es ist dein Nachbar. Es ist deine Freundin. Es ist deine Klassenkameradin.

Dann stehst du da und tausend Gedanken und Fragen rattern dir durch den Kopf, während du vor deinem geistigen Auge die Tat begleitest. Stumm. Als würdest du auf der Schulter desjenigen sitzen.

Und die Frage, die mir bis heute einfach nicht aus dem Kopf geht, auf die ich von niemandem eine Antwort bekomme, weil sie so trivial, so verdammt lächerlich und gleichzeitig so verdammt ernst gemeint ist, ist:

Hatte sie während der Fahrradfahrt den Rucksack aufgeschnallt oder in einem Fahrradkorb?

6 thoughts on “Es ist einsam hier

  1. Seid ich ein Kind habe, kann ich solche Texte nur noch schwer lesen und noch schwerer verstehen. Aber als jemand der abgetrieben hat, weiß ich, dass Frauen sich solche Entscheidungen nie leicht machen. Und ja – auch hier sind Eltern/Familie Schuld, welche anscheinend ihrem Kind nicht das Gefühl gegeben haben, dass es immer mit Fragen/Sorgen zu ihnen kommen kann. Was für Angst muss man vor den Konsequenzen haben, wenn man eine Geburt und alles danach allein durchsteht?!

  2. Da ich glaube, sie hatte nie ernsthafte Tötungsabsichten, sondern war durch das viele Katholikenblut in ihren Adern ob dieser „schrecklichen begangenen Sünde“ total verwirrt und gewissermaßen unzurechnungsfähig – also denke ich, sie hatte den Rucksack auf dem Rücken, denn im Fahrradkorb wäre es für ein Neugeborenes zu gefährlich.
    Warum sie es dann aber doch so abgelegen und nicht wohnortnah abgelegt hat, ist nur mit ihrer Angst zu erklären.
    Wie kann man nur mehr Angst vor seinen Mitmenschen als vor dem Gericht haben? – Spricht nicht für die Mitmenschen! Weder in Familie noch im Umkreis.

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