Es muss einfach raus

Eigentlich ist es ganz einfach. Man hat eine Idee, geht mit ihr vielleicht ein bisschen schwanger, denkt darauf herum, während man auf dem Klo sitzt, sich Kaffee kocht oder in der Bahn sitzt und sich zeitgleich wundert, warum der komische Mann sich unbedingt so nah neben einen setzen musste. Man skizziert in Gedanken den Text, kichert hier und da schon mal ein wenig in sich hinein, was, sollte man gerade weder allein auf dem Klo noch in der Küche sein, seltsame Blicke auf sich ziehen kann – aber das ist egal, denn man weiß, man hat mal wieder ein hübsches Thema gefunden, das bitte schön jetzt schnellstmöglich raus aus dem Köpfchen, ab in die Tastatur soll.

Denn Gedanken, Themen, Ideen, die nur im Kopf von links nach rechts wabern und einmal im Kreis, bevor sie verblassen und verwelken wie die Schnittblumen für 1,99 vom Edeka, das möchte keiner, sowas macht nur Kopfschmerzen.

Früher war das kein Problem. Da setzte ich mich hin, schrub alles raus, manchmal in einem Rutsch. Da war keiner da, der was von einem wollte, da konnte ruhig die Welt mal still stehen um einen herum, es ging ja nur um eine Stunde, das musste ja wohl bitte möglich sein. Das war damals™, kurz nach dem Krieg, da hatten wir nichts, das weiß ja inzwischen jeder, die Kleider unserer Eltern trugen wir auf, die zerschlissenen Schuhe unserer großen Geschwister, kilometerweit durch den Schnee zur nächsten Schule mussten wir laufen und zu essen gab es Laub und Kohle, oder so ähnlich, genau weiß ich das nicht mehr, es ist schon so lange her, dieses Damals™, ich weiß nur noch: Damals, da hatte ich Zeit zum Bloggen. Immer.

Irgendjemand, der ganz offensichtlich nicht bloggt, meinte zu mir kürzlich, ach, Bloggen, das sei ja sowas nettes, als wäre es ein entspannendes Hobby, so wie Seidenmalen oder Gestecken aus Trockenblumen basteln. Da hätte ich doch keinen Zeitdruck, wie schön das doch sei. Mehr sagte er nicht, denn dann war er plötzlich tot. Das passiert mir in letzter Zeit häufiger, wenn Menschen dumme Sachen sagen. Dann liegen sie plötzlich da und ich denke, huch, wie blöd, noch einer, das ist jetzt ärgerlich, wieso passiert das dauernd mir und das, wo ich die Axt doch gerade erst sauber gemacht habe.

Was ich eigentlich sagen will: Die Dinge müssen raus aus meinem Kopf und das tun sie nicht und das nicht gut.

Manchmal schreibe ich sie auf, nur Stichworte, die in jenem Moment wahnsinnig viel Sinn ergeben, sowas wie „Frauen die nicht lächeln“ oder „Tod als Motivation“, aber nach ein paar Wochen ergeben sie nur noch ein bisschen Sinn und nun sind inzwischen Monate um, der Sinn ist weg und alles, was bleibt ist die Frage, was ich wohl geraucht hatte, bevor ich mir diese Notizen gemacht habe.

Ich nehme mir immer vor, das muss anders werden. Nimm dir die Zeit! Aber am Ende des Tages ist das Einzige, was ich geschrieben habe „Nimm dir die Zeit!“ und das nur auf dem Post-It mit einer sehr unschönen Handschrift – denn für Füller und Smileys über dem i war leider keine Zeit.

Ich blogge nicht, weil ich das Bedürfnis habe, das Geheimnis der zehn besten Mascara-Marken mit der Welt zu teilen. Oder die ultimativen Tipps, wie man dieses Jahr seine Vorsätze einhält. Oder die coolsten Frückstücks-Trends in Berlin.

Ich blogge, weil die Dinge raus müssen. Ja, ich habe keinen Zeitdruck, niemand, der hinter mir steht und mault, weil irgendein Artikel heute und jetzt sofort online sein soll. Aber ich habe Druck. Unter der Schädeldecke. Da raunt und flüstert und brodelt es.

Und wer nicht versteht, warum es wichtig ist, dass man hin und wieder den Druck ablässt, weil man sonst explodiert – nicht auf eine umgangssprachliche, sondern eine wortwörtliche Weise, so wie bei Alien, mit Blut und herumspritzenden Gedöns und viel Geschrei –, ja, wer meint, dass es nicht so wichtig ist, solche Explosionen zu verhindern, nun, dem empfehle ich doch mal Alien zu gucken.

Denn glauben Sie mir, Sie wollen, dass das, was unter meiner Schädeldecke rumort, schön geordnet meinen Körper verlässt. Denn sollte es sich auf eine andere Weise seinen Weg nach draußen bahnen, könnte ich vermutlich für nichts garantieren.

5 thoughts on “Es muss einfach raus

  1. Manchmal stauen sich Gedanken im Kopf und das ist so unangenehm. Ich schreibe oft seitenweise kluge Worte, die sich dann verheddern, zu Gedankenklumpen werden und wahnsinnig dumm erscheinen, ohne Ende bleiben. Nun schreibe ich schon wieder so lange nichts, weil nichts Sinn ergibt…

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