Eskalation der Stars

Bild: RTL

Es ist einer der – inzwischen rar gewordenen – Schätze im Trash-TV-Himmel: Das Sommerhaus der Stars. Noch vor wenigen Jahren strotzte das Deutsche Fernsehen vor Sendungen, bei denen sich gefühlt die halbe Nation vor dem Fernseher versammelt hat. Oder zumindest die halbe Twitter-Nation. DSDS, Bauer sucht Frau, Schwiegertochter gesucht, Frauentausch und, und, und … Man saß zeitgleich vor dem Rechner und am Handy, twitterte und lästerte sich die Finger wund, versank vor Fremdscham in den tiefsten Untiefen des Sofas und fühlte sich zeitgleich von einer wundersamen Welle aus Überlegenheit in die höchsten Höhen empor getragen.

Natürlich wurden die Formate mit den Jahren ein wenig fad, der Vorrat an gruseligen Charakteren, von denen man sich stets fragte, wo genau RTL & Co. diese immer fanden, schien aufgebraucht, die Scripted-Reality-Shows nahmen zu – und vor allem veränderten wir selbst uns auch.

Das simple Sich-Lustig-Machen über Menschen wie Nadine („In Wurst sind Vitamine drin!“) und Andreas („Es bleibt alles so wie es ist!“) war plötzlich nicht mehr ganz so simpel.

Da kommt so ein Format wie Das Sommerhaus der Stars gerade richtig. Menschen, die irgendwann auf irgendeinem Sender schon mal irgendwas in eine Kamera gesagt haben, werden als Stars deklariert, für knapp zwei Wochen auf eine kleine, nur semi-schön eingerichtete Finca in Portugal eingepfercht, müssen schwachbegabte Spiele absolvieren und sind ansonsten vorrangig damit beschäftigt, Alkohol zu trinken, zu rauchen, Ränke zu schmieden – und vor allem sich gegenseitig, auf eine geradezu bemerkenswerte Weise scheiße zu finden.

Dass alle Paare nicht unbedingt die evolutionäre Spitze des Homo sapiens ausmachen ist klar, nur dürfen wir ihnen durchaus ein wenig mehr Beurteilungsvermögen, wenn nicht sogar Intelligenz, zusprechen, als dem gewöhnlichen, ehemaligen Darsteller von Mitten im Leben. Aber zumindest können wir nun endlich mit gutem Wissen komplett fremde Menschen ätzend finden, sich fremdschämen und gleichzeitig lustig machen und natürlich sich selbst herrlich normal und großartig finden.

Die vierte Staffel dieser Sendung ist letzten Dienstag zu Ende gegangen und damit einer der raren Fernsehlichtblicke meines aktuellen Lebens. Im direkt an das Finale nachfolgenden Wiedersehen übertrafen sich die selbstproklamierten Stars noch einmal mit verbalen Fäkalattacken der besonderen Art und ließen den Zuschauer mit der Frage, was genau eigentlich bei einem Menschen schief gelaufen sein muss, dass er, als ein mit der Öffentlichkeit geschulter Mensch, in eben dieser Öffentlichkeit so komplett verbal und sozial entgleist, alleine.

Bild: RTL

So unterhaltsam die Staffel auch war, so bizarr die XYZ-Promis zum Teil auch anmuteten, so viele Tränen vor Lachen beim Zuschauer auch vergossen wurden: es bleibt ein seltsamer Nachgeschmack. Und erst gut 24 Stunden später, fällt mir ein, wieso.

Die zutiefst beleidigende Sprache, der sich die Protagonisten bedienen, die geradezu überschäumende Bereitschaft zur Eskalation und Konfrontation, das völlige Fehlen eines Innehaltens oder Reflektierens – all das ist etwas, was ich in dieser Form und Ausprägung bisher lediglich aus dem Netz kenne. Aus den Kommentarspalten, aus Replies von völlig Fremden, die einem das Schlimmste an den Hals wünschen, die das Wort „Dialog“ vielleicht buchstabieren können, aber der praktischen Umsetzung dessen schon lange nicht mehr Herr sind.

Dass der Ton im Netz immer wieder abgrundtief abstoßend ist und die fiesesten Ecken der menschlichen Natur nach außen kehren kann, ist bekannt. Aber erst durch diese Sendung wurde mir klar, dass irgendwann irgendjemand ein klitzekleines Türchen zwischen der analogen und digitalen Welt geöffnet hat und scheinbar ganz normale Menschen – also keine, die von der Gesellschaft scheinbar vergessen und vernachlässigt wurden, keine Extrem-Persönlichkeiten mit fragwürdigem Demokratie-Verständnis, die ansonsten in ihrer Freizeit mit weißen Kutten und brennenden Fackeln durch die neuen Bundesländer marschieren, sondern Menschen, deren einzige Verhaltensauffälligkeit in der Vergangenheit die Teilnahme an Goodbye Deutschland war – die doch eher diskussionswürdige Streitkultur des Netzes in diese Welt transportiert haben.

Vielleicht ist das schon eher passiert und ich habe es nur nicht mitbekommen. Das spielt aber letztlich wohl auch keine Rolle. Ich weiß nur, dass mir diese Woche erneut bewusst geworden ist, wie wichtig es einfach ist, auf die Art und Weise wie wir alle miteinander kommunizieren zu achten.

One thought on “Eskalation der Stars

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.