Fenster

Wenn ich aus dem Fenster gucke, sehe ich Menschen, die schlendern. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal geschlendert bin. Eigentlich ist es ein Wunder, dass ich noch weiß, wie das Wort geschrieben wird …

Sie schlendern so vor sich hin, als hätte sie jemand ausgesetzt und nun wüssten sie ohnehin nicht, wohin, und dann kann man ja auch mal ’ne Runde schlendern. Hin und wieder schauen sie verträumt in die Sonne.

Sie haben angebräunte Gliedmaßen, die vermuten lassen, dass sie kürzlich Zeit und Muße hatten, dieselben der Natur auszusetzen. Vielleicht in einem Park. Auf einer Picknickdecke. Mit Freunden. Lachend. Ich kenne sowas. Also nicht persönlich. Aber von Shutterstock. Und Instagram.

Instagram ist eigentlich noch schlimmer als der Blick aus dem Fenster. Denn jenseits dieses Fensters ist nur die Brücke und die Straße und der Gehweg und da können die Menschen eben nur schlendern, radfahren und ähnlich fortbewegendes.

Auf Instagram ist aber alles. Da ist das Frühstück der Menschen. Ihr Mittagessen und Abendessen. Da ist ihr selbst gemachtes Granola, ihre selbst getöpferten Kaffeebechern mit handgemahlenem Kaffee. Da ist Hygge und weiße, immer saubere Inneneinrichtung, die stets mit dem Hashtag Minimalismus versehen ist. Da sind Menschen, die häkeln, nähen, stricken. Da sind Ausflüge ans Meer. Wandern in den Bergen. Schwimmen am See. Partys und Sekt. Yoga in den Morgenstunden und Meditieren und Achtsamkeitsgedanken am Abend.

Und ich, ich gucke zu. Ich kenne diese Dinge, ich habe davon gelesen. Vielleicht habe ich das ein oder andere auch schon mal gemacht. Früher. Wobei ich nicht mal sagen kann, wann das war, dieses früher. 

Es ist ein seltsames Gefühl. Dieses Zugucken. Stumm und passiv. Als wäre ich ein Alien. Das nur beobachtet. Aber nicht Teil ist. Ich dachte immer, früher oder später würde ich wieder Teil davon sein, würde auch in der Sonne ein Buch lesen oder einen Schal stricken oder Zucchinis so schälen, dass sie wie Pasta aussehen, um sie mit #Zoodles irgendwo zu posten.

Diese Hoffnung ist weiterhin da. Nur, dass ich ebenfalls nicht absehen kann, wann aus der Hoffnung denn auch Realität wird, das fängt langsam wirklich an, mich zu beunruhigen.

6 thoughts on “Fenster

  1. Sehr schön beschrieben!
    Woher kommt diese Unrast?
    Ich für mich schlendere auch wenig – es ist oft zweckhaftes Tun. Ich fühle mich angetrieben. Zuviel Zeit scheint schon „einfach so“ den Bach hinunter gegurgelt worden sein.
    Wobei das Weggurgeln von Zeit eh nicht zu verhindern ist.

  2. Liebe Frau Haessy,
    ich lese sehr gerne bei Ihnen, heute hätte ich allerdings mal eine Nachfrage:
    Sagen Sie: jammern Sie gerade?
    Das täte mir leid!
    Herzliche Grüße und einen hoffentlich entspannten Abend,
    Ihre Sigrid

    • Jammern, sich beschweren und motzen gehören zu Kernkompetenzen. Eine der wenigen Freuden, die mir noch geblieben sind.

  3. die schlendernden menschen sind realität und frustrieren mich immer wieder. all die tollen dinge auf instagram sind nur inszeniert. das beruhigt mich auf der anderen seite dann auch wieder ein bisschen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.