Filterlos – Teil 2

… Nein, dieser Blog ruht nicht. Er wurde auch nicht vergessen. Es war auch keineswegs so, dass mir die Themen ausgegangen sind.

Es war nur so, dass ich den folgenschweren Fehler begangen habe, den letzten veröffentlichen Blogpost so zu gestalten, als ginge es danach weiter. Als gäbe es eine Fortsetzung. Die sollte es auch geben. Schließlich war ich ja voller Elan und Eifer – so wie ich häufig nach 22 Uhr bin, wenn ich plane, dass jetzt alles anders wird. Und mit alles meine ich natürlich immer vorrangig mich selbst.

Ich hatte die wortwörtlich schwere Erkenntnis, dass die Beziehung, die ich zu meinem eigenen, umfangreichen Körper hatte, einen Punkt erreicht hatte, an dem ich nicht mehr weiter wollte. Zum einen, weil ich die Schnauze voll hatte, wenn ich in den Spiegel guckte. Zum anderen weil ich mich mit jedem weiteren Tag immer mehr dem Zeitpunkt näherte, an dem mir meine Waage das kleine, aber doch latent aggressiv anmutende Wörtchen ERROR entgegen husten würde.

Also verkündete ich am 13. April, dass es nun anders werden würde. Und ich meinte es. Ich meldete mich bei Weight Watchers an, die jetzt nicht mehr so heißen, weil irgendeiner bei denen im Marketing gemerkt hat, dass sie sich damit gefährlich nahe an der Grenze zum magischen Land von Bodyshamia aufhielten – was aber am Ende egal ist, denn jeder außerhalb der Marketingabteilung sagt immer noch Weight Watchers.

Ich meldete mich dort an und man sagte mir, dass ich von nun an 27 Punkte essen dürfe. Ich gab ein, was ich an dem Tag bisher gegessen hatte und man sagte mir, ich habe Lebensmittel im Wert von 114 Punkten vernichtet. Lange Rede, kurzer Sinn – die Beziehung zwischen WW und mir war nicht von Dauer und nur an einzelnen Tagen von Erfolg gekrönt.

Erneut arbeitete ich wieder viel, belohnte mich mit Essen und verzichtete vorsorglich darauf, mich zu wiegen. An einem Morgen, offenbar hatte ich beim Aufstehen einen psychotischen Schub, anders kann ich mir das nicht erklären, stellte ich mich dennoch auf die Waage im Bad und die Ziffern brüllten mir ein fröhliches „ACHTUNDNEUNZIGKOMMASIEBEN!“ entgegen.

Verzweiflung kroch durch meinen Körper. Und Scham. Und Panik. Ich wog fast 100 Kilo. Sicherlich ich war groß. Aber nicht so groß! Ich wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte. Ich wusste nur, dass Diäten nichts für mich waren. Weder Weight Watchers, noch Intervallfasten, noch Low Carb. Und ich wusste, dass ich nicht mit dem Laufen anfangen würde oder dem Schwimmen (LOL!), dass ich mich nicht in einem Fitnessstudio anmelden würde, wo ich ohnehin nicht hingehen würde.

Das ganze theoretische Wissen über Ernährung und Abnehmen, das ich seit 2016 durch sehr liebe und sehr kompetente Kollegen vermittelt bekommen hatte, half nicht. Denn mein Problem war ein emotionales. Es ging um Stress und vor allem schief laufenden Stressabbau. Um mangelnde Impulskontrolle. Um Übersprungshandlungen.

Ich wollte gerne darüber bloggen, wusste aber nicht recht wie. Zum einen, weil ich ein Monk bin und ich schließlich den letzten Post damit beendet hatte, dass ich doch alles mega ändern würde. Zum anderen, weil man heutzutage, wenn man sagt, dass man abnehmen will und muss, dass man zu dick ist, zu fett, dass man weinen möchte, wenn man sich im Spiegel sieht, dass die Blicke der anderen (eingebildet oder nicht) einem so auf der Haut brennen, dass man sie sich abziehen möchte – wenn man all das sagt, zu hören bekommt, man sei doch trotzdem schön. Man müsse sich selber lieben. Akzeptier dich doch so. Du hast doch so schöne Haare. Und dein Lachen. Und überhaupt bist du ja auch sehr groß, wie groß bist du, Claudia? Zwei Meter? Vier Meter Dreiundfünfzig?

Ich habe keinen Bock auf diese Scheiße. Ich will das nicht hören. Denn nur weil ich nicht hören will, dass ich fett und scheisse und hässlich sei und mein Selbstwertgefühl gefälligst mit meinem Äußeren zusammenhängt, heißt das im Umkehrschluss nicht, dass alles tutti sei.

Hier ist gar nichts tutti. Ich wiege fast 100 verschissene Kilo. Ich habe keine Schilddrüsenfehlfunktion. Ich habe keine Lipödeme. Ich habe seit 2015 einfach nur sehr, sehr, sehr viel Stress, bewege mich genau deswegen zu wenig und esse aus demselben Grund zu ungesund und zu viel.

Es steckt kein gesundheitliches Mysterium dahinter. Kein grundsätzliches Problem mit meinem Selbstwertgefühl. Es ist schlichte Mathematik in Form von zu vielen Kalorien und einem vermutlich viel zu hohen Cortisol-Spiegel.

Und hier bin ich. Sechsunddreißig und unleugbar zu einer dieser Frauen geworden, die sich Tag für Tag mehr Gedanken über ihren Körper und die Lebensmittel, die dieser konsumiert, machen, als über die schönen Dinge im Leben. Die sich im Kreis um sich selbst und ihren eigenen dicken Arsch drehen, am Ende neben der vielen anderen Sachen, die sie so wuppen, diese eine Sache eben nicht gewuppt kriegen und ständig wiederholen, dass sie nun abnehmen müssen und werden. Ich wollte es nie und bin dennoch genau so eine Frau geworden. Ich finde es zum Kotzen und ich will es zum Kotzen finden dürfen.

Und nachdem das nun raus ist – was nun? Ich arbeite weiter an meinen viel zu vielen Baustellen und vor allem deren Abbau. Ich treibe seit vergangenen Freitag langsam wieder Sport, weil ich nun wie so eine Paris Hilton einen eigenen Crosstrainer habe. Ich ernähre mich seit drei Wochen gesünder – was in meiner Welt vor allem bedeutet Smoothies statt Cola Light und Erdbeersorbet statt Toffifee. Es sind kleine Fuzzi-Schritte. Aber sie gehen in die richtige Richtung. Ich muss den Kurs jetzt nur halten.

Und in Zukunft keine mehrteiligen Blogposts mehr ankündigen.

8 thoughts on “Filterlos – Teil 2

  1. Das habe ich auch immer am meisten gehasst, dass jeder sich berufen fühlt einem tolle Ratschläge zu geben.
    „Du musst doch nur ein bisschen Disziplin aufbringen“
    „Unterwirf dich doch nicht diesem Modediktat schlank zu sein“
    „Du musst deinen Körper lieben, egal was andere sagen“
    „Es gibt doch auch so schöne Klamotten für kräftige Menschen“
    „Ist doch gut, dass du nicht dem Magerwahn anhängst.“

    Immer wieder querbeet und in alle Richtungen.

    Warum kann man mir nicht zugestehen, einfach nicht glücklich zu sein mit meinem Körper, ohne sofort mit Patentrezepten anzurücken.
    Aber auch nicht sofort mit Fettacceptance anzukommen und die große Selbstliebe zu propagieren.

    Ich kann es daher gut nachvollziehen, wie du dich fühlst. Mit „öffentlichen“ Ankündigungen halte ich mich mittlerweile auch stark zurück…

  2. dich mit den hunden durch die gegend flitzen zu sehen, ist eine schöne vorstellung, baut fett ab und muskeln auf und braucht nur ein wenig zeit.

  3. Eigentlich muss ich bei denen Beiträgen immer nur zustimmend nicken und sie danach abfeiern.
    Dieser hier hat mich zum ersten Mal in meiner Geschichte als Stammleserin traurig und nachdenklich gemacht.
    Es klingt so abgedroschen, aber ich würd dich so gern in den Arm nehmen. Ich hab das Gefühl, dass das, was du am meisten brauchst, Liebe ist. Nicht so Selbstliebe-Kram oder so, sondern wirklich dieses allumfassend krasse Liebe-Gefühl, wie das zwischen Mutter und Kind.

  4. Liebe Claudia,
    ich mag Deine Posts sehr und freue mich, wenn ich neue Einträge lesen kann. Mir geht es ähnlich wie Dir und ich finde es klasse, wie offen Du bist.
    Die Anzeige meiner Waage kriecht auch immer mehr nach oben, mein Rücken und die Knie machen Probleme und ich schnaufe bei Hitze wie ein Mops mit zu kurzer Nase. Theoretisch weiß ich, was man ändern sollte (mehr Bewegung, weniger Essen) aber mein Job und das Balancieren mit Haushalt und Familie stresst mich tierisch.
    Und dann kommt die Schokolade und raunt mir zu, dass alles okay ist. Und hey, ich konsumiere ausschließlich die Schokolade, die Bäume pflanzt (und wir brauchen ja schließlich viele Bäume fürs Klima und so…) also naschen für den guten Zweck. Wahrscheinlich ist es auch nicht hilfreich, wenn das HomeOffice Outfit aus Jogginghosen mit sehr dehnbarem Bund und ausgeleierten T-Shirts besteht. Müsste ich mich jeden Tag in ein Business Outfit zwängen, sähe es wohl anders aus.
    Und ich finde es auch zum Kotzen, dass ich keine Disziplin habe, dass ich nicht nein sagen kann, wenn es bei Oma lecker Torte gibt oder beim Treffen mit Freunden jemand die XXXXXL Packung M&Ms aufmacht und ich den größten Teil des Inhalts alleine verputze.
    Bodyshaming ist echt blöd, abere das andere Extrem ist, dass Menschen sich einreden, dass alles tutti ist, wenn man es nur oft genug vorm Spiegel sagt. (Mich erinnert das immer ein bisserl an Candymans Fluch, wer weiß schon, was man heraufbeschwört, wenn man tief in sich weiß, dass das alles Blödsinn ist?)
    Jedes Wochenende nehme ich mir vor, ab Montag ändert sich was und dann kommt der Montag, die Arbeit, der Streß und dann verschiebe ich es wieder um ne Woche. Ein Teufelskreis. Aber vielleicht verzichte ich heute tatsächlich mal auf das zweite Stück Torte und trinke Wasser statt Cola…

  5. Ach, Claudia, ich kann Dich gut verstehen! Bin gerade in einer ähnlichen Situation. Wenn man eine solche Körperkonstitution hat und das Gewicht eher rauf als runter geht, ist es immer sehr frustrierend.

    Man ist total unzufrieden, aber fällt aus Gewohnheit und Bequemlichkeit immer wieder in alte Verhaltensmuster zurück. Anstatt sich etwas Gesundes zu Essen zuzubereiten (wie ursprünglich geplant), greift man doch lieber zum schnellen Schokobrötchen aus der Verpackung! In dem Moment scheint es auch irgendwie nur diese eine Lösung zu geben! Verzichten ist nicht gerade meine Stärke, da ich auch eine Stress-Esserin bin, die sich gerne mal mit etwas Süßem belohnt.

    Und wenn der totale Verzicht nicht funktioniert, muss man eben Sport machen. Ich werde es nach dem Urlaub auf jeden Fall ernsthaft in Angriff nehmen. Ansonsten kommen langsam aber sicher immer mehr Kilos dazu. Und dann leidet die Lebensqualität noch mehr, man fühlt sich noch beschissener und tröstet sich dann wieder mit Kalorien… Ein blöder Kreislauf!!!

    Aber wir schaffen es daraus!
    Nicht von heute auf morgen, aber in kleinen Schritten wird es klappen! Ich hoffe, wir stehen bald vor dem Spiegel, sehen die ersten Erfolge und sind stolz und motiviert weiterzumachen!

  6. Ich versteh dich sehr gut. Wenn man für sich selbst eine Entscheidung getroffen hat, mit der es einem besser gehen würde, dann braucht man niemanden, der sie einem wieder ausredet – egal wie gut es gemeint ist. Aufmunternde Worte ändern nichts an der Selbstwahrnehmung.
    Kleine Schritte sind genau das richtige, bloß nicht zu viel auf einmal umstellen. Und so ein Trainingsgerät zu Hause ist super, weil man nicht mal die Motivation finden muss, was ordentliches anzuziehen oder aus dem Haus zu gehen.
    Ich wünsche viel Erfolg!

  7. Die kleinen Schritte bringen den Wandel, langfristig, auch wenn es nur langsam aufwärts bzw. in Deinem Fall abwärts in Sachen Gewicht geht. Jeden Tag Bewegung, weiterhin Süßes ist in Ordnung – aber tatsächlich lieber Sorbet als Schokoeis, an Wassermelone z.B. satt essen. Es hat mich auch sehr nachdenklich gemacht Deinen Blogeintrag zu lesen. Aber positiv ist: dass Du immer noch darüber redest und Dich weiterhin mitteilst! Du hast das Steuer immer noch selbst in der Hand, halte nun diesen positiven Kurs!! Von Herzen auch von mir viel Erfolg!

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