Furunkel

Es ist Karfreitag. Der einzige Tag im Jahr, an dem es eine religiöse Majorität (?) schafft, der restlichen Bevölkerung tatsächlich zu verbieten zu feiern und vor allem zu tanzen. Das ist mehr oder weniger jedes Jahr Thema, mehr oder weniger regen sich jedes Jahr zu diesem Tag die Ungläubigen auf, die Atheisten und die Agnostiker und alle, die sonst nie tanzen, aber an diesem speziellen Tag plötzlich das Bedürfnis verspüren die steife Hüfte zu schwingen. Oder auch einfach nur auf eine Kirmes zu gehen und unter der dröhnenden Karussellmusik Zuckerwatte zu schnabulieren.

Das restliche Jahr, wenn die katholische Kirche nicht mal gerade was Unqualifiziertes zu Kondomen oder der Pille danach sagt, vergisst man den ganzen Verein im Großen und Ganzen wieder. Bis zum nächsten Karfreitag, wenn man sich erneut an die Bevormundung erinnert fühlt. Wie ein Furunkel, das man die ganze Zeit, bewusst oder unbewusst mit sich herum und durch die Gegend trägt, und dann plötzlich wieder daran erinnert wird, weil es ausbricht. Eitrig und eklig riechend.

Karfreitag, das Furunkel in der Beziehung des modernen Atheisten zur christlichen Kirche.

Um ehrlich zu sein, will ich persönlich am Karfreitag nicht mehr tanzen oder laut Musik hören als anderen Tagen auch. Meine persönliche Einschränkung an diesem Tag ist eher gering. Dennoch widerstrebt es instinktiv meinem nebulösen Gefühl von Freiheit, es nicht tun zu dürfen, wenn ich es wollen würde täte. „Die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die Freiheit des Anderen beginnt.“ Ich glaube, das ist von Kant. Ich mag Kant nicht sonderlich, er verwendet Engel als Beispiel für reine Vernunftwesen, und disqualifiziert sich damit für mich für alles weitere, aber als Atheist bin ich ja eh eine moralische Hure und mache mir die Welt wie sie mir gefällt.

Man könnte vermutlich endlos darüber debattieren, warum das Tanzverbot an Karfreitag überholt ist, dass wir eine säkulare Gesellschaft sind, dass wir das Jahr 2015 haben, dass.. dass.. dass..

Ich jedoch möchte nur einen Gedanken aufbringen, der mich heute ereilte, während ich frühstückte. Mir ist das Konzept von Trauerfeiertagen schon klar und wenn Juden um die Zerstörung ihres Tempels in Jerusalems trauern und deswegen fasten, kann ich das nachvollziehen. Zum einen, weil sie nicht Rest-Israel zwingen ebenfalls zu fasten, zum anderen aber auch, weil der Tempel halt immer noch futsch ist.

Bei Jesus ist es jetzt aber so: Der Mann ist wieder auferstanden. Und zwar drei Tage später. Nagelt mich nicht fest (Entschuldigung.), aber ich glaube, es ist sogar ziemlich bekannt, dass der Kerl nach drei Tagen wieder durch die Gegend flanierte und seinen Kumpels seine Wunden unter die Nase hielt.

Also, entweder haben Christen ein echt schlechtes Gedächtnis oder aber ich fühle mich zu Recht verarscht, wenn ich an einem Tag nicht tanzen, laut Musik hören und auf die Kirmes gehen kann, weil der Tod eines Mannes, der ohnehin in drei Tagen wieder auferstehen wird, eine gesamte Republik zur Staatstrauer verpflichtet.

Und. Zwar. Jedes. Jahr. Aufs. Neue.