6 Gedanken zur Briefwahl

Man liest ja dauernd Dinge im Netz, bei denen man denkt „Echt jetzt?“ Aber meistens ist das Leben und die eigene Aufmerksamkeitsspanne zu kurz, als dass man die Ruhe oder Energie hat, sich langfristig zu empören. Bei all meiner Motzigkeit: Wären mehr Menschen wie ich, es gäbe wohl weit weniger Shitstorms.

Doch auch meine sorgsam gepflegte Gleichgültigkeit gegenüber der Menschheit hat irgendwann ein Ende. In der Regel, wenn eine Meinung im Netz munter wiederholt wird und man sich bei der x-ten Wiederholung gar nicht so munter fühlt, sondern eher verärgert. Weil man sich angesprochen fühlt. Auf unangenehme Weise.

In diesem Fall war es das seit einiger Zeit regelmäßig wiederholte Gemaule, dass Briefwahl für Menschen, aber auch nur und ausschließlich für jene Menschen sei, die am Sonntag wirklich verhindert seien, sei es körperlich oder psychisch (weil man Agoraphobie hat oder einen Job) – und eben nicht für all die faulen Säcke, die am Sonntag nur keinen Bock haben, ihren Arsch vom Sofa hochzubewegen.

Dieser Vorwurf kam in verschiedenster Kleidung daher, aber stets kam das Wort faul darin vor. Und als ich es das erste Mal las, dachte ich nichts. Beim zweiten Mal dachte ich „Echt jetzt?“. Und beim sechsten Mal dachte ich nur noch:

Daher an dieser Stelle 6 kurze Gedanken dazu:

1. What. The. Fuck?

2. Ich finde es prima, dass durch die Briefwahl gewährleistet wird, dass auch die Menschen, die am Wahltag sonst nicht den Weg in die Wahlkabine finden können, wählen können. Ich bin aber recht zuversichtlich, dass es von Seiten der Bundesregierung und aller Fraktionen völlig okay ist, wenn ich auch ohne Attest meines Orthopäden und/oder Psychiaters am Sonntag zuhause bleibe. Ich bin sogar ziemlich sicher, dass es allen Parteien völlig schnurps ist, wenn ich den ganzen Wahltag nackt in einer Badewanne voller Marshmallows liege und Champagner aus meiner Bauchfalte schlürfe, solange ich vorher per Briefwahl gewählt habe!

3. Ich wurde während meiner gesamten Kindheit um meine Sonntage betrogen. Ich verbrachte den Vormittag betend auf den Knien, pappiges Esspapier essend, das trotz gegenteiliger Versprechungen nie wie der Leib von irgendjemandem schmeckte, und Lieder auf Latein singend. Damals schwor ich mir: Niemals wieder!

Der einzige Gott, dem ich seitdem sonntags huldige, ist meine innere Göttin. Und kein falscher Gott, kein Götze, egal, ob er eine Raute trägt oder Bart, wird mich von meiner Religion ab- und mich vom Sofa hochbringen!

4. Ich arbeite Vollzeit und habe stets das Gefühl, nicht genug zu arbeiten. Ich habe eine Familie und stets das Gefühl, mich ihr nicht genug zu widmen. Ich arbeite an einem zweiten Buch und habe stets das Gefühl, es ist alles Mumpitz. Ganz ehrlich, reicht es nicht, dass da draußen genügend Menschen und Meinungen sind, die einem sagen, man sei nicht schlank genug, nicht erfolgreich genug, nicht Mutter genug, nicht Hausfrau genug, nicht sexy genug? Muss ich mir auch noch anhören, ich sei faul und nicht demokratisch genug?

Entspannt euch doch mal und verbreitet hier nicht so ’ne miesepetrige Stimmung.

5. Du bist nicht demokratischer als ich, nur weil du am Sonntag eine Hose anziehst und das Haus verläßt, um zwei Straßen weiter in einer nach Teenagersocken muffelnden Turnhalle deine Wahlunterlagen in einen Karton zu werfen, statt sie vorher mit der Post zu verschicken.

Je länger ich darüber nachdenke, glaube ich, dass ich unsere Demokratie sogar viel mehr liebe als du! Schließlich konnte ich es so dermaßen nicht mehr erwarten zu wählen, dass ich es einfach schon vorher gemacht habe!

6. Du bist immer noch der Ansicht, ich sei einfach nur zu faul und willst endlich einen richtigen Grund wissen, wieso ich am Sonntag nicht selbst zur Wahlurne schlurfe?