Grapefruits für alle

Ich halte nicht viel davon, einzelne Menschen gezielt im Netz anzugreifen. (Nur der Vollständigkeit halber: Ich halte generell nichts davon, Menschen anzugreifen, es scheint in der digitalen Welt nur mehr akzeptiert zu sein …)

Denn ich bin ganz allgemein der Meinung, dass das Internet groß genug ist. Dass man sich ganz einfach aus dem Weg gehen kann, wenn man die Meinung, die Texte, die Musik oder auch einfach die Persönlichkeit eines anderen kacke findet.

Wenn einem etwas nicht gefällt, guck halt weg, lies was anderes.

Da ich in den letzten 48 Stunden viel Mimimi in Bezug auf Julia Engelmann lesen konnte – bis zu „Macht sie nicht so fertig! Stellt euch vor, sie bringt sich jetzt euretwegen um, wollt ihr das?“ –, klappt das nicht so richtig mit dem woanders hingucken.

Worum geht es?

Und weißt du, Dinge werden wahr, wenn man sie oft genug sagt
Sie oft genug –, heute wird ein schöner …
Weißt du, Dinge werden wahr, wenn man sie oft genug sagt
Sie oft genug –, heute wird ein schöner Tag
Komm, wir machen mal das Fenster auf, das Radio laut
Lass frischen Wind herein und alle alten Zweifel heraus
Wenn du fest daran glaubst, dann wirst du glücklich
Und heute gibt es Grapefruit zum Frühstück

 

Sowohl bei Amy&Pink, als auch bei Noisey wurde sich bereits sehr farbenfroh über die Unzumutbarkeit von diesem Lied von Julia Engelmann ausgelassen. Und natürlich über Julia Engelmann selbst. Da peitscht einem schon der pure Hass zwischen den Zeilen entgegen und nun gibt es natürlich Menschen, die sagen: Och Mensch, die arme Julia, lasst die doch, das macht ihr doch nur, weil es en vogue ist, sie scheiße zu finden, hat sie doch alles nicht so gemeint, seid doch nicht so.

Daher geht dieser Text jetzt hier genau genommen auch nicht gegen Julia Engelmann – denn da dürfte ja inzwischen alles gesagt sein –, es geht gegen jene, die nicht verstehen wollen, wieso dieses Lied und die Ignoranz, die dahinter steht, unsereins so verdammt wütend macht.

Es ist ja eigentlich ganz einfach. Niemand (zumindest ich nicht) erwartet, dass Nicht-Betroffene „Depression“ verstehen. Was genau es bedeutet, daran zu erkranken. Was es mit einem macht – psychisch und physisch. Und was dagegen hilft oder nicht hilft.

Spoiler: Keine frische Luft, kein Coldplay und keine Grapefruits.

Wie sollen Menschen auch etwas verstehen, was selbst Erkrankte manchmal nicht gänzlich verstehen? Wenn der eigene Körper, das eigene Gehirn, sich gegen einen wendet.

Selbst mir – die jedes Symptom zu kennen glaubt, jedes Zucken unter der Schädeldecke, das ungeduldige Scharren an der Tür zum Unterbewusstsein, das leise Flüstern hinter der Tapete, das Verlangen nach Stille und zugleich der Drang alles, einfach alles um einen herum zu übertönen – ist der eigene Körper immer wieder fremd.

Denn plötzlich ist da diese Welle, die man schon von Weitem anrollen sieht und bei der man dennoch weiß: Wegrennen lohnt nicht. Man kann nirgends hin. Nur wenige haben einen guten Therapeuten oder Psychiater zur Hand. Oder können medikamentös richtig eingestellt werden. Der Rest jedoch ist am Arsch, wenn die Welle kommt. Er kann sich nur hinlegen, ganz ruhig und still, alles über sich hinwegbrausen und stürmen lassen – und hoffen, dass man lange genug die Luft anhalten kann. Dass man lange genug durchhalten kann.

Und wenn man da so liegt, allein, die Luft anhaltend, betend, zitternd, ist das Letzte, was man braucht ein Fremder, der einem gandalfmäßig weise Ratschläge zuraunt.

Das wird schon.
Seh‘ doch nicht alles immer so schwarz.
Eine Veränderung würde dir helfen. Vielleicht eine neue Frisur!
Wenn meine Wohnung so aussehen würde, wäre ich auch depressiv. Räum doch mal auf.
Geh doch mal spazieren!

Und nun wurde das Repertoire der beknackten Ratschläge um frische Luft, Radio hören und Grapefruits zum Frühstück erweitert.

Ich bin wütend. Und ich bin nicht wütend auf Julia Engelmann, ich bin wütend, dass wir diese Unterhaltung wieder und wieder führen müssen. Aber wieso meine ich, wütend sein zu dürfen, wenn ich doch gerade eingeräumt habe, dass man das alles gar nicht verstehen kann?

Aus einem einfachen Grund: Das Problem ist nicht, dass ihr es nicht versteht. Das Problem ist, dass ihr es nicht versteht und TROTZDEM Ratschläge gebt. Dabei ist es wirklich simpel. Bevor ich etwas zu einem medizinischem Thema – und was anderes ist es am Ende nicht – sagen möchte, kann ich zumindest die Freundlichkeit besitzen, mich vorher zu fragen: Bin ich qualifiziert genug? 

Wenn die Antwort „Nein.“ ist, nun … dann …

Übrigens: Auch wenn saure Sachen wie Grapefruits sicher lustig machen, haben sie die putzige Angewohnheit sich eher schlecht mit bestimmten Medikamenten inkl. Antidepressiva zu vertragen. Sie sind, neben Coldplay-Songs, damit vermutlich das Letzte, was „traurige“ Menschen sich gönnen sollten.

Im Zweifel: Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker. Aber niemals die Nachbarin, den Kollegen oder den freundlichen Slammer von nebenan.