Grau

Es regnet. Natürlich regnet es. Langsam glaube ich, dass es gar nicht an Hamburg liegt, dass es dort ständig regnet. Es liegt an mir. So eine karmische Angelegenheit oder etwas ähnliches. In Jerusalem hat es damals auch ständig geregnet. Und dieser Winter in Berlin erst!

Und nun eben São Paulo. Gerüchteweise waren es gestern noch 25 Grad und Sonnenschein. Heute nicht. Heute bin ja auch ich gelandet.

Nach mehr als nur chaotischen Wochen, nach einem viel zu frühen Flug von Hamburg nach Frankfurt, nach viel zu viel Herumgelaufe an diesem minotaurischen Riesenmonsterflughafen, nach einem zwölfstündigen Flug auf dem es exakt (!) die Filme gab, die ich mir vorher auf mein MacBook geladen hatte und nach viel zu wenig Schlaf – Weil, seien wir ehrlich, Langflüge in der Economy für Menschen, die 1,80m groß sind, evolutionär betrachtet einfach nicht vorgesehen sind
Und weil meine Sitznachbarin hartnäckig ihre Füße zu nah an meinem Gesicht parkte oder aus Versehen fünf Mal mein Licht einschaltete. (Ihr Name war Jade und sie war Veganerin und ich erwähne letzteres nicht, weil ich denke, dass das einfach alles erklärt, ich lasse das einfach so im Raum stehe und das Bild wirken, das dadurch entsteht..)

Und nun bin ich hier, übermüdet und heilfroh, dass ich zwei Pullover eingepackt hatte, die ich beide anziehen konnte, als ich maulend versuchte die Klimaanlage runter- bzw. die Heizung hochzuschalten. Draußen ist es grau. Oben ein einfaches Grau wie auf alten Schwarz-Weiß-Fotos, aber je näher man vom Himmel gen Boden kommt, wird das Grau schlammiger, dreckiger, bis es sich in ein Ocker verwandelt.

Ich hüpfe, wenig grazil, über die Pfützen, die sich auf dem nicht asphaltierten Bürgersteig bilden und beobachte wie kleine ockerfarbene Spritzer auf meinen neuen Ballerinas landen.
Bei genauerer Überlegung ist der Regen hier doch anders als in Hamburg. Schaut man nach oben, wirkt es einschüchternd wie da die Palmen (dekorativ neben den Schuhkartonhochhäusern) im Winde hin und herpeitschen. Fast kann man jeden einzelnen Regentropfen sehen. Sehen, aber nicht spüren. Die Tropfen sind so fein, so klein, dass man nicht merkt, wie sie das Gesicht berühren, das Haar benetzen. Schaute man nicht nach oben in den grauen, regentropfengeschwängerten Himmel oder den matschigen, klebrigen Boden, sondern einfach nur stur geradeaus, man würde gar nicht bemerken, dass es regnet.

Komisches Land, denke ich, während ich in den kleinen Supermarkt steuere und pragmatisch nach M&Ms und Cola Light suche. Der Mensch – bekanntlich ein ekliges Subjekt, lediglich bestehend aus Gewohnheiten und Flüssigkeiten.

Ich hüpfe zurück ins Hotel, immer noch nur mäßig elfengleich, und kämpfe gegen die Müdigkeit, während ich mir das Koffein und den Zucker am Liebsten direkt intravenös in die Venen schießen würde.

Um halb vier noch ein Meeting, um fünf die erste Probe für das Konzert.
Und während der Probe, während Brahms Zigeunerlieder durch den Raum schallen und mich eine leichte Gänsehaut der Glückseligkeit überfällt, die lediglich klassische Musik bei mir auszulösen vermag, sitze ich hinten und habe das erste Mal seit Wochen Zeit zu tippen. Gedanken zu Worten zu formen. Sie einfach aus mir rausfließen zu lassen, wie eine langsam überlaufende Badewanne. Gedanken und Worte, die seit Wochen unschlüssig und ziellos in mir hin und her wabern, raus wollen, aber nicht können, da keine Zeit, keine Ruhe, keine Muße, keine Möglichkeit.

Und ganz plötzlich wird mir bewusst, dass es mir völlig egal ist, welches Wetter da draußen ist. Ob es morgen immer noch regnet. Ob es wärmer ist. Ob sich das Grau und das Ocker in eine andere, freundlichere, meine neuen Schuhe nicht beschmutzende Farbe verwandeln wird.

Denn egal, wie stressig es in den kommenden Tagen noch werden wird, ich werde endlich mal wieder ein paar Minuten nur für mich haben.

Minuten, um mir selbst auch mal wieder zuzuhören.