Claudia, halt’s Maul.

Wie jeder guter Internet-Narzisst mache ich ständig Fotos. Von meinem Essen, von Dingen, die ich gerne essen würde, von Menschen, die ich mag, Menschen, die ich doof finde, Hundewelpen – die Liste ließe sich endlos fortsetzen. Hin und wieder mache ich auch Fotos von mir. Gerne auch in Aufzügen, denn wenn ich mich recht erinnere, habe ich bei der Anmeldung bei Instagram zugestimmt, immer ein Selfie von mir zu machen, sobald ich in einen Aufzug mit Spiegel trete.

Dieses Foto hier habe ich vor etwa zwei Jahren gemacht.

Ich hatte meinen kleinen, zweiten Zwischenstopp in Berlin gerade beendet und war wieder komplett nach Hamburg gezogen. Ich erinnere mich natürlich nicht an den Moment, als ich das Foto schoß – hatte bis zu der Sekunde, in der ich es wiederfand, komplett vergessen, dass es existierte. Fotos wie dieses habe ich im Laufe der Jahre vermutlich Hunderte geschossen. 1% landeten dann tatsächlich irgendwo auf Twitter, Instagram & Co., der Rest wurde gelöscht oder fiel der Vergessenheit anheim.

Was ich bei diesem kleinen Schnappschuss so bemerkenswert finde, ist, dass ich mich aber erinnere, wie ich schon damals (mal wieder) mit mir, meinem Gewicht und Körper haderte. Ich hatte in Berlin (viel Stress, viel Arbeit, viel ungesundes Essen, wenig Bewegung) zugenommen und war (mal wieder) unsäglich unzufrieden.

Dass sich an viel Stress, viel Arbeit, viel ungesundes Essen, wenig Bewegung in den nächsten zwei Jahren nicht viel änderte, sorgte dafür, dass ich seitdem quasi pausenlos im Körperhass-Modus war.

Was ich nur sagen will: Zwischen dem Körper da oben und dem jetzigen liegen laut meinen Aufzeichnungen nur 7 Kilo. Nicht 15, nicht 30. Es sind nur 7 Kilo. Und wenn ich mir das Foto so betrachte, zwei Jahre später, mit genügend Abstand, finde ich mich überhaupt nicht dick. Und wenn ich damals gar nicht dick war, sondern mich aus irgendeinem Grund nur dick fand, und jetzt lediglich 7 Kilo mehr wiege – wie dick kann ich jetzt schon sein?

Es geht übrigens nicht um die Frage: War ich damals fett, bin ich es jetzt, wann ist man dick, wann ist man fett und bedeutet dick sein, dass man auch hässlich ist? Für solche hochphilosophischen Fragen wurden Twitter und Facebook erfunden, bitte diskutieren Sie das dort.

Mir geht es um die schlichte Erkenntnis, dass ich inzwischen einfach an dem Punkt bin, an dem ich ein Gefühl für meinen Körper längst verloren habe. Regelmäßig störe ich mich an – für mein Empfinden – schlanken Frauen auf Instagram, die ihr flaches Bäuchlein vor die Kamera halten und, begleitend von #bodylove & Co., seufzend feststellen, dass sie nach der Schwangerschaft nicht mehr die Figur haben, die sie mal hatten.

„Halt’s Maul. Ich hatte nicht mal mit 12 so eine Figur.“

… denke ich dann meistens, während mein nutellaverschmierter Finger über dem Block-Button kreist.

Aber wenn ich mir das Foto so ansehe, muss ich leider sagen: „Claudia, halt du dein Maul. Du bist nicht fett, warst damals auch nicht fett, du isst nur gerne fettig – und wenn’de wieder so wenig wie vor der Schwangerschaft wiegen willst, iss halt mal nur eine Schoko-Pizza pro Woche. Nur so für den Anfang. Und wenn nicht, dann halt nicht.“

Hab ich ansonsten eine Lösung parat, wie man seinen Frieden mit sich schließt, wieder ein besseres Gefühl für seinen Körper bekommt? Nö. Zum einen glaube ich ohnehin nicht, dass es für solche Dinge allgemeingültige Antworten und Lösungen gibt. Zum anderen muss ich das aber vielleicht auch gar nicht. Direkt eine Eingebung haben, wie es von nun an weitergehen soll, damit es besser werden kann.

Vielleicht reicht es für den Anfang, seine eigene Wahrnehmung und Bewertung von nun an immer wieder aufs Neue zu hinterfragen.