Hauptquartier

Als ich die Augen wieder aufschlage, ist es mucksmäuschsenstill in der Wohnung. Ich taste möglichst geräuschlos, damit niemand merkt, dass ich wieder wach bin und gleich irgendwas von mir will, nach iPhone und Brille und erfahre, dass es halb fünf ist. Sage und schreibe zwei Stunden geschlafen. Mitten am Tag. Wie so’n Student.

Die Wohnung ist leer und ich schlussfolgere mit einer holmesken Scharfsinnigkeit, dass die beiden vermutlich auf dem Spielplatz sind. Jetzt oder nie – flüstert mir eine Stimme zu und lacht hysterisch. „Frei, ich bin frei!“ murmle ich halblaut und noch nicht ganz wieder Herr meiner Sinne, während ich zurück ins Schlafzimmer rase, mich in die Hose zwänge und wahllos Dinge in meine Tasche schmeisse. Zwischendurch halte ich erdmännchenartig den Kopf in die Höhe und lausche ins Nichts. Nein, doch kein Geräusch im Treppenhaus. Ich werfe noch schnell einen Zettel auf den Esszimmertisch und bin raus.

Ich fliege die vier Stockwerke hinunter und mache bei jedem Absatz ein Geräusch, das sich wie ein startendes Flugzeug anhören soll, wohl aber eher nach einem Hamster klingt, der ein Stück Plastik verschluckt hat. Whooosh Whooosh. Unten angekommen spähe ich vorsichtig nach rechts und links den Bürgersteig entlang, doch kein Buggy, der sich bedrohlich wie ein russischer Panzer über den Horizont schiebt, in Sicht.

Mein Ziel ist klar und nebulös zugleich. Ein Hauptquartier. Ich brauche ein Hauptquartier.

Der Schreibtisch in der Wohnung ist nicht meiner, der Stuhl ist kein Stuhl, sondern eine pastellgelbe Monströsität, auf der man sicher ganz tollen Sex haben könnte – falls man auf Sex auf pastellgelben Monstrositäten steht und gerade keinen vollgepinkelten Yeti zur Hand hat -, der aber zum Arbeiten in sitzender Position in etwa so taugt wie ein ausgestopfter Elefantenfuß. Das ist nicht meins. Alles davon. Das Schlafzimmer, das Wohnzimmer, der Arbeitsplatz, die Küche. Alles.

Liege ich auf dem Sofa, schweift mein Auge nach spätestens 7,81 Sekunden in eine Ecke, die unaufgeräumt ist, die „unfertig“ ist, die einfach nur laut und aggressiv in meine Richtung schreit: „Hier wohnt ein Mann und diesem Mann ist es total egal, dass die Bücher alle nicht sortiert sind. Weder nach Farbe, noch nach Größe, noch nach Thema. Er hat sie einfach so ins Regal gerotzt, einfach weil Regale dafür da sind, dass man Bücher hineinwirft wie einen leblosen Körper in die Themse – und vor allem jedoch weil er es kann.“ Auf dem Regal liegen leere Kartons verschiedener Größen, die der Mann braucht, um Dinge, die er bei Ebay verkauft, zu verschicken und da er regelmäßig selbst Dinge bei Ebay kauft, und die ebenfalls in kleinen Kartons kommen, wird der Vorrat an Kartons nie kleiner.

Nie.

Man könnte sie in die Abstellkammer räumen. Man könnte sie in den Keller räumen. Man könnte sie auf den Dachboden stellen. Man könnte. MANN könnte. Frau darf nicht. Frau hat gestern in Eigenregie die monströse Stereoanlage im Schlafzimmer abgebaut und im Wohnzimmer wieder aufgebaut. Es war abgesprochen, dass sie dort stehen sollte und da der Mann aktuell nicht so gut heben kann, dachte die Frau, sie täte ihm einen Gefallen, wenn sie es während seines Geschäftstermins machen würde. Ha ha. Ahahahahahahaha. Frauen!

Der Mann hat ihr anschließend erklärt, dass sie nicht so pushen soll und die Frau hat genickt und liegt seitdem in Embryostellung auf dem monströsen Sofa – und überhaupt sind hier wirklich sehr, sehr viele Dinge sehr, sehr monströs – und blutet ein wenig aus den Augen, als ihr Blick auf das Buch von Sarah Kuttner fällt, das neben den Tagebüchern von Goebbels steht. Daneben ein Duden und daneben Tommy Jaud und daneben eine Stalinbiografie und daneben… Die Frau stöhnt, steht auf und geht, möglichst ohne noch irgendwas anderes anzuschauen, in Schlafzimmer und kriecht ins Bett.

Das war vor zwei Stunden.

Es ist okay, denke ich. Jeder Mensch ist anders. Hat sein eigenes Tempo, sein eigenes Stresslevel. Wenn das jemand wissen muss, dann ich. Ich nicke energisch und ziehe irritierte Blicke von Passanten auf mich. Er räumt sein Bücherregal auf, wenn er soweit ist. Er räumt die Kartons weg, wenn er soweit ist. Wir fahren zu IKEA, wenn er soweit ist. Wenn. Er. Soweit. Ist.

Ich stecke den Kopf ins erste Café und schnaube verächtlich und offenbar eine Spur zu laut, denn die Dame hinter der Theke, der das Etablissement wohl gehört, guckt so, als hätte ich ihr gerade eine Machete ins Herz gestoßen. Von hinten. Mit Anlauf.

Ich brauche ein Hauptquartier. Etwas, wo ich komplett versinken kann. Arbeiten kann. Wo ich nicht über Möbel und den Mann nachdenke. Und sei es nur für ein, zwei Stunden am Tag. Wo ich mir Kopfhörer überstülpen kann und abtauchen kann in die Blase, die allen Neurotischen und Introvertierten gemein ist. Wo mich niemand erreichen, niemand von hinten antippen kann, niemand ankommen und mich nerven kann.

Ein Grieche, eine Art Vapiano für Arme und ein chinesisches Restaurant, die meinen Weg kreuzen, scheinen mir weniger geeignet. Letzteres aber vorrangig, weil chinesische Buffets weltweit dafür bekannt sind, durch den Drang ständig etwas zu essen, das Arbeiten an sich unmöglich zu machen. Da ich außerdem auf strenger Diät bin und nur noch 536452345329433476 kcal statt 34673552432458463473482390834 kcal zu mir nehmen darf, muss ich verzichten. Ein Eiscafe erleidet das selbe Urteil und Schicksal.

In der Straße gibt es nur wenig Gastronomie. Stattdessen wimmelt es von Einzelhandel. Fast in jedem Geschäft vermute ich eine Frau in den Vierzigern mit perfekt sitzender Frisur, die sich „selbst verwirklichen“ wollte, „was eigenes“ machen wollte, nun nachdem die Kinder aus dem Gröbsten raus sind. Praktischerweise ist sie Zahnarztgattin und kann sich den ganzen Spökes leisten. Andere Frauen machen Yoga, sie macht einen Laden für Yoga-Zubehör auf. Warum auch nicht? Da spricht nur der Neid aus mir, weil ich keine Zahnarztgattin bin, denke ich, während ich mit den Fingerspitzen über die fliederfarbene Yogamatte fahre, die einen hohen Liegekomfort und eine zusätzliche Anti-Rutsch-Beschichtung und Schweiß-Absorption verspricht. Meine Matte zuhause hat keine Schweiß-Absorption und verwandelt sich spätestens während des Sonnengrußes immer in ein Planschbecken.

Als ich verliebt ein paar Yogahosen (mit erhöhtem Tragekomfort) streichle, fällt mein Blick auf ein Cafe auf der anderen Straßenecke. Ich lasse schweiß-absorbierende Matten, super bequeme Hosen und die Zahnarztgattin hinter mir und steuere schnurstracks das Cafe an.

Es gibt kein WLAN. Natürlich nicht. Aber es gibt bequeme Sessel und Tische, es ist hell, es ist gerade so laut, dass ich nichts mehr höre, sobald ich die Kopfhörer aufhabe. Es ist okay, denke ich. Jetzt, für den Moment, ist es okay.

„Was darf ich Ihnen bringen?“ Ein blondgelocktes Ding mit einem Body-Mass-Index zum Niederknieen und dem perlweißen Lächeln eines Zahnarztkindes schwebt an meinen Tisch.

„Hallo. Ich heiße Claudia. Ich trinke am Liebsten Ki-Ba, Latte Machiatto und Heiße Schokolade. Am Besten notieren Sie sich das schon mal. Ich werde von nun an häufiger hier sein.“

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