Hier & Dort

Wenn die meisten Menschen an Urlaub denken, denken sie an Wegfahren. Sie denken an Meer, an Strand, an Pool, an Hotel, an Ferienhaus, an Sonne, an Polarlichter, an Natur, an pulsierende, fremde Städte. Sie denken an die Ferne, sie denken an Bücher, die sie lesen und Fotos, die sie machen werden, sie denken an irgendetwas, was nichts mit ihrem Hier und Jetzt zu tun hat, mit ihrem Zuhause, der Stadt, in der sie leben, den Job, den sie haben, ggf. die Menschen, die sie umgeben.

Urlaub, das ist etwas, das nicht hier ist, sondern dort.

Ganz so, als wäre es dort besser – oder als ob man das Hier besser ertragen könnte, wenn man eine Zeitlang dort gewesen ist.

Meine Familie ist gerne ins Dort gefahren. Es war abwechselnd in Form von Bergen oder dem Meer zu bestaunen, hin und wieder in Gestalt von Wüsten und exotischen Tieren. Irgendwann stellte ich fest, dass ich das Dort, egal in welcher Form, gar nicht so sehr mochte und das Hier vorzog. Ich fuhr nicht mehr gerne mit in Urlaub, wusste nicht, was ich dort sollte. Herumliegen im Sand, wandern in den Bergen, all das war nicht meins, zumindest wenn es unter dem Etikett „Urlaub“ lief.

Und irgendwann, zwischen damals und jetzt, vergaß ich, dass ich Urlaub nicht mag, nicht diese Art von Urlaub. Ich reiste viel. Um von A nach B zu kommen. Um des Reisens willens. Um des Erfahrens willens. Um der Anekdoten willens.

Und wieder irgendwann kam der Mann, und der Mann sprach immer wieder davon, dass er gerne mit mir in Urlaub fahren würde. Nach Italien. Oder Frankreich. Ans Meer. In die Sonne. Und ich nickte, so wie der Mann eben nickte, wenn ich komische Dinge sagte, wie dass ich gerne Möpse und Chiuahuas kreuzen und dann Mouahuas züchten wollte.

Hin und wieder fuhren wir mal einen Tag ans Meer, aßen Krabbenbrötchen, steckten die Füße in den feinen Nordseesand und bestaunten die vor uns liegende Weite. Am Abend fuhren wir wieder nach Hause. Und oft war das für mich der schönste Moment des Tages.

Wenn ich abends in meinem Bett lag.

Dieses Jahr fuhren wir in Urlaub. Nicht zu weit weg, ich wollte nirgendwo hin, wo ich nicht ohne weiteres wieder weg konnte. Wir spazierten an Dünen entlang, lagen in der Sonne, streckten unsere Füße in den besagten Sand, sammelten Muscheln und verteidigten todesmutig unser Essen vor hitchcock’schen Möwen. Es war schön, alles schön, es war so schön, dass man brechen möchte.

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Dann schließlich kam ich wieder nach Hause und fühlte – nichts. Keine Erholung, kein Gefühl von Zufriedenheit, kein Gefühl von Lass-uns-das-wieder-machen.

Ich war an demselben Punkt wie vorher. Wenn Kollegen und Freunde mich anschließend fragten, wie der Urlaub war, wusste ich schlicht nicht, was ich antworten sollte.

Und plötzlich fiel es mir wieder ein: Ich mag Urlaube überhaupt nicht, weil sie für mich etwas anderes bedeuten als für andere Menschen.

Für mich bedeutet Urlaub natürlich auch Erholung, Ruhe, Stille, vielleicht sogar ein wenig Stillstand.

Aber es bedeutet vor allem, nicht zu reden, wenn ich es nicht will. Es bedeutet keine Menschen, wenn ich es nicht will. Es bedeutet tagelang das Haus nicht verlassen zu müssen. Es bedeutet so lange zu schlafen wie ich will. Es bedeutet den ganzen Tag mit dem Laptop im Bett zu hocken und zu schreiben und zu netflixen und zu lesen und zu essen und zu dösen, auch wenn draußen über 20 Grad waren und die Sonne mit Sommersprossen und weißem Hautkrebs lockte. Es bedeutet die ganze Nacht durchzuschreiben, bis morgens um drei oder fünf und dann bei den ersten Sonnenstrahlen ins Bett zu gehen. Es bedeutet, endlich die Dinge zu tun, für die ich sonst keine Zeit habe. Es bedeutet hier zu sein. Wirklich hier. Und nirgendwo sonst.

Vielleicht war es letztlich das einzig Gute an diesem Urlaub – dass ich mich wieder daran erinnert habe, was für mich Urlaub bedeutet. Und dass er für mich nicht irgendwo anders stattfinden muss, sondern bevorzugt im Hier und Jetzt.

5 thoughts on “Hier & Dort

  1. Hallo Liebes,
    Das kann ich gut nachvollziehen. Auch ich liebe das allein sein können und das selbstbestimmte Herumlungern sehr, erinnere mich aber sich daran, dass ich viele schöne Erfahrungen in den „Dorts“ meiner Kindheit machte.
    Ich brauche heute viel länger sls damals un ein Gefühl von Urlaub überhaupt nur erahnen zu können, weil man als Erwachsener (ihhh!) ständig an alles denkt, nur nicht an sich und daran an nichts zu denken.
    Mir hilft es wenn ich dann mindestens 2 Wochen am Stück weg bin. Dann erhasche ich das Gefühl von früher wieder und erinnere mich warum ich es doch toll fand. Probier es doch mal!

  2. Sehr schön geschrieben!!!
    Ich mag die HIERS und die DORTS.
    Aber wenn ich HIER Urlaub habe, dann mogeln sich doch manchmal so fiese Dinge wie Wäsche waschen oder „huch, die Fenster müssten mal geputzt werden“ in die Gedanken, die doch eigentlich auch Urlaub haben sollten.
    Im Urlaub DORT ist die schwierigste Entscheidung des Tages, wann oder ob man aufsteht (ok, mit Hund nicht wirklich…) und vielleicht noch, wann es was es zu essen geben soll.
    Das HIER und Jetzt ist wichtig, um entspannen zu können.
    Aber bei mir klappt es besser DORT.
    LG
    Kerstin

  3. Ich fahre einmal im Jahr alleine weg – an einen Ort, den ich so gut kenne, dass ich nicht gezwungen bin, etwas zu besichtigen.
    Ich fahre außerhalb der Saison und bin schon stundenlang dort allein durch die Gegend marschiert (bin der Typ, der sich an stiller Natur ergötzen kann). Ich sorge für eineUnterkunft mit w-lan.

    Finde ich mittlerweile sogar besser als ganz allein zu Hause, weil ich dort doch immer in Versuchung bin, irgendwelch Alltagskram zu erledigen.

    Ich bin seit vielen Jahren verheiratet, habe zwei fast erwachsene Kinder, bin alles andere als unglücklich mit meinem Leben – und wundere mich trotzdem hin und wieder, dass ausgerechnet ich so lebe. Aber ich schweife ab – wollte nur von meinen Solo-Trips berichten.

    LG,
    Marie

  4. Wenn ich an Urlaub denke, dann denke ich vor allem auch an SOMMER.
    Heute habe ich mir fast eine Erkältung zugezogen, weil ich dachte, man könne unbeschadet mit einem halbärmeligen T-Shirt rausgehen.

    Geschrieben an einem Mitte des Ausguts.

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