Ich bin Atheistin und das ist auch gut so

Man mag es mir nicht immer anmerken, aber ich bin ein unfassbar höflicher Mensch. Okay, solange ich nicht mit der Telekom-Hotline telefonieren muss. Aber ansonsten schon. Liegt vielleicht daran, dass ich so lange in der Gastronomie und im Einzelhandel gearbeitet habe. Ich grüße, ich sage Danke und Bitte und wenn man sich abends nicht noch eine gute Nacht wünscht, fühle ich mich wie ein Troll. Vor allem jedoch bin ich aus reiner Höflichkeit Agnostikerin.

Agnostiker glauben zwar wie Atheisten nicht an Gott. Da man aber keinen Negativbeweis erbringen kann, sind sie jedoch für die Möglichkeit, dass es Gott vielleicht doch gibt, zumindest offen. Man kann es schließlich weder beweisen, noch widerlegen. Damit sind Agnostiker offiziell die höflichsten Menschen in der putzigen Welt der Religionen.

Ich würde übrigens sehr gerne an Gott glauben

Oder an Zeus. Oder Karma. Oder irgendwas, was dem ganzen Chaos um uns herum ein bisschen Ordnung beschert. Gut, wir sind zwar zu dumm, zu erkennen, wie genau diese Ordnung aussieht, aber allein der Gedanke „Joah, voll ärgerlich, dass der Torben von diesem Waschbären aufgefressen wurde, aber Gottes Wege und so, da machste nichts.“ erscheint mir höchst tröstlich. Theoretisch.

Praktisch habe ich Philosophie studiert und da geht es nicht ums Glauben, sondern ums Wissen. Um das, was man Beweisen kann. (Ich empfehle an dieser Stelle mal Descartes. Bis zu der Stelle mit Gott ist Meditationes de prima philosophia zumindest sehr erhellend.)

Dass ich nämlich in Wahrheit eine Atheistin bin, merke ich immer dann, wenn ich Puls kriege, wenn Gott irgendwo als Argument für irgendwas auftaucht. Gott kann keine Prämisse für irgendwas sein, denn es gibt ihn nicht – schreit ein kleines, wütendes Männlein dann unter meiner Schädeldecke.

Aber auch nur dort, denn das geht natürlich nicht, dass man es rausbrüllt. Denn das wäre ja unhöflich und Religionsfreiheit und so. Also gehe ich aus dem Raum, schreie in ein Handtuch, komme wieder rein, nicke mit zusammengebissenen Zähnen und tue so, als fände ich es nicht komplett wahnsinnig, Gott in einer Unterhaltung völlig selbstverständlich als Argument zu erwähnen. Als ginge es gerade um Zahnpasta.

Klar kann man denken, Religion das ist doch bei uns eher so Pillepalle. Kreuzzüge sind ewig lange her. Und so Missionieren tun wir ja auch kaum noch. Gut, dann flaniert da schon mal so ein übereifriger Missionar zu irgendwelche Eingeborenen, die keinen Bock auf uns haben und töten den, aber das ist ja eher die Ausnahme. Und was der Vatikan so macht, ja, puh, hat ja nichts mit uns zu tun. Gut, ist doof, wenn missionierte AfrikanerInnen nicht verhüten, weil das Sperma des Mannes ja seit dem Mittelalter einfach Leben per se ist, und den halben Kontinent mit HIV infizieren, und die Sache mit der Homophobie, der Misogynie und dem geradezu traditionellen Kindesmissbrauch ist zwar lästig, aber das hat ja auch alles nichts mit Gott zu tun, nech? Sondern mit seinem Bodenpersonal. Und dass man beim Thema Abtreibung und Menschenwürde auch nur ganz, ganz schlecht um den Allmächtigen herum kommt – gegessen! LOL.

Ich meine, das hat ja alles nichts mit dem Glauben zu tun, hier in Deutschland – nicht wahr? Gut, da wird dann auch mal in irgendeiner bayerischen Behörde mal wieder medienwirksam ein Kreuz an die Wand genagelt und man versucht Kopftücher zu verbieten – ist zwar am Ende der gleiche Gott, aber wehe man weicht von der Hauptlinie ab, welche jetzt auch immer die Hauptlinie ist. Eigentlich will man ja nur in Ruhe zweimal im Jahr in die Kirche gehen und seinem Kind ’nen Nikolausstiefel hinstellen und ’nen Weihnachtsbaum – wo natürlich der Weihnachtsmann und nicht das Christkind die Geschenke bringt, die Krippe rechts daneben ignorieren wir mal. Es geht ja schließlich um Traditionen, ums Wohlfühlen, um Familie und überhaupt: Der Baum ist ja schließlich heidnischen Ursprungs, da kann man doch schon mal nebenbei die Geburt des Messias feiern. Es geht ums große Ganze, Jesus ist dabei eher der Beilagensalat.

Ich bin Agnostikerin – solange ich es vermeiden kann, über Gott zu sprechen.

Ich möchte kein Weihnachten feiern. Aus demselben Grund, aus dem ich kein Chanukka feiere oder den Ramadan begehe. Ich möchte keinen Adventskalender, der die Tage zählt, bis die Geburt des Sohn Gottes gefeiert wird. Ich möchte keinen Adventskranz. Und ich möchte nicht darüber diskutieren, ob unsere Gesellschaft dem Untergang geweiht ist, weil es manche Christkindlmarkt, andere Weihnachtsmarkt oder ein paar Soziopathen Wintermarkt nennen.

Joah, kann man jetzt sagen, dann lass es doch. Zwingt dich ja keiner. Religionsfreiheit und so.

Again: LOL.

Denn ich bin nicht allein. Nicht nur, dass da ein kleiner Mann ist, den ich in mein krudes atheistisches Gedankengut ja irgendwie einbinden muss. Nein, ich bin auch noch umgeben von Menschen, die das alles viel entspannter sehen. Und das ist die höflichste Art und Weise, wie ich das umschreiben kann.

Meine Mutter geht jede Woche in die Kirche und zündet ein Kerzlein „für uns“ an. Warum Gott Kerzen so mag, konnte sie mir bisher nicht sagen. Auch nicht, ob es nicht sinnvoller wäre, ihm ein Lamm oder Toffifee zu opfern.

Der Ex formerly known as der Mann ist ungetauft, bezeichnet sich selbst aber als Christ. Was genau das heißen soll, konnte er mir nicht sagen. Da er u.a. nicht weiß, was Sakramente sind und keine Meinung dazu hat, ob Jesus der Messias sei oder ob dieser wesensgleich mit seinem Vater ist, konnte ich bis heute nicht eindeutig klären, was genau er meint, wenn er sagt, er sei Christ. Offenbar bedeutet es lediglich, dass er an Ostern gerne Süßigkeiten im Garten versteckt und an Weihnachten einen Baum schmückt. Aha okay.

Und als ich es vor zwei Jahren wagte (!!!) meinem knapp vierjährigen Sohn, der bis dahin keine Ahnung von der Existenz des Nikolaus hatte, keinen Stiefel mit Süßigkeiten hinzustellen, wurde ich von der Kita angeschrieben. Was denn da los sei bei uns? Wieso der kleine Emil denn keinen Stiefel bekommen hätte?

Soviel zu dem Thema: Na dann feiere doch nicht. Lass es. Zwingt dich doch keiner. AGAIN: LOL!

Ich mag das alles nicht mehr. Mitmachen, um höflich zu sein, um nicht unangenehm aufzufallen. Das gilt für 2019 zwar für alles – aber für dieses Thema ganz besonders. Ich werde an Ostern keine Eier bemalen, keine Körbchen mit Süßem im Garten verstecken. Ich werde an Nikolaus keinen Stiefel befüllen, werde keinen Adventskalender kaufen oder gar selber basteln. Ich werde keinen Baum aufstellen und kein Weihnachten feiern.

Weil ich nicht an Gott glaube. Weil ich nicht glaube, dass der historische Jesus der Sohn von ebendiesem war. Dass er „für unsere Sünden“ gestorben und wieder auferstanden ist. Weil ich nichts davon glaube und es deswegen auch nicht feiern werde. Weil es für mich nicht logisch ist.

Mein Sohn ist im Dezember sechs Jahre alt geworden. Ich werde mich hinsetzen und mit ihm darüber sprechen. Werde ihm erklären, was an diesen Tagen gefeiert wird, welche Menschen das feiern und warum ich es nicht feiere. Ich werde das nach außen kommunizieren und mich wehren, wenn man mich als schlechte Mutter verurteilt, weil mein Sohn an Nikolaus keine Geschenke im höheren zweistelligen Bereich bekommen hat. (Ich meine: WTF?)

Klingt komisch? Nun, es ist sicherlich nicht komischer, als auf die Ankunft des Erlösers hinzufiebern, indem man jeden Tag einen Schokoriegel aus dem Kinder™-Adventskalender zu fummeln.