I’m not an optimist, but …

Das Glas ist halbvoll. Ich hasse den Spruch. Nicht nur, dass ich ihm nicht zustimme. Ich empfinde ihn manchmal fast als höhnisch.

Denn das Glas mag ja halbvoll sein, wenn das Leben im Allgemeinen eigentlich ganz okay ist. Wenn es einem eigentlich gut geht. Wenn es einem aber mehrheitlich schlecht geht – egal, ob körperlich oder psychisch –, dann ist so ein Satz doch einfach nur ein Schlag in die Fresse.

„Sieh es doch optimistisch!“

Ja, sie mussten dir ein Bein amputieren, aber du hast ja noch das andere – sieh es optimistisch!

Voll blöd, dass du sexuell belästigt worden bist, aber hey – du lebst noch: Das Glas ist halbvoll!

Ätzend, dass du Monat für Monat nicht weißt, wie du deine Rechnungen bezahlen sollst, aber zumindest verhungerst du nicht. So wie in Afrika. Stay positive!

Wenn Optimismus bedeutet, dass man sich bewusst machen muss, dass es ja noch beschissener sein könnte, dann muss ich sagen, dass Optimismus einfach nicht mein Ding ist. Funktioniert bei mir nicht. Mehr noch: Ich finde die Idee dahinter komplett meschugge.

I’m not an optimist, but …

Ich bin mir sehr wohl der Tatsache bewusst, dass Optimismus auch Übung bedarf. Und wenn man hauptberuflich damit beschäftigt ist, Scheiße zu fressen, dann können einem regelmäßige Übungen in diese Richtung schon mal schwer fallen.

But …

Dementsprechend musste ich kürzlich feststellen, dass ich wirklich sehr schlecht darin bin, auch mal die Dinge zu sehen, die nicht beschissen sind. Ungeachtet all der Hindernisse und Probleme, die noch vor einem liegen. Ungeachtet all der kleinen und großen Schwierigkeiten, die sich im Hier und Jetzt so fesch eingenistet haben.

Dabei geht es gar nicht darum, plötzlich zu tun, als wäre das besagte Hier und Jetzt besonders toll – nur weil es ja schließlich noch beschissener sein könnte. Es geht lediglich darum, kurz innezuhalten und zu realisieren, was man bis zu diesem Zeitpunkt alles geschafft und erreicht hat. Dass vielleicht noch ein verdammt langer Weg vor einem liegt, aber dass der schon zurückgelegte Weg durchaus einen Moment der Beachtung verdient.

Dass man ruhig eine Pause machen kann, von dem Irrsinn, den Zweifeln, der Überforderung und dem Versagen. Nur ganz kurz. Sollten wir alle hin und wieder mal machen. Weil uns das gut tut. Und Kraft gibt für den weiteren Weg.

Und keine Sorge, dadurch wird keiner von uns zu einem dieser ekligen Optimisten. Versprochen.

One thought on “I’m not an optimist, but …

  1. Gerade im Twittersumpf abgetaucht und zufällig auf dieser Seite wieder ausgespuckt worden. War mein erster Text, den ich von dir gelesen habe und bestimmt nicht der letzte. Danke dafür! Jetzt kann ich mit einem Lächeln im Gesicht meinen halbleeren Kaffee zu Ende schlürfen…

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