Ich weiß es nicht

„Und, freust du dich?“ fragt er und ich horche in mich, aber da ist nichts. Nicht mal ein Echo. Ich weiß, dass Freude eine angemessene Reaktion wäre. Die einzig angemessene vermutlich: Seit Januar bin ich schließlich wieder festangestellt, seit zwei Wochen besitze ich mein erstes Auto – mit dem ich nicht das Gefühl habe, ich wäre in einer Massenvernichtungsmaschine auf vier Rädern unterwegs –, ab Oktober habe ich eine neue Wohnung mit kleinem Garten – und während ich gerade mit latent sonnengebräunten Beinen in einem Ferienhaus am Meer sitze, habe ich eine Mail von meinem Verlag bekommen, in der man mir sagte, dass man mit meinem Buch ganz zufrieden ist.

Genug Gründe sich mal zu freuen. Und dennoch.

„Hm.“ nuschle ich und schiebe die Brille mit dem Mittelfinger nach oben „Weiß nicht.“

Was vielleicht einfach nur mundfaul und nicht besonders eloquent rüberkommt, ist am Ende die reine Wahrheit.

Ich weiß es nicht.

Vielleicht weil ich fürchte, dass, sollte ich es wagen, mich zu freuen, oder sogar laut zu sagen, wie geil alles gerade ist bzw. wie geil es werden kann, ebendieses alles sofort in sich zusammenbrechen würde.

Zu sagen, ich wäre ein Skeptiker, wäre vermutlich eine maßlose Untertreibung. Nicht, weil ich grundsätzlich glaube, dass ich scheitern würde. Sondern nur, weil ich weiß, wie fragil und vergänglich alles ist.

Klingt nach Esoterikhokuspokus und Buddhismus?

Erwischt. Viele denken in Bezug auf Buddhismus ja gerne als erstes an so Dinge wie Karma, Meditieren und im Lotussitz auf dem Boden sitzen und alle Menschen lieb haben … Ich denke bei Buddhismus vor allem an Vergänglichkeit.

An die beschissene, unaufhaltsame Vergänglichkeit aller Dinge.

Neuer Job mit unbefristetem Vertrag und nettem Brutto-Gehalt? Bringt einem nicht viel, wenn die Kollegen scheiße sind oder man ständig überfordert und überlastet ist. Neues, tolles Auto? Schon den Kratzer hinten links gesehen? Neue Wohnung? Wie gut kannst du eigentlich tapezieren? Und wie gut kennst du dich mit Schimmelbekämpfung aus? Und während du dich noch über die schicke Bräune freust, wächst das schwarze Melanom auf der Wade munter vor sich hin …

Ich lebe nicht im Hier und Jetzt.

Ich lebe im Morgen. Und ich habe keine Ahnung, wie es euch geht, aber ich weiß nicht, was Morgen so alles passieren kann und wird. Und so male ich mir einfach aus, was passieren könnte  – und dummerweise sind in meinem Farbkasten nur verschiedene Grautöne vorhanden.

Ich würde mich dabei wirklich nicht als Pessimist bezeichnen. Ich gehöre keinesfalls zu der „Das Glas ist halbleer!“-Fraktion. Ich gehöre zu denen, die sagen: „Das Glas ist halbvoll, aber nachher hast du sicher Durst und wirst einen Schluck trinken und OH BOY! dann ist echt wenig Wasser in dem Glas!“

Manchmal überlege ich, ob das schon immer so war. Ob ich mich noch nie über etwas freuen konnte. Ich weiß es nicht. Aber ich gehe davon aus, dass ich mich als Vier- oder Neunjährige sicher hin und wieder über etwas gefreut habe. (Auch wenn ich mich nicht daran erinnere, was das gewesen ist.)

Aber dann denke ich auch wieder: Vielleicht ist es besser, wenn das schon immer so war. Vielleicht hat die Vorstellung, ich sei schon immer so skeptisch gewesen, etwas beruhigendes.

Denn die Alternative wäre ja, dass meine Freude früher so oft nachträglich getrübt worden wäre, dass ich es mir schließlich einfach abgewöhnt habe.

Und bei aller Skepsis scheint mir das ein wenig erbauliches Szenario zu sein. Denn wie grau ich mir meine Zukunft auch ausmale, so bleibt zumindest eine kleine Portion Optimismus in mir vorhanden, die ganz fest daran glaubt, dass meine Kindheit nicht so scheiße gewesen ist, dass ich deswegen die Fähigkeit, mich zu freuen, aufgegeben habe.

Denn so kann ich zumindest leichter daran glauben, dass ich es vielleicht in diesem Leben doch noch lerne – diese Sache mit dem Freuen und dem Hier und Jetzt.

4 thoughts on “Ich weiß es nicht

  1. Du sprichst mir aus der Seele! Und ich bezeichne mich auch nicht als Pessimist, ich nenne mich selbst Realist!
    Aber manchmal blicke ich zu den ganzen hoffnungsvoll freudigen Menschen um mich herum und ertappe mich dabei etwas Neid zu empfinden… manchmal einfach mal nicht realistisch sein zu müssen und einfach träumen zu können… muss wohl echt schön sein, denn alle haben sie ein Lächeln im Gesicht… ;)

  2. Da es mir wesentlich leichter fällt, sich für andere zu freuen, freue ich mich gerade, dass es bei dir läuft. Grüße an den Rest. Grüße Karin

  3. Danke für deine offenen Worte! Es ist sehr sehr angenehm, zu erleben, dass man mit seinen Eigenheiten nicht alleine auf der Welt ist.

    Bei mir war es die neue (und jetzige) Partnerin, die mir mit Anfang 30 die provokante Frage gestellt hat, warum ich mich eigentlich verdammt nochmal nicht über Dinge freuen könne. Ich hatte das bis dahin nicht einmal bewusst wahrgenommen.

    Was ich Dir, liebe Claudia, im Gegenzug mit auf den Weg geben kann, ist: man kann es lernen. Das mit dem „sich über Dinge freuen“. Es ist ein mühsames, permanentes Üben, und manchmal komme ich mir dabei so furchtbar lächerlich vor, dass ich am liebsten in einem Strudel von Selbstmitleid, Ärger und Zucker versinken möchte, aber am Ende tut es doch gut und macht es meinen Alltag ein kleines Stückchen besser. Ich kann den Selbstversuch uneingeschränkt empfehlen!

  4. Wie wahr! Ich arbeite hart daran, zu lernen, mich auch mal zu freuen. Meist endet es damit, dass ich mich so ungefähr 10 Sekunden freue. Dann fällt mir ein: Wenn ich mich jetzt freue, dann isses gleich sofort das komplette Gegenteil. Seufzend versuche ich dann, mich nur verhalten zu freuen.

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