Jetzt und hier und bitte sofort

Ich starre den Stoff an, bis die Farben vor meinen Augen zu flirren anfangen. Einhundertsechzehn mal einhundertfünfunddreißig Zentimeter. Dreitausendzweihundert Minuten. Fast vierundfünfzig Stunden. Einhundertfünf Euro und achtundzwanzig Cent. Nicht mehr und nicht weniger. All das und doch so viel mehr liegen nun vor mir, als wäre nie etwas gewesen und als hätte ich mich die letzten drei Jahren, in denen die Decke mich mit strafenden, vorwurfsvollen und vor allem nicht existenten Augen aus der Strickkiste heraus bedachten, nie stattgefunden.

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Ich starre die Decke weiter an. Fahre mit den Fingern über die dicke, flauschige Merinowolle, die der einzige Grund war, warum ich das ganze Ding nicht schon längst in die Tonne gekloppt hatte. Über 100 Euro hatte mich diese wirre Idee damals gekostet. Manisch, wie es meine Natur ist, hatte ich die gesamte Wolle im Voraus gekauft. Natürlich. Vielleicht ahnte ich auch, dass es die Wolle zum Zeitpunkt der Fertigstellung nicht mehr nachzukaufen gäbe.

Was ist es nur, dass ich mich binnen Minuten für eine Sache, eine Idee, so maß- und grenzenlos begeistern kann, dass ich am Liebsten sofort, augenblicklich und natürlich für immer nur noch diese eine Sache machen will, nur um dann im Zuge der sich stetig voranschreitenden Zeit festzustellen, dass die Idee an sich zwar eine schöne und gute, um nicht zu sagen vortreffliche, ist, die Umsetzung und damit die Realität derselben jedoch eher nur so semi-vortrefflich.

Ich würde mich gar nicht mal als wankelmütig oder übermäßig inkonsequent sehen.. es ist vielmehr das Ausmaß der Begeisterung, die mein persönliches Umfeld und damit auch über kurz oder lang mich selbst regelmäßig in den Wahnsinn treibt. Denn seien wir ehrlich: Die Welt ist voll von Ideen und ich möchte sie alle und zwar jetzt und hier und ohnehin bitte sofort.

Aus diesem Grund besitze ich eine Singer-Nähmaschine, mit der ich bis heute kein überzeugendes Stück Stoff hergestellt habe, weil ich nach meinem Unterfaden-Einfädel-Nervenzusammenbruch mich ihr emotional nicht mehr so nahe fühlte. Aus diesem Grund besitze ich eine Staffelei und ca. 9084535476 Tuben Ölfarben, auf der bzw. mit denen exakt ein Bild entstanden ist, das aussah, als hätte ein sehr großes, carnivores Tier einen kaum gekauten Bohneneintopf darauf erbrochen. Aus diesem Grund besitze ich einen Humidor mit einer recht ansehnlichen Sammlung Zigarren, die ich jedoch seit drei Jahren nicht mehr angerührt habe, weil eine Churchill zu rauchen in der Regel eine recht langwierige und zugleich sabbrige Angelegenheit ist. Von meinen umfassenden Anschaffungen zwecks Meditation- und Yogakrams will ich an dieser Stelle gar nicht anfangen.

Ich bin ein großer Fan von sich-für-Sachen-begeistern und nur ein mittelmäßiger Ausführer von Sachen-auch-zuende-bringen.

Dass ich im Jahre 2011 also mit rund 1,6kg Merinowolle nach Hause stapfte, dürfte niemanden in meiner Familie wirklich überrascht, sondern lediglich zu wiederholtem Kopfschütteln geführt haben. Dass ich nun, an Silvester im Jahr 2014 im Schweiße meines neurotischen Angesichts auf dem Sofa saß, die Stricknadeln durch die Luft peitschte, als wäre ich Ben Hur und würde ein wortwörtliches Rennen gegen die Zeit laufen, während neben mir die Stoppuhr bedrohlich das Ende des Jahres und des einzigen Vorsatzes, den ich in diesem Jahr zu 100% erfüllen wollte, ankündigte, vielleicht schon eher.

Gegen neun Uhr entdeckte ich jedoch einen Kardinalsfehler, der nicht nur die Arbeit der letzten Stunde zunichte machte, sondern auch eisern und unbarmherzig verkündete, dass ich es nun unmöglich bis Mitternacht schaffen würde. Es sind wohl diese Momente, in denen man dem Mann zugute halten muss, dass ich nicht eingewiesen werde. Halb heulend, halb einen Nervenzusammenbruch heraufbeschwörend – schließlich war ich damit ein kompletter Loser, war ich ja bei allen anderen Sachen auf der Liste ebenfalls gescheitert. Hatte nur 5,5kg statt 10kg abgenommen. Hatte mich nur etwa 3 Monate gesund und vegetarisch ernährt und über jeden Tag meditieren wollen wir besser gar nicht weiter reden. Loser, Loser, Loser. Loooser.

Der Mann befahl mir die Decke wegzupacken, packte Sekt ein, schleifte mich zur Alster zum Feuerwerk, schleifte mich nach Hause, aß mit mir warmen Schokopudding und schubste mich ins Bett. Etwas Sinnvolleres hat kaum jemand getan.

Am nächsten Tag – ich war immer noch ein Loser – strickte ich die Decke zu Ende. Mit zwölf Stunden Verspätung. Und ich erkannte, dass der Kardinalsfehler gar nicht in den falsch gestrickten Maschen lag, sondern nur an mir selbst. Ich, die sich wieder und wieder dem selbst erschaffenen Druck aussetzte, die sich selbst Loser nennt, wenn sie eine Sache nicht zu 100% erledigt, statt sich auf die 30 oder 40 oder 60% zu konzentrieren, die sie geschafft hat.

Ich bin mir für meine Vorsätze in 2015 noch nicht so ganz im Klaren, aber ich denke, ein wenig optimistischer und netter zu sich selbst zu sein, wäre schon mal ein Anfang.

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