Konsequent

Sie kräuselt den Mund missbilligend. Ganz so, als hätte ich gerade in einer fragwürdigen Live-Performance Meerschweinchenbabies frittiert. Dabei habe ich lediglich gesagt, dass ich jetzt bei WhatsApp raus bin. So wie zwölfzigtausend andere Internetlemminge auch.
Ihr Mund bleibt in dieser seltsamen missbilligenden, gekräuselten Pose, während sie, nicht ohne mit den Augen zu rollen, sagt: „Dann müsstest du konsequenterweise auch dein Facebookprofil löschen. Und natürlich Instagram.“
Ein selbstgefälliges Lächeln umspült ihre Lippen und mit gierigem Blick erwartet sie meine Reaktion, meinen Rechtfertigungsversuch, während ich überlege, wie ihr Kopf wohl auf einem Stock aussehen würde.

Was ist es nur, dass manche Menschen bei gewissen Dingen immer nur schwarz und weiß sehen?

Entweder oder.

So, als müsste man, weil man versucht bei einer Sache das Richtige zu machen, auch bei allen anderen Sachen das Richtige machen, sonst wäre die eine Sache null und nichtig.

Entweder ganz oder gar nicht.

„Ah, du bist Vegetarier? Okay. Ist das ein iPhone? Hmm.. Du weißt schon über die Produktionsbedingungen in China Bescheid, oder? Aber Hauptsache keine Leberwurst mehr! (Hier affektiertes Lachen einfügen.) Aber das musst du selbst entscheiden.“

So, als gäbe es da kein Grau, keine Abstufungen, kein extrem scheiße / weniger scheiße / am wenigsten scheiße – Sondern nur die Wahl zwischen Hitler und Jesus. Und alles, was nicht Jesus ist, ist ipso facto Hitler.

Nur, wer ist schon Jesus?

Nicht mal Jesus war Jesus!

Daher scheint auch die erste und einzige Reaktion, die einem in diesen Tagen wie digitaler Eiter entgegen gespien wird, die zu sein, ob man sich denn jetzt auch bei Facebook & Co. abmeldet, weil die ja schließlich auch!! super böse sind. Und natürlich – haha! – wie dumm die sind, die auf Facebook schreiben, dass sie jetzt nicht mehr WhatsApp benutzen.
Dem Argument des fragwürdigen Datenschutzes bei WhatsApp wird mit der nicht existenten Datenschutzpolitik bei Facebook begegnet und damit die ganze Diskussion bewusst ins Lächerliche gezogen.

Wenn mir jemand erzählt, dass er nicht mehr aufs Solarium geht, weil er inzwischen eingesehen hat, dass es gesundheitsschädigend ist, belle ich ihm doch auch nicht entgegen: „DANN MUSST DU ABER AUCH MIT DEM RAUCHEN AUFHÖREN! WIE INKONSEQUENT!“

Wenn jemand sagt, dass er sich von nun an aus ethischen Gründen vegetarisch ernähren will, halte ihm doch nicht entgegen: „DU WEISST ABER SCHON, DASS WEGEN DEINER BODYLOTION IN SUMATRA ELEFANTEN STERBEN MÜSSEN? WIE INKONSEQUENT!“

Wenn jemand über die schlecht bezahlten Pflegestellen in Deutschland klagt und sagt, dass man da dringend was verändern muss, komme ich doch auch nicht auf die Idee: „UND WAS IST MIT DEN MENSCHEN, DIE IN AFRIKA UNTER SKLAVENÄHNLICHEN ZUSTÄNDEN BLUTDIAMANTEN SCHÜRFEN MÜSSEN?“

Dabei ist es ja noch nicht einmal so, dass diese Menschen, die mich Dummerchen daran erinnern, jenes selbst praktizieren. Dass sie selbst ihre Freizeit in Fußgängerzonen verbringen, um Unterschriften für Human-Rights-Watch-Aktionen zu sammeln oder Geld für das örtliche Tierheim. Sie malen auch keine Plakate für die Anti-Atom-Demo am Wochenende oder melden eine Kundgebung gegen Rechts an. Sie haben auch keinen Ökostrom oder spenden dem Obdachlosen an der Ecke ein Brötchen mit Käse.

Ihre einzige Tätigkeit besteht darin, mit einer Selbstgefälligkeit, die einem Göring würdig gewesen wäre, dazusitzen, gelangweilt mit den Augen zu rollen, und irgendeinen Schmonsens von Konsequenz und entweder ganz oder gar nicht zu faseln.

Ich weiß nicht, ob sie das selbst glauben, ob sie ein verzerrtes Bild von sich selbst haben, ob sie sich durch jeden Veränderungswunsch eines Dritten unterbewusst in ihrer eigenen Existenz angegriffen fühlen oder ob sie an dem speziellen Tag einfach nur ’ne beschissene Laune hatten, weil ihnen der Tanga, wie die Zahnseide des Todes, ins Fleisch schnitt.

Aber jetzt mal ernsthaft, was erwartet ihr? Was wollt ihr, die ihr meint, es gäbe kein Grau?

Entspricht es z.B. eurer Vorstellung von Konsequenz, wenn wir alle Accounts löschen, unsere Smartphones wegschmeissen und uns von nun an nur noch von Angesicht zu Angesicht unterhalten, am besten flüsternd, in einem abgedunkelten Raum, mit Trenchcoats und Sonnebrillen, während Dusche und Radio voll aufgedreht sind? Wie damals. In den Siebzigern. Oder zumindest in den Agentenfilmen aus den Siebzigern.

Ist es das, was ihr erwartet? Ich meine, ernsthaft? Ich verstehe ja, dass es leichter ist, Menschen zu belächeln, wenn sie einem erzählen, dass sie etwas in ihrem Leben verändern wollen, weil sie, aus welchen Gründen auch immer, jetzt erst erkannt haben, dass sie etwas ändern sollten, und sei es nur so klein und unbedeutend, aber warum kann man es nicht einfach hinnehmen und stillschweigend würdigen, dass derjenige das macht?

Es spielt doch keine Rolle, warum sich jemand JETZT Gedanken um seine Datensicherheit macht. Wesentlich ist doch nur, dass er sie sich macht und daraus erste Konsequenzen zieht.

Vielleicht liege ich ja falsch, aber das ist in meinen Augen schon ziemlich konsequent.

In diesem Sinne.

P.S.: Frau Haessy hat sich nicht von WhatsApp getrennt, weil Facebook eben dieses gekauft hat, sondern weil sie sich dadurch noch mal eingehend mit der App selbst auseinandergesetzt hat und feststellen musste, dass sie nicht so knorke fand, was sie lesen musste. Sie nutzt auch weiterhin Facebook, geht aber dafür nicht mehr ins Solarium.

18 thoughts on “Konsequent

  1. Der Unterschied zwischen Facebook / Instagram Profil und WhatsApp Konto ist, dass ich über WhatsApp ganz andere Informationen, unter anderem auch mal sensible, vielleicht viel zu undurchdacht, Informationen preisgebe, wie man es bei Facebook ganz bewusst eben nicht macht.

    Ein Messenger hat eine ganz andere Funktion als ein Social-Network, bei dem ich mich unter Umständen nur irgendwie verabreden, oder ein paar unverfängliche (oder verfängliche) Bilder öffentlich austauschen will.

    Über Facebook wird sicher niemand Sexten, über SMS / WhatsApp / Threema / wasauchimmer schon.
    Und da ist es eben besonders blöde, das WhatApp nicht sonderlich gut mit den Nutzerdaten umgeht, oder deren Verschlüsselung absolut fürn Arsch ist.

    (Und ich bin so konsequent weder ein Instagram Konto zu haben, noch ein Facebook Konto, aber das aus anderen Gründen).

  2. Und ich habe alles und benutze es auf eine so langweilige Art und Weise, dass der Typ von der NSA beim Lesen ins Koma gefallen ist.
    Ausserdem trinke ich keinen Nespresso. Wegen dem Rotschlamm. Aber Tiere mag ich sehr, am liebsten mit Knoblauchbutter.

    • Danke, Katharina. Dachte schon, hier fängt jetzt jeder an, „unter Umständen“ zu sagen ;)
      Aso: Danke natürlich Claudia für die Inkonsequenz.

  3. Ach wie wunderbar!
    Mittlerweile völlig genervt von diesen besserwisserischen Augenbrauenhochziehern habe ich mir vor ein paar Tagen (kein Witz!) wirklich gewünscht, hier mal das entsprechende Gekotze zu diesem Thema lesen zu dürfen. Weil mir schon „das Leben der anderen“ selbstgerecht gezeigt hat, warum meine Wut selbstverständlichtotal Sinn macht und wo die Verächtlichkeit der anderen lächerlich ist.

    Kann also gut sein, dass mir diesen Beitrag auf ein T-Shirt drucken muss.

  4. Aber der Grund, warum die Menschen das so machen, ist doch schon oben aufgeschrieben: „Entweder ganz oder gar nicht!“ Und sie wollen eben bei ihrem gar nicht bleiben. Da hat bitte gefälligst niemand reinzupfuschen oder gar aufzuzeigen, dass es eben nicht nur das eine oder das andere gibt. Ganz. Oder eben gar nicht. Pöh.

  5. Da gibt’s ein schönes Zitat: „Manche Menschen sagen: ‚Man kann nicht allen helfen.‘ Und helfen keinem.“
    Ich denke, die Menschen fühlen sich angepisst von dem Änderungswunsch des anderen. So wie „Oh man, muss ich das jetzt etwa auch machen? Muss ich vielleicht auch noch darüber nachdenken? Muss ich mich aus meiner Komfortzone rausbewegen?“
    Ich ändere halt das, was mir leicht fällt. Sowas wie wenig Fleisch, wenig neue Kleidung kaufen. Auf mein Handy mag ich aber nicht verzichten. Genauso wie auf viele viele andere total inkorrekte Sachen, die einfach Spaß machen und mein Leben lebenswert machen. Aber trotzdem ist es doch besser, wenige Dinge zu ändern als keine Dinge zu ändern…

  6. Genau so!
    Mir war WhatsApp schon immer suspekt, habe es aber irgendwann doch installiert, weil es eben „alle“ nutzen. Und mir waren damals auch ein paar Dinge nicht so bewusst (z.B. Weitergabe aller Kontaktdaten ob bei WhatsApp oder nicht).
    Mit dem Aufkauf durch fb und dem deutlicheren Bewusstwerden des Nicht-Datenschutzes gab es jetzt endlich mal auch Argumente für einen Wechsel – nicht nur für mich.

  7. Man muss sich für persönliche Entscheidungen bei niemanden rechtfertigen.

    Wenn man etwas ändert dann in erster Linie für sich selbst. Aus Gründen die einem wichtig sind.

  8. Es geht doch bei dem Ganzen „Ganz oder Gar nicht“ Gespamme von uns Besserwissern und Nerds nicht um Inkonsequenz oder ähnliches. Nein, ich bin ja froh, wenn sich „der Pöbel“ mal ein wenig mit Datenschutz und den Hintergründen auseinander setzt.

    Kommentare wie „LOL und das schreibst du jetzt auf Facebook“ sind doch nur wegen einiger mit wenig Intellenz gesegneter Personen entstanden:
    So eine

    Gruß, ein Informatiker und Datenschutzkritiker, der aus Bequemlichkeit so ziemlich alle unsicheren Dienste im Netz nutzt, die da so rumfliegen…

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