Lava Cake

Es ist Donnerstag, es ist der Tag der Tage, denn ich werde heute eine neue Hose kaufen. Weil ich muss. Weil ich nur zwei Hosen besitze und eine davon seit ein paar Wochen immer weiter reißt und munter Teile meines Oberschenkelfleisches freigibt. Es ist nicht schön, weder für mich, noch für meine Umwelt.

Also muss eine neue her. Was ebenfalls nicht schön ist, denn ich hasse shoppen. So bei sich zuhause, wo nur an begrenzten Stellen Spiegel vorhanden sind, kann man ja wunderbar ignorieren, wie man aussieht, wie was hängt und vor allem wie viel davon. Die Vorstellung, wie ich mich in der Umkleidekabine kreischweinend aus einer viel zu engen Jeans schäle, gehört nicht zu Dingen, die mich im Vorfeld besonders geil macht. Aber was sein muss, muss sein.

Das Protokoll des Elends

11.02 Uhr 

Ich bin auf dem Weg zu Esprit [Werbung, weil Namensnennung, ihr Abmahnficker!], weil ich dort seit Jahren meine Hosen kaufe, weil ich 1,80m groß bin und gerne Jeans trage, die auch über meine gesamte Beinlänge gehen. Scheint ja für Läden immer noch keine Selbstverständlichkeit zu sein. Natürlich habe ich meinen 20%-Gutschein zuhause vergessen. Das lässt meine Stimmung schon vorab enorm steigen.

11.09 Uhr 

Meine Filiale beim Gänsemarkt hat zugemacht. Natürlich. Die nächste ist am anderen Ende der Innenstadt, na ja, laufe ich halt, verbrennt sicherlich Kalorien, vielleicht bin ich ja dünn, bis ich dort bin!

11.32 Uhr

Bin ich nicht. Dafür schwitze ich unappetitlich. Ich möchte nach Hause und ein Eis. Reihenfolge egal. Im Laden suche ich nach der gleichen Hose, die ich schon besitze und von der ich weiß, dass sie passt, nun ja, passt ist übertrieben. Solange ich stehe, kann ich atmen und das ist ja auch schon viel wert.

11.37 Uhr

Ich finde meine Hose nicht, ich finde generell keine Hosen, deren Größenangaben den Eindruck erwecken, sie könnten passen. Eine Verkäuferin kommt und legt mit preußischer Genauigkeit Klamotten zusammen. Ob sie auch Hosen für Fette haben, frage ich sie. Sie blinzelt nachhaltig verstört, ich habe das F-Wort benutzt, das darf man nicht, auch wenn meine Frage durchaus berechtigt ist. Engagiert sucht sie mit mir zusammen ein paar Hosen aus, wie um mir zu beweisen, dass ich a) nicht fett bin und/oder b) trotzdem in die Hosen passe.

11.46 Uhr

Ich passe nicht in die Hosen. Natürlich. Eine kriege ich nicht mal über die Oberschenkel, die nächste zwar zu, dafür quillt mein weicher Torso über den Bund wie ein Lava Cake. Die Verkäuferin bringt mir eine Skinny, die ich lachend ablehne, und eine Boot Cut, mit deren riesigen Schlag unten ich sicher wie eine fesche Kaltblüter-Stute aussehen würde. Ich lehne ebenfalls ab und sehe ein, dass ich hier nicht fündig werde.

11.52 Uhr

Ich gebe aber nicht auf und gehe stattdessen zu Karstadt [Werbungnamensnennnungihrkönntmichmal!]. Ein fataler Irrtum, wie sich schnell herausstellt. Hier habe ich offenbar nur die Wahl zwischen recht konservativen „Ich bin eine Ü-50 Geschäftsfrau aus Bonn-Bad Godesberg“ und extrovertierten, an Farbkotze erinnernden „WELCOME TO MY CRACK EMPIRE!“ Kleidungsstilen. Geil.

Optimistisch probiere ich trotzdem eine Jeans an. Lava Cake all over again.

12.17 Uhr

Um meine spärliche Rest-Würde auch noch zu verlieren, gehe ich zu H&M [Werbunghurensohn]. Hier treffe ich auf meinen Endgegner: Das Skinny-Universum. Skinny High, Skinny Ankle, Skinny Regular, Shaping Skinny. Mein Favorit jedoch ist:

Ich kann per se keine Skinny tragen, weil meine Knie dann aussehen, als hätte ich Elefantenbabys gegessen und sie wären, wie bei einer Anaconda, die ihre Beute am Stück verschluckt, einfach irgendwo in mir an einer ästhetisch ungünstigen Stelle stecken geblieben.

12.29 Uhr

Würde ja als Trost gerne einfach diesen Pulli kaufen, aber (Surprise, surprise!) es gibt ihn nur in XS, S und M. Das kann ich sehr gut verstehen. Avocados sind ja an sich schon sehr fettreich. Höhö. Entschuldigung.

12.37 Uhr 

Ich bin inzwischen bei H&M Home gelandet, wo man die Essfreudigen als Konsumenten besser im Blick hat. Frei nach dem Motto: Na, zu fett für unsere Klamotten? Macht nix, hier gibt’s keine Größen und schau mal, für dein nächstes Frustfressen kannste dir bei uns güldenes Besteck gönnen.

Ich würde ja einer der Verkäuferinnen hier fragen, ob sie mir vielleicht weiterhelfen oder mir zumindest sagen können, wo die Leggins sind, aber die gucken schon so vorwurfsvoll, wenn ich wie ein verirrter, kleiner, dicker Tapir an ihnen vorbeikomme. Ist aber okay, die sind ja skinny, die dürfen so gucken.

12.43 Uhr

Kurz bevor ich aufgeben will, entdecke ich in einer kleinen Ecke, eine Art spezielle Winterabteilung, in der die Nierenwärmer direkt an die Hose genäht sind. Braucht man gar kein Unterhemd! Super praktisch.

Oben auf einem Schild steht Mama, vermutlich weil wir doch immer von unseren Müttern zu hören bekommen haben, dass wir uns sonst verkühlen … Ein anderer Grund fällt mir nicht ein. Endlich gibt es auch paar größere Größen, ich sammle welche ein, um diesem grandiosen Shoppingerlebnis vielleicht doch noch zu einem glücklichen Ende zu verhelfen.

Vorsichtshalber nehme ich eine der Umkleidungskabinen ganz hinten, damit ich niemanden mit meinem Weinen störe. Die Spiegel hier sind besonders heimtückisch. Vor allem, wenn man sich beim Umziehen gerade bückt, der Schlüppi nach unten rutscht und man beim Anblick denkt: „Schau an, schau an, so sieht das also da hinten inzwischen aus.“

12.47 Uhr

Diese speziellen Winterhosen passen mir ganz wundervoll. Ich kann mich wegen der Nierenwärmer endlich bücken, ohne Angst zu haben, ein schickes Maurerdekolleté zu offenbaren, und meine weiche Körpermitte wird schön, warm, fast schon zärtlich in Form gehalten. Wie die Rinde bei einem Laib Brot. Gekauft!

Das Ende.