Liebe Unbekannte

Liebe Unbekannte im IC von Münster nach Hamburg,

um ehrlich zu sein, bin ich ein wenig sauer auf dich. Nein. Nicht ein wenig. Ziemlich. Nicht ohne Grund läuft, während ich diese Zeilen tippe, der Soundtrack von Game Of Thrones im Hintergrund.

Du hast keine Kinder. Das ist klar. Du bist jung, vielleicht 25, und ziemlich attraktiv, daher stehen die Besamungswilligen sicher schon Schlange bei dir. Keine Ahnung, ob du später welche haben willst. Ich weiß nur, du hast jetzt ganz sicher keine.

Aber ich wünsche dir welche. Einfach nur aus dem Grund, damit du selbst erfährst, wie anstrengend es ist, mit einem Kleinkind Bahn zu fahren. Wie sehr der Druck und die Angst einem ständig im Nacken sitzt, vielleicht negativ aufzufallen, zu laut zu sein, zu stören. Die genervten Blicke, der Widerwillen, der an der Grenze zum Hass wandelt und sich stumm und vorwurfsvoll durch die Sitze bohrt.

Du weißt zwar, Kinder sind ein demographisches Übel, das es zu ertragen gilt. Aber bitte ein Übel, das möglichst geräuschlos vonstatten gehen sollte. 

Als du dich umdrehtest, hektisch, unruhig, zwei, drei, vier Mal und dann zu mir sagtest, ob wir so laut einen Film sehen würden, sagte ich ja. Obwohl es streng genommen nicht stimmte. Auf meinem MacBook lief ein Disney-Film auf Geräuschpegel II – für alle die kein MacBook zuhause haben, das ist wirklich unfassbar leise – und du batest, nein, hast uns sehr klar und direkt aufgefordert, es noch leiser zu machen.

Soweit so gut.

An diesem Punkt hätte ich vielleicht einfach ausgemacht oder noch einmal versucht, den Kleinen dazu zu überreden, die ihm unbequemen Kopfhörer aufzusetzen. Aber du musstet mich ja unbedingt noch einmal hasserfüllt anfunkeln und dann auf Parsel „Das wäre reizend!“ zischen. 

Ich machte den Ton den MacBooks komplett aus und überlegte ab diesem Punkt fieberhaft, wie ich selbst dir in den nächsten Stunden tierisch auf den Sack gehen könnte. Nachdem ich nicht wusste, woher ich schnell Harzer Käse oder einen paar Tage alten Fisch bekommen sollte, aktivierte ich die Tastentöne auf meinem Handy und schrieb erst einmal sehr, sehr, sehr, sehr, sehr viele SMS. Zwischendurch hustete ich. Sehr laut. Sehr tuberkuloseartig. Währenddessen überlegte ich weiter, wie viel Schokolade ich wohl dem Kind geben müsste, bis es sich gehaltvoll erbrechen muss, oder ob ich es wohl schaffen könnte, vor Wut so stark zu transpirieren, dass ich schlimmer rieche als ein Handwerker nach einer 12-Stunden-Schicht im Hochsommer. Ich könnte dir auch einfach ’nen Popel in den Pulli schmieren.

Ja, all diese Gedanken hatte ich. Aber vermutlich tue ich dir Unrecht, liebe, motzige Unbekannte. Vielleicht ist das Buch, das mit dem blauen Cover und den kleinen süßen Sternchen, sehr anspruchsvoll und du musst dich irrsinnig konzentrieren. Vielleicht hast du zu wenig geschlafen. Vielleicht hast du Stress mit deiner Familie. Oder mit deinem Freund. Vielleicht bist du schlicht unterzuckert (Gott, niemand weiß besser, was das mit einem machen kann!)

Aber weißt du, all das wären lediglich Gründe zu sagen: „Könnten Sie das was leiser machen?“

Keines davon ist ein Grund, sich wie ein Arsch zu benehmen.

Und das nächste Mal, wenn du eine Mutter samt Kind anzickst, geh doch vorher sicher, dass besagtes Kind von zu viel Fleischwurst nicht extrem abenteuerliche Blähungen bekommt und besagte Mutter besser keinen riesigen Fleischwurstring in ihrem scheiss Rucksack hat.

In diesem Sinne

XOXO