Mein Geburtstag

Ich hasse meinen Geburtstag. Vielleicht ist „hassen“ gar nicht das richtige Wort, aber mir fällt kein anderes ein, dass besser oder präziser wäre.

Mein Geburtstag ist mir unangenehm.

Er ist etwas, bei dem ich nicht das Gefühl habe, die Kontrolle zu haben. Er ist da, jedes Jahr am gleichen Tag. Ob ich bereit bin oder nicht. Egal, ob ich in der Stimmung dafür bin. Ob ich gesund bin. Ob ich Geld habe. Ob es mir gut geht. Ob ich alleine bin. Kurzum: Ich bin meinem Geburtstag scheissegal. 

Und das, obwohl dieser Tag früher bei allen anderen Kindern stets wie der Höhepunkt des Jahres aussah. An dem sich alles nur um sie drehte. Man bekam den Kuchen, den man wollte, die Geschenke, die man sich gewünschte hatte. Die Aufmerksamkeit. Das Strahlen, das Klatschen, das Singen. Einen Tag lang ging es nur um das Geburtstagskind.

Völlig egal, wie anstrengend die restlichen 364 Tage sein würden, dieser eine Tage würde anders sein. Besser. Schöner.

Würde. Sollte.

Denn in meiner eigenen Erinnerung war er das nicht. Geburtstage waren anstrengend. Nicht besser, nicht schöner. Nur anders. Einfach nur anders anstrengend als die anderen 364 Tage.

Zugegeben, ich war schon an sich ein komisches Kind. Ich dozierte als Grundschülerin altklug darüber, dass die menschliche Spezies nur deswegen die Krone der Schöpfung sei, weil sie sich selbst so genannt hat und eigentlich nicht besser oder anders als Tiere ist. Und ich verzieh meiner Mutter schon damals nicht, dass ich im Vorfeld nicht gefragt wurde, überhaupt geboren worden zu sein – ein Umstand, den ich bis heute nur mäßig ertrage. Ich und meine Gedankenwelt waren anstrengend, das Leben als solches und seine Mitmenschen waren anstrengend und als würde das alles nicht reichen, schleuderte mir das Schicksal mit voller Wucht seine Faust in meine kleine Kinderfresse.

Die Trennung der Eltern. Gewalt. Angst. Das nicht in Worte zu fassende Gefühl unsichtbar zu sein und nicht zu existieren. Nicht gesehen zu werden. Nicht geliebt zu werden.

Aber das waren ja nur 364 Tage im Jahr. Denn einmal im Jahr sollte das anders sein. Daran glaubte ich sehr fest. Vermutlich, weil ich es musste.

Denn ich dachte, an meinem Geburtstag müsste es einen Tag mal um mich gehen. Das war natürlich dumm, aber so sind Kinder nun mal. Und so entwickelten sich meine Geburtstage regelmäßig zu der größten Enttäuschung des Jahres. Und ich lernte sie auf dieselbe Weise zu fürchten, wie ich sie zuvor begehrt hatte.

Als ich älter wurde, fuhr ich an dem Tag einfach weg.

Raus aus der Stadt, weg von den Menschen, die meine kruden Erwartungen an diesem Tag ohnehin nicht erfüllen konnten. Ein paar Tage nach Amsterdam. Oder Berlin. Aber nachdem ich in einem Jahr einen kolossalen Nervenzusammenbruch in Paris hatte, mache ich das auch nicht mehr.

Stattdessen schraubte ich meine Erwartungen noch weiter nach unten. Ich betäubte alles in mir, wenn es um meinen Geburtstag ging. Packte mich in Watte, sagte mir, wie egal mir alles ist. Betäuben, ausblenden, verdrängen – Menschen, die in ihrer Kindheit eine Spur zu viel Scheiße erlebt haben, sind wahre Meister auf diesem Feld.

Ich bin vor gut einer Woche 35 Jahre alt geworden. Und das beste Geschenk, das ich mir selbst machen konnte, war in jener Woche nicht arbeiten zu gehen, meinen Kollegen zu untersagen, am Tag nach meinem Urlaub auch nur ein verdammtes Teelicht auf meinen Schreibtisch zu stellen, und an meinem Geburtstag selbst mit niemandem zu sprechen, nichts zu machen. Den Tag einfach über sich hinwegspülen lassen, wie eine Welle, von der man weiß, dass sie kommen wird, dass man sie eh nicht aufhalten kann und dass sie auch wieder weggehen wird. Man muss nur einmal kurz liegenbleiben, die Luft anhalten und dann ist es auch schon vorbei.

Denn es gibt einfach Dinge im Leben, die kann man nicht kitten. Wunden, die nicht heilen. Erinnerungen, die auch noch in zehn Jahren brennen und jucken und schmerzen. Traumata, die einem auf ewig die Luft zum Atmen nehmen können. Diese Dinge sind da, sie werden nicht weggehen. Niemals.

Das Einzige, was ein wenig hilft, ist, sich bewusst zu machen, dass man die 364 Tage zuvor überstanden hat – und diesen einen Tag auch noch schaffen wird. Denn neben dem Verdrängen und dem Aushalten haben Menschen wie ich noch eine andere besondere Fähigkeit: Wir überleben. Und manchmal kommt es darauf allein nur an.

4 thoughts on “Mein Geburtstag

  1. Jetzt drück ich dich, einfach mal so, weil ich jeden Freitag, den 13. toll finde, nachdem so viele ihn fürchten. Tage, an denen mir immer Gutes passiert ist, auch wenn die übrigen 364 Tage plöde zu mir waren. Meinen Geburtstag brauche ich auch nicht wirklich. Habe aber auch schon 65 davon gehabt und erinner mich an die wenigsten.
    GLG
    Astrid

  2. Danke von Herzen. Auch wenn es nicht schön ist, dass es dir so geht, für mich ist es gerade schön nicht allein zu sein. Denn so fühlt man sich ja eigentlich immer, als Mensch, der eine Spur zu viel Scheiße erlebt hat – allein. Danke, dass du darüber sprichst. Ich hab den Quatsch gerade zum 33. Mal rum und meine Erwartungen und mein Wunsch, dass es doch einmal schön sein möge können eigentlich nur kolossal enttäuscht werden. Trotzdem alles Gute nachträglich. :-)

  3. Da fällt mir folgendes Zitat von Douglas Adams ein, meinem Lieblings-Author:
    “In the beginning the Universe was created.
    This had made many people very angry and has been widely regarded as a bad move.”
    ;)

    Und alles Gute zum Geburtstag :)

  4. Schließe mich an, dachte immer ich stände alleine mit der riesigen Enttäuschung am Geburtstag, die einfach jedes Jahr wiederkehrt. Ärgere mich zwar und beschimpfe mich wegen des kindischen Benehmens und denke: nächstes Jahr ignorierst du in einfach, so wie du es gemacht hast, doch es will einfach nicht klappen.
    Nun weiß ich, dass nicht alle anderen an diesen blöden Tag glücklich sind – danke!

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