Mein namenloses Monster

Ich mochte das Wort Depressionen früher nicht. Ist jetzt nicht unbedingt so, dass ich es heute mag, aber zumindest kann ich es annehmen. Dass ich es früher so ablehnte, lag auch daran, dass ich es nicht mit mir in Verbindung setzen konnte.

Depressionen – das kam doch aus dem Lateinischen, deprimere, niederdrücken. Ich stellte mir Menschen vor, die die ganze Zeit im Bett, dem Sofa oder sonstwie horizontal herumlagen. Eine Prise Phlegma, eine Prise Müdigkeit, eine Prise Traurigkeit – fertig ist die Depression. Es klang nach etwas Passivem, wie eine Lähmung des Geistes. Ich wusste es nicht besser.

Das, was ich hatte, glich eher einer Naturkatastrophe. Einem Tsunami. Einem dieser Sorte, die man schon von weitem sehen kann, wie er langsam auf einen zurollt. Sicher, man könnte wegrennen, nur wohin, also bleibt man stehen und wartet auf das Unvermeidliche. Was dann stets kam, war pure Verzweiflung, Emotionen, die so intensiv und unbeherrschbar waren, dass ich sie nicht aushalten konnte. Mit Diagnosen tat man sich schwer, suizidgefährdet – klar, aber vielleicht auch bipolar, vielleicht auch nicht. Was wurde damals munter im ICD-10 geblättert …

Solche Schubladen werden von einigen abgelehnt. Je nachdem, was draußen an der Schublade steht, kann ich das durchaus nachvollziehen. Aber ich sehnte mich nach einer Schublade. Damit ich besser verstehen konnte, was bei mir passiert. Warum es passiert. Es ging mir gar nicht darum, dadurch auch eine Lösung direkt bei der Hand zu haben, sondern nur dem Monster einen Namen zu geben. Denn namenlose Monster sind viel furchterregender als die mit einem Namen.

Zwischendurch ging es mir besser und ich hatte jedesmal die drollige Vorstellung, dass es das jetzt war und ich das ganz alleine geschafft hätte, man muss halt nur wollen, hört man ja immer wieder, nur mal rausgehen an die frische Luft, sich zusammenreißen, alles eine Frage des Willens, Leni Riefenstahl lässt grüßen.

Natürlich war es kein Triumph des Willens. Vermutlich war das Monster nur in Urlaub, Seychellen oder Thailand, wo namenlose Tsunami-Monster gerne in ihrer Freizeit hingehen.

Jetzt bin ich 35. Fast 36. Seit 20 Jahren kommt das Monster mich nun besuchen. Es ist älter geworden, so wie ich, hat sich im Laufe der Jahre immer mal wieder was Neues einfallen lassen. Würde ja sonst langweilig werden. Es hat noch immer keinen Namen, keine Schublade, die letzte, die man vorschlug, war PTBS, aber da haben das Monster und ich nur noch mit den Achseln gezuckt und sind nach Hause gegangen.

Seit fast einem Jahr nun ist die Verzweiflung, die Panik, die Wut ein wenig leiser geworden. Stattdessen steht breitbeinig, fett und bräsig, so dass man sie nicht ignorieren kann, die Traurigkeit in der Tür. Es ist dasselbe Monster, es hat nur ein neues Outfit. Es sitzt auf mir, wie ein adipöser Medizinball, schwer und unnachgiebig. Müde macht es, so müde, dass man fast keine Energie zum Traurig sein hat – aber eben auch nur fast.

Die Kopfschmerzen kommen dann wie von selbst. Wo genau säßen denn die Kopfschmerzen wurde ich gefragt. Ich verstand die Frage nicht, im Kopf, im Ganzen. Als würde das ganze Gehirn unter Druck stehen und gegen die Schädeldecke drücken.

Hin und wieder vermisse ich den Tsunami, denn der hat sich zumindest angekündigt. Die Traurigkeit nicht. Die ist plötzlich da. Während man auf dem

Klo sitzt oder die Spülmaschine ausräumt. Sie ist da und geht nicht wieder weg. Irgendwann wird sie gehen, wann genau weiß keiner, das ist ja der Reiz an der Sache, alles andere wäre ja langweilig. Vielleicht ist sie morgen weg. Vielleicht in einem Monat. Vielleicht auch nicht.

Das Gute ist: Ich bin Fortgeschrittener, kein Anfänger. Ich stehe nicht das erste Mal vor meinem Endgegner und weiß, es wird nicht das letzte Mal sein. Ich weiß, es wird besser werden, ich muss nur lange genug durchhalten. Das ist alles.

Und wenn man „Das ist alles“ sagt, klingt das nach nicht viel, aber das ist es. Denn man kann nur durchhalten, wenn man die Tricks kennt und noch genügend Stärke in sich hat, um die anzuwenden.

Mein einziger Trick, der hilft, ist purer, unverfälschter, ekelhafter Egoismus: 20 Stunden schlafen, ohne sich schuldig zu fühlen. Nachts um drei warmen Grießbrei machen, ohne Kohlenhydrate zu zählen. Verabredungen absagen, ohne Angst zu haben, nicht verstanden zu werden. Einfach nur das zu tun, von dem man in der Sekunde weiß, dass sie einem hilft, sich ein kleines bisschen weniger scheiße zu fühlen.

Sich loszumachen von den Erwartungen anderen, den gut gemeinten Ratschlägen („Ach komm mit, das wird dir gut tun!“ „Geh doch eine Runde spazieren!“), auf sein Innerstes zu hören – also den Teil, der versucht, einen am Leben zu erhalten –, das braucht eine enorme Kenntnis seiner selbst und seiner eigenen Bedürfnisse.

Dinge einfach nur für sich machen, für niemand anderen und die Tage zählen, bis dem Monster langweilig wird und es wieder abreist.