Nichts Neues

Ich muss jetzt doch noch was sagen. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, keine Worte über das letzte Wochenende mehr zu verlieren.

Über die Demonstranten, deren Demos nicht wirklich so gelaufen sind, wie erhofft. Über die Polizei, die unter einem Druck stand, unter dem ich nie stehen möchte – und deren [hier ein Adjektiv eurer Wahl einfügen] Verhalten mich dennoch wirklich irritiert und zu Teilen auch verängstigt hat. Über die Kriminellen, die unter dem Deckmantel der freien Meinungsäußerung und dem Recht auf Versammlungsfreiheit, der Stadt und ihren Bewohnern einen finanziellen und auch emotionalen Schaden zugefügt haben – und denen das scheissegal ist.

Über die fleißigen Kommentatoren im Netz, die irgendwo auf einem in Plastik eingeschweißten Sofa im Oberallgäu sitzen, fein- und scharfsinnig alles analysierten und sich anschließend einen runterholten auf den Gedanken, wie viel besser und anders sie alles machen würden.

Über die Menschen, die alle Demonstranten und alle Linken nun scheiße finden – nein, eigentlich schon immer scheiße gefunden haben, aber jetzt hat man ja nochmal einen Beweis. Über die Menschen, die alle Polizisten scheiße finden, wirklich alle, selbst die, die gar nicht in Hamburg waren, sondern in einem Dorf auf Trinidad den Verkehr regeln.

Es wurde schon so viel gesagt und doch irgendwie am Ende gar nichts. Menschen, die sich im Netz gegenseitig anschreien und beschimpfen, als ob das Anschreien und Beschimpfen da draußen nicht ausreichen würde.

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„So habe ich dich gar nicht eingeschätzt“

Wenn man als Kind ein bisschen zu viel Scheiße erlebt hat – jene Art von Scheisse, bei der jeder weiß, dass es ein elendiger Euphemismus für etwas ist, was unausprechlich und erdrückend ist – dann hat man zwei Möglichkeiten: Entweder man zerbricht. Oder man überlebt.

Das Wort Möglichkeiten ist dabei natürlich extrem irreführend, weil es keine bewusste Entscheidung ist, keine Frage des Wollens. Sondern eine des Könnens und eine des Glücks.

Diejenigen, die überleben, wissen um dieses Glück.

Um ihre eigene Zerbrechlichkeit. Die Angst, dass sie vielleicht doch noch zerbrechen könnten, sie nagt an ihnen. Mal mehr, mal weniger. Wie ein wiederkehrender Albtraum, den man im Laufe des Lebens immer wieder hat. Den man zwar kennt, der einem seltsam vertraut ist – schließlich hat man ihn schon unzählige Male geträumt –, der einem aber auch beim nächste Mal wieder Angst machen wird.

Diese Angst, das Bewusstsein um die eigene Zerbrechlichkeit, ist ein Fluch. Und ein Segen. Denn gespeist von dieser Angst, ist da eben auch diese Wut und der unbändige Wille zu überleben. Und beides treibt und peitscht einen immer weiter voran. Tag für Tag.

Der ganze Körper, der Geist, jede Synapse ist programmiert, seit der Kindheit schon, steht unter Strom, stets wachsam, stets zornig.

Andere Menschen sehen das nicht. Die Angst, die Wut.

Wie sollten sie auch? Die Überlebenden tragen ein Kostüm. Dieses Kostüm hat das kleine Kind gerettet. Seine Fähigkeit, sich anzupassen. Zu beobachten. Ständig zu reflektieren. Und auch vorzutäuschen. So zu tun, als würde man nicht weinen. Nie. Als würde man nachts ruhig schlafen. Als wäre alles in Ordnung.

Menschen mögen andere Menschen, bei denen alles in Ordnung ist. Sie mögen glatte Oberflächen. Ein ständiges Lachen, das die Lippen umspült.

Also trägt man ein Kostüm. Erst das Kostüm eines anderen Kindes. Dann das eines anderen Jugendlichen. Und schließlich das eines anderen Erwachsenen. Eines, das stark und ruhig und stets gut gelaunt ist.

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