Ich habe heute kein Foto für dich!

Ich gehe kaum aus. Liegt vorrangig daran, dass ich vergleichsweise wenig Freizeit habe und diese bevorzugt zuhause und in Ruhe verbringe. Draußen bedeutet Stress. Ausgehen bedeutet Stress. Sich fertigmachen für die Außenwelt, in den Straßenverkehr oder sogar in eine U-Bahn stürzen, sicher gehen, dass man den „richtigen“ Tisch hat, dass es dort nicht zu laut ist, das Essen lecker, die Bedienung freundlich, die Toiletten sauber, die Gespräche unverkrampft … Zu viele Faktoren, zu viele Variablen. Dann doch lieber in Leggings mit extra weitem Bund zuhause sein, Brownies zum Abendessen mampfen und den Soundtrack von Buffy – Das Musical auf Tinitus-Lautstärke hören.

Doch hin und wieder gehe ich raus. So ein-, zweimal im Jahr. Und alle paar Jahre passiert das Wunder und es ist wundervoll. Viel zu selten, aber es passiert tatsächlich. Dann ist es egal, dass man über eine Stunde auf einen Tisch warten muss – weil man mit den richtigen Leuten zusammen wartet. Dann ist es egal, dass man den restlichen Tag nur mit offener Hose und zwickendem Bauch unterwegs ist – weil das Essen so unfassbar lecker war. Dann ist  es egal, dass man schon Mimosas zum Frühstück hat – weil, nun ja, Mimosas! Und ja, dann ist es sogar egal, dass man es nicht geschafft hat, ein instagramiges Foto von seinen Eiern Benedict, seinem Croissant, seinen Pancakes, seinem Shakshuka oder dem Brioche mit Nutella machen konnte, weil die Augen so groß und der Mund so schnell waren. So dass man nur noch schmatzend und rülpsend ein „Danach“-Foto machen kann.

Es sind diese Momente, diese wenigen, wertvollen, mit Kalorien und Zucker und Liebe bestäubten Momente, die mich auch ein Zukunft dazu verleiten, ein-, zweimal im Jahr das Haus zu verlassen.

P.S.:

Normalerweise mache ich so etwas ja nicht, aber ich lege euch allen hiermit das Benedict ans Herz – das die Israel-Friends unter euch sicherlich schon aus Tel Aviv oder Herzeliya kennen und das es inzwischen auch in Berlin gibt und wirklich einen Besuch wert ist.

© www.instagram.com/benedictberlin

Ich meine … Wie oft wart ihr schon mal in einem Restaurant, in dem ihr vor lauter kulinarischer Geilheit vergessen habt, Fotos vom Essen zu machen?!

Recht und Gerechtigkeit

Die Welle an Sexismus- und Missbrauchsvorwürfen, die seit geraumer Zeit über Hollywood hinwegfegt, scheint gar nicht mehr abebben zu wollen. Aber wirklich verwunderlich ist es natürlich nicht. Der #Aufschrei vor vier Jahren hat, trotz seiner vermeintlichen Ausmaße, nur die Spitze eines Eisberges freigelegt.

Sexismus mit all seinen Ausprägungen kam eben nicht über Nacht. Und er wird auch nicht über Nacht verschwinden. Falls er überhaupt jemals verschwindet.

Die permanente Auseinandersetzung damit ist daher wichtig und notwendig – völlig egal, wie sie manche auch nerven mag.

Ich habe jedoch beim Umgang mit dieser Debatte ein grundsätzliches Problem. Denn mir wurde Zeit meines Lebens eingebläut, dass die Schuld eines Menschen bewiesen werden muss. Juristisch und moralisch. Das schien immer völlig außer Diskussion zu stehen – auch wenn die Medienlandschaft das in Fällen wie Kachelmann & Co. gerne anders sah. Und sieht.

Und während „wir“ bei Alltagssexismus, Missbrauch und sexuellen Übergriffen selten oder überhaupt nicht Namen und Personen nennen, sondern gerne von dem weißen Mann mittleren Alters reden, ist es bei anderen Fällen keineswegs abstrakt. Es werden Namen genannt. Konkrete Anschuldigungen.

Worauf sich viele genötigt sehen, ebenfalls konkret Stellung zu beziehen.

Natürlich wäre es bizarr bei all den verschiedenen Frauen, die sich gemeldet haben, weil sie bedrohliche, beängstigende und geradezu ekelerregende Erlebnisse mit Harvey Weinstein gehabt haben, anzunehmen, er hätte nichts von alldem getan. (Selbst für den hypothetischen Fall, dass eine der Frauen nicht die Wahrheit gesagt haben sollte.)

Continue reading