Recht und Gerechtigkeit

Die Welle an Sexismus- und Missbrauchsvorwürfen, die seit geraumer Zeit über Hollywood hinwegfegt, scheint gar nicht mehr abebben zu wollen. Aber wirklich verwunderlich ist es natürlich nicht. Der #Aufschrei vor vier Jahren hat, trotz seiner vermeintlichen Ausmaße, nur die Spitze eines Eisberges freigelegt.

Sexismus mit all seinen Ausprägungen kam eben nicht über Nacht. Und er wird auch nicht über Nacht verschwinden. Falls er überhaupt jemals verschwindet.

Die permanente Auseinandersetzung damit ist daher wichtig und notwendig – völlig egal, wie sie manche auch nerven mag.

Ich habe jedoch beim Umgang mit dieser Debatte ein grundsätzliches Problem. Denn mir wurde Zeit meines Lebens eingebläut, dass die Schuld eines Menschen bewiesen werden muss. Juristisch und moralisch. Das schien immer völlig außer Diskussion zu stehen – auch wenn die Medienlandschaft das in Fällen wie Kachelmann & Co. gerne anders sah. Und sieht.

Und während „wir“ bei Alltagssexismus, Missbrauch und sexuellen Übergriffen selten oder überhaupt nicht Namen und Personen nennen, sondern gerne von dem weißen Mann mittleren Alters reden, ist es bei anderen Fällen keineswegs abstrakt. Es werden Namen genannt. Konkrete Anschuldigungen.

Worauf sich viele genötigt sehen, ebenfalls konkret Stellung zu beziehen.

Natürlich wäre es bizarr bei all den verschiedenen Frauen, die sich gemeldet haben, weil sie bedrohliche, beängstigende und geradezu ekelerregende Erlebnisse mit Harvey Weinstein gehabt haben, anzunehmen, er hätte nichts von alldem getan. (Selbst für den hypothetischen Fall, dass eine der Frauen nicht die Wahrheit gesagt haben sollte.)

Wir sind inzwischen sensibler geworden, wenn es um potentielles Victim blaming geht. Aus gutem Grund.

Die Vorstellung, dass man über seinen Missbrauch berichtet, und niemand glaubt einem, ist grausam. Und neben dem Missbrauch selbst das Schlimmste, was einem passieren kann.

Es besteht aber ein Unterschied, ob man „Ich glaube dir.“ sagt oder auch zugleich Sanktionen verhängt.

Nur zur Erinnerung: Wenn ich sage „Ich weiß nicht, ob XY schuldig ist und ich will nicht Recht sprechen und Urteile verhängen.“, heißt das nicht „Ich finde Missbrauch toll.“ Ich glaube, diese Differenzierung kann ich nicht oft genug wiederholen.

Konsequenzen, Sanktionen, Urteile – all das ist in meiner Wahrnehmung etwas für Polizei, Staatsanwälte und Richter gewesen.

Mir ist bewusst, dass z.B. eine Weiterbeschäftigung von Spacey bei Netflix wie ein Schlag ins Gesicht aller Opfer gewesen wäre. Es fühlt sich richtig an, dass Netflix diese Entscheidung getroffen hat. Richtig und nachvollziehbar.

Und ich sage nicht, dass ich es falsch finde, dass Netflix sich nun komplett von Spacey getrennt hat. Ich sage nur, dass ich es schwierig finde.

Aber das liegt wahrscheinlich daran, dass Recht und Gerechtigkeit zu selten übereinstimmen. Und dass Gerechtigkeit – während Recht etwas ist, was in geraden Bahnen und gut sortierten Schubladen mit hübschen schwarz-weiß gefärbten Schildchen verläuft – etwas höchst emotionales und subjektives ist.

Es geht hierbei nicht darum, dass ich nun ebenfalls diejenigen verurteile, die damit kein Problem habe. Die Netflix bejubeln. Spacey verteufeln. Es geht noch nicht mal um diesen speziellen Fall. Es geht nur darum, dass ich noch nicht mal mehr sicher bin, ob es okay ist, offen zu sagen, dass ich unseren öffentlichen Umgang mit potentiellen (!) Tätern schwierig finde.

Und das sage ich als Opfer.

2 thoughts on “Recht und Gerechtigkeit

  1. Ich persönlich finde es schwierig, wenn sensible Themen in der breiten Öffentlichkeit diskutiert werden, deren Ausgang noch vollkommen unklar ist. Bei denen noch nicht nachgewiesen ist, wie viel von Beschuldigungen tatsächlich stimmt.
    Denn auch das hat die Realität bewiesen: Nicht immer ist das Opfer tatsächlich ein Opfer.
    Jedoch hiervon erfährt man maximal in Randnotizen. Der Betroffene wird anschließend nie wieder wirklich frei, es bleibt immer etwas an ihm haften.
    Und das sage auch ich als ein (echtes) Opfer.

  2. Danke, sprichst mir aus der Seele. (Oh, bevor ich durch andere Kommentierende falsch eingeordnet werde, die gern sagen „äääh wieder nur nenn doofer weisser Mann, der nicht betroffen ist“: #metoo. Ja, solls geben. Und es kotzt mich an, das Gefühl zu haben sowas persönliches als Rechtfertigung mitliefern zu müssen.)

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