Ein paar Fragen an Marlies Hübner

Es gibt sehr viele Menschen in diesem Internet. Unfassbar viele. Und nur sehr wenige stechen hin und wieder heraus. Durch klare, sanfte und höfliche Töne, Worte und Gedanken. Die Autistin Marlies Hübner ist eine davon. Marlies heißt im Netz ganz oft gar nicht Marlies. Sondern meistens outerspace_girl oder robotinabox und ist Fast-Wienerin, Twitterin und Bloggerin (manche munkeln ja, das sei das gleiche), hat ein Buch schon veröffentlicht und arbeitet derweil an ihrem zweitem. Whoop whoop!

Unabhängig von ihren vielen Namen, war sie so liebreizend, sich fünf zehn dreißig Minuten Zeit zu nehmen und mir ein paar Fragen zu beantworten.

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MOIN ROBO! FANGEN WIR MIT WAS LEICHTEM AN: WENN DU DICH SELBST MIT DREI WORTEN BESCHREIBEN MÜSSTEST, WELCHE WÄREN DAS? (DU KANNST AUCH VIER NEHMEN…)

Jetzt mal so von Autistin zu Nichtautistin: Ja, was denn? Entweder drei oder vier.

VERDAMMT. MEIN FEHLER! DANN DREI:

„Nein, lieber nicht.“

WO BIST’N DU IN DIESEM MOMENT?

Wie derzeit an den allermeisten Tagen: Zuhause am Schreibtisch.

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UND DEIN SCHREIBTISCH STEHT WO? IN LETZTER ZEIT LÄUFT EINEM DAS WORT „WIEN“ JA DOCH RECHT HÄUFIG ÜBER DEN WEG.

Dadurch, dass ich die Zelte in Stuttgart schon abgebrochen habe und quasi auf gepackten Koffern sitze, jene Zelte aber in Wien aufgrund des angespannten Wohnungsmarkts noch nicht aufgebaut werden können, muss ich die Frage wie folgt beantworten: Im Moment kann ich keine konkrete Antwort geben. In einer oder zwei Wochen kann die Sache schon wieder ganz anders aussehen.

Ich habe acht Jahre in Stuttgart gelebt – eine beachtliche Zeit, finde ich, wenn man bedenkt, mit wie viel Abneigung ich der Stadt gegenüberstehe. Wien soll es werden, weil Wien großartig ist und mich niemand dafür bezahlen muss, das zu sagen. Tatsächlich aber ist das nur ein Benefit. Ich habe mich in einen Mann und in einen Job verliebt und beide befinden sich in Wien.

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EIN PERFEKTER TAG – WIE SÄHE DER FÜR DICH AUS?

Kurz gesagt: Ich hätte meine Ruhe. Meine Ansprüche sind dahingehend wahnsinnig schlicht. Ich wäre zu Hause, würde entspannt an meinem Text arbeiten – an irgend etwas schreibe ich ja immer – neben mir einen Becher Ben&Jerry’s. Abends sitze ich vielleicht mit Freunden und dem Partner an der alten Donau, wir unterhalten uns, dann gehen alle nach Hause. Vielleicht bleibe ich aber auch einfach auf dem Sofa.

Bäm, perfekter Tag.

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BEI MIR GIBT ES DREI DINGE, OHNE DIE ICH BINNEN KÜRZESTER ZEIT NICHT LEBENSFÄHIG UND UNAUSSTEHLICH BIN: SCHNELLES INTERNET, GENÜGEND SCHLAF, LECKERES ESSEN – WAS SIND BEI DIR ABSOLUTE STRESSAUSLÖSER?

Geht es um das Fehlen von etwas, um Stress auszulösen, gehe ich mit dir d’ac­cord und ergänze um Kaffee. Niemand kann, nein. Niemand will sich ausmalen, was passiert, wenn ich auf Kaffee verzichten muss. Spoiler: Nichts angenehmes.

All diese Dinge gehören aber auch zu meinen Routinen und Ritualen und die wiederum sind elementar wichtig dafür, als Autist*in zu funktionieren.

Wenn man ein ohnehin permanent analysierendes und nicht filterbare Reize verarbeitendes Hirn dann auch noch mit Banalitäten wie „Wann schlafe ich“, „wann und was esse ich“ etc. stresst, dann war’s das ganz schnell mit der intellektuellen Leistungsfähigkeit.

Geht es um äußere stressauslösende Faktoren, dann sind das klar Menschen, Menschen und Menschen. Denn alles, was stresst, ist direkt oder indirekt von ihnen ausgelöst. Lärm, Gerüche, jedwede Art Zeit- oder Leistungsdruck – egal, was man nimmt, man kommt immer auf Menschen zurück. Ich frage mich ehrlich, wie sich das Konzept Mensch derart erfolgreich durchsetzen konnte.

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STICHWORT AUTISMUS: WIE ALT WARST DU, ALS DU ERFAHREN HAST, DASS DU AUTISTIN BIST – UND WIE HAT SICH SEITDEM DEIN LEBEN VERÄNDERT?

Ich bin jetzt 32 und war bei der Diagnosestellung 27. Eine Diagnostik im Erwachsenenalter ist für in den 80ern und 90ern und noch davor geborene Menschen nicht ungewöhnlich. Man fiel in der Vergangenheit zwar durchaus auf, das Problem konnte aber in der Regel nicht korrekt benannt werden, da es für Autismus kein Bewusstsein gab.

Das führte zu vielen unglücklichen, problematischen Lebensläufen, zu verschenkten Bildungschancen, zu Mobbing und zu Suiziden. Inzwischen werden autistische Menschen meist in der Kindheit diagnostiziert, was allerdings nicht nur Vorteile hat. Die Sicht auf Autismus ist noch immer derart defizitär und von Anpassungsforderung statt Inklusion geprägt, dass es den diagnostizierten Kindern nicht zwingend besser geht.

Geändert hat sich für mich seitdem sehr viel, im Großen wie im Kleinen. Alles zu benennen würde jeden Rahmen sprengen. Es beginnt bei Selbstreflexion und Selbstakzeptanz, führt über das Erkennen der bisherigen destruktiven Anpassungsleistung an eine vermeintliche Norm bis hin zur ganz praktischen Lebensgestaltung. Man erkennt mit dem Hintergrundwissen Autismus seine Stärken und Schwächen und wie man beides zu seinen Gunsten nutzen kann.

Mit meiner ungewöhnlichen Genauigkeit, meiner Detailverliebtheit und der enormen Wissensgier bin ich zum Beispiel in der Lage, mir autodidaktisch schnell viel Wissen anzueignen und gleiche so die Schwäche eines fehlenden Studiums aus.

Ebenso wirkt sich die abweichende Art der Kommunikation, die bei Autist*innen fast ausschließlich auf der Informationsebene stattfindet, positiv auf meinen Schreibstil aus.

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ICH GEBE GANZ OFFEN ZU, DASS MEIN PRIMÄRES WISSEN ÜBER AUTISTEN AUS IRGENDWELCHEN US-SERIEN UND -FILMEN BZW. TWEETS UND TEXTEN VON DIR UND MISHA STAMMT. GIBT ES ETWAS, WAS NICHT-AUTISTEN UNBEDINGT WISSEN SOLLTEN, UM VERLETZENDE, MISSVERSTÄNDLICHE AUSSAGEN ZU VERMEIDEN?

Das Wichtigste ist meiner Meinung nach nur eins: Begegne jeden Menschen mit Respekt und Wertschätzung, egal, ob Autist*in oder nicht. Sei einfach mal kein diskriminierender Arsch. Das ist tatsächlich weitaus weniger schwierig, als man glauben mag. Scheint sich aber noch nicht sonderlich herumgesprochen zu haben.

Autismus ist ein enorm komplexes Thema, das man schwer in ein paar Sätzen vermitteln kann. Man spricht inzwischen nicht mehr von verschiedenen Autismus- „Arten“, sondern geht vom Autismusspektrum aus, in dem sich alle Autist*innen befinden.

Es gibt auch keinen leichten oder schweren, milden oder gut gewürzten Autismus. Wir nutzen die Begriffe auffällig oder weniger auffällig.

Es gibt Diagnosekriterien. Diese betreffen Probleme in der Kommunikation, in der sozialen Interaktion und die Notwendigkeit von Routinen. Das sagt aber nichts über den Menschen aus, der dahintersteckt. Die Fähigkeiten und Talente sind bei Autist*innen so vielfältig wie bei Nichtautist*innen auch und die massive Unterschätzung der Intelligenz autistischer Menschen ist Alltag.

Man macht es uns aber auch nicht einfach. Autismus ist ein schrecklich beliebtes Schimpfwort, wenn man mal jemanden schlecht dastehen lassen will, wenn man jemanden als unfähig, kalt, abweisend, unangenehm, starrköpfig, dumm oder was auch immer bezeichnen will. Das Problem dabei ist nur: Das ist dann kein Autist. Das ist ein Mensch, der unfähig, kalt, abweisend, unangenehm, starrköpfig, dumm oder was auch immer ist. Aber kein Autist. Menschen assoziieren dadurch aber genau solche Eigenschaften mit Autismus.

Das macht uns das Leben nicht gerade leicht.

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GIBT ES AUF DEINEM BLOG EINEN TEXT, DEN DU LESER, DIE DEINEN BLOG UND DICH NOCH NICHT KENNEN, BESONDERS ANS HERZ LEGEN WÜRDEST?

Die Blogtexte beleuchten immer nur Ausschnitte, einzelne Themen. „Verstörungstheorien“ versucht, ein mehrschichtigeres, größeres Bild zu zeichnen. Ich muss also empfehlen, das Buch zu lesen und den Blog als Vertiefung des Themas zu nutzen.

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DA DEIN BUCH AKTUELL OFFENBAR VERGRIFFEN IST UND WIR ALLE DARAUF WARTEN, DASS DER VERLAG MAL IN DIE HUFE KOMMT UND EINE NEUE AUFLAGE ERSCHEINT: WAS LIEST DU SELBST GERNE?

Regelmäßig lese ich missy-magazine.de und makellosmag.de, damit reißen wir aber ein weiteres Herzensthema an.

misharrrgh.com und lavievagabonde.de gehören auch zu den persönlichen Favoriten.

Bei Büchern wird es etwas schwieriger, ich lese gern und viel und es macht mir Probleme, ein paar wenige Lieblinge auszuwählen. Gerade liegen Kate Tempest, Chris Kraus, John Irving und Christian Kracht auf meinem Nachttisch. Ob ich die entsprechenden Bücher empfehlen kann, weiß ich in ein paar Wochen.

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SO UND NUN NOCH EINMAL FÜR ALLE ZUM MITSCHREIBEN UND ANKLICKEN:

Hier gibt’s alle Infos zu ihrem Buch, hier kann man es hoffentlich bald wieder bestellen (Achtung, böser Amazon-Link!). Edit: Offenbar ist die neue Auflage nun endlich da!

Hier geht’s zu ihrem Blog, hier ist ihr Twitter-Account und hier ihr fabelhafter Instagram-Account, von dem auch alle Fotos des Beitrags stammen.

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