SCHTONK!

Ich halte mich eigentlich nicht für naiv. Nicht übermäßig zumindest. Ich habe Geschichte studiert. Sehr, sehr, sehr viele Semester lang. So viele Semester, dass meine eigenen Seminararbeiten schon bald als Primärquellen dienen dürften. (Historikerscherz. Entschuldigung.)

Wenn man Geschichte studiert, wird man vor allem auf eines gedrillt: Bullshit zu erkennen.

Egal, ob irgendein Franziskanerfurz irgendeinen Kaiser in den Himmel gelobt hat oder irgendein Philosoph, der nackelig in einer Tonne lebte, irgendeinen Herrscher als grausamen Tyrannen bezeichnete: Immer ging es nur um die Frage, warum erzählt er es so, was ist sein Motiv, wie neutral kann er sein – und hat man eigentlich keine Angst, sich einen Splitter einzufangen, wenn man in einer Tonne lebt?

Hat der Tyrann die Schwester des Philosophen geschwängert und dann sitzenlassen? Oder vielleicht sogar die Mutter? Oder beiden Syphilis angehängt? Oder erst Syphilis angehängt und dann geschwängert?

Hat der Kaiser dem Franziskanerbub eine nigelnagelneue, flauschige Kutte geschenkt? Oder einige Fässer richtig guten Messwein spendiert? Vielleicht ’nen geilen Bordeaux statt dieser Plörre von der Mosel.

Was auch immer die Motive sind, man lernt dabei schnell eines: Menschen sind scheiße und man darf niemandem glauben. Und wir reden hier von der Zeit vor dem 20. Jahrhundert. Danach wurde es ja eh ganz finster.

Ich würde also durchaus sagen, dass man mir einen recht guten Bullshit-Radar antrainiert hat.

Mein Gespür für Fake-News ist ganz okay ausgeprägt, ich gehöre zu den 2% der Weltbevölkerung, die den Unterschied zwischen dem Postillon und der Tagesschau kennt – und ich traue weder Instagrammern mit einem BMI unter 20, deren Account vorrangig aus Selfies besteht, auf denen sie essend zu sehen sind, noch Mama-Bloggern, die dauernd Fotos ihrer weiß eingerichteten und stets aufgeräumten Kinderzimmer zum besten geben.

Früher fand man den meisten Bullshit auf irgendwelchen dahinwelkenden Papyrusrollen. Heute findet man ihn nun mal im Internet. Wo er sich wie eine unbeaufsichtigte, sextolle Rattenkolonie vermehrt. Klar, hin und wieder stand in der Vergangenheit auch mal im Print Schmonsens.

Ich sage nur Hitler Tagebücher oder „So bekommen Sie ein Sixpack in 4 Wochen!“

Aber im Großen und Ganzen ist Print doch immer noch ein Hort der Wahrheit. Das letzte Bollwerk gegen Fake News und Idiotie. Breitbart auf der einen Seite, die New York Times auf der anderen.

Irgendwas in uns sagt uns: Die Printmedien, das sind die letzten Guten. Außer der BILD natürlich, aber die druckt ja auch alles in Farbe und jeder weiß, dass die Wahrheit nur schwarz-weiß ist!

Dort sitzen noch richtige Journalisten. Mit einer Ausbildung. Einer fundierten. Jahrelangen. In der sie sich mühsam vom Kaninchenzüchterverein-Jahreshauptversammlung-Berichterstatter zum Experten für irgendwas mit Merkel hochgemausert haben. Manchmal schaffen sie es auch zu Hart aber fair und sitzen dann neben Wolfgang Bosbach und ärgern sich, dass sie in einer Sendung zusammen mit Wolfgang Bosbach sitzen, weil sie dann gar nicht zu Wort kommen werden, weil, nun ja: Wolfgang Bosbach.

So ein richtiger Journalist, der schreibt ja auch noch mit Kulli und hat einen Notizblock. Aus Papier. Die braucht er beide zwar eigentlich nicht mehr, hat sie aber trotzdem immer mit dabei, um beides zwischendurch rauszuholen, damit bloß niemand denkt, er gehöre vielleicht noch zur Online-Redaktion.

Online ist ekelig. Da machen sie Sachen mit dem Internet.

Und Facebook. Und da werden ja bekanntlich die Lügen geboren. Also alle Lügen. Wie in einer griechischen Tragödie werden sie dort Tag für Tag neu geboren und weil irgendeiner den Schlüssel verloren hat, weiß keiner, wie man den Deckel wieder zuschlagen kann zu dieser pandor’schen Lügen-Kisten.

Internet (Symbolbild)

Ne, dann doch lieber Print und Kulli und im Auftrag der Wahrheit, der nackten, verletzlichen, die Menschheit aufklären. Zum Beispiel über Trump. Oder Trump. Oder wie die F.A.Z. WOCHE kürzlich über die Frage, wie kriminell Ausländer eigentlich sind? (Chapeaux für dieses sehr gelungene, journalistisch nicht hetzende und sehr neutrale Cover.) Oder über Pferdefleisch in Tiefkühllasagne. Oder Trump.

Oder aber über ganz simple Themen. Muss auch mal sein. Über Dinge, die den durchschnittlichen Menschen angehen. Die hart arbeitende Mitte zum Beispiel.

Ich saß kürzlich beim Zahnarzt, als ich dieses Cover sah. Ich wusste schon einige Wochen vorher, dass es diese Story geben würde. Schlicht aus dem Grund, weil sich die zuständigen Stern-Redakteure zufällig Freunde von mir geschnappt hatten, die das Pech hatten gerade in Hamburg zu Besuch zu sein und arglos einen Spaziergang machten.

Meine Freunde leben eigentlich in einem Dorf, das keiner kennt, das in der Nähe einer Kleinstadt liegt, die niemand kennt, welche wiederum etwas außerhalb von Bonn liegt – das ja nun wirklich niemand mehr kennen möchte. Print-Redakteure kennt man dort nur vom General-Anzeiger, andere Zeitungen sind dort verboten und werden jede Woche an der Stadtgrenze verbrannt.

Im General-Anzeiger Bonn stehen Dinge über die neue Wäscheprinzessin, über [hier bitte ein Event an der Museumsmeile einfügen] oder [hier bitte irgendwas mit einer Straftat nahe der Rheinaue] oder einen aktuellen Kino-Tipp oder das Wetter. Andere Dinge interessieren den Bonner nicht. Und wenn der Bonner ganz verrückt drauf ist und ihn die Sehnsucht packt, hat er ja immer noch die Prisma: dort steht, was im Fernsehen läuft, es gibt Rätsel und sehr viel Werbung über Lifta, den Treppenlift, und Kreuzfahrten.

Man kennt das dort also nicht, dass Print-Journalisten zu einem kommen und einem Fragen stellen. Ab und zu huschen Reporter vom WDR oder der Deutschen Welle wie Dementoren durch die Innenstadt, aber das war’s dann auch.

Überrumpelt wie meine Freunde waren, beantworteten sie dementsprechend artig die Fragen und ließen – weil sie so perfekt und knuddelig aussahen – ein Foto von sich machen. Welches mich nun im Wartezimmer wie aus einer Jack-Wolfskin-Werbung angrinste.

Ich hatte die Story zu dem Zeitpunkt fast vergessen, griff glucksend nach der Zeitschrift und wollte mir durchlesen, was denn die so hart arbeitende Mitte zu sagen hatte. Und wurde ein wenig stutzig. Das sollten meine Freunde gesagt haben? Das klang nicht wirklich nach ihnen.

Um ehrlich zu sein, klang das ihnen in den Mund geschobene Zitat vor allem nach eins: Nach komplettem Bullshit.

Darauf angesprochen, bestätigte mir meine Freundin, dass sie das so nicht wirklich gesagt hat. Plötzlich wurde mir klar, dass ich, würde ich diese muntere, perfekt dreinblickende Kleinfamilie nicht kennen, jedes Wort geglaubt hätte, das da auf diesen gedruckten Seiten stand.

Einfach weil es Print ist, einfach weil es der Stern ist, einfach weil es doch Journalisten sind, die das geschrieben haben. So richtige. Mit Kullis.

Selten kam ich mir in meinem Leben naiver vor. Dümmer. Denn wieso zur Hölle arbeitete ich in den letzten Jahren wie eine Besessene daran, mein Auge und meinen Verstand zu schärfen für all den Bullshit, den andere Menschen ins Internet schreiben und hinterfrage nicht mit derselben Verbissenheit und demselben Argwohn jedes einzelne Wort, das Menschen auf Papier drucken?

Denn nur weil jeder Schmock im Netz seinen Schmonsens verbreiten darf, heißt das nicht, dass alle Print-Menschen von einer Aura der Untadeligkeit umgeben sind. Es sind genauso Schmocks.

Es sind eben nur Schmocks mit Kullis.

5 thoughts on “SCHTONK!

  1. *flöt* deswegen: nie Interviews ohne Freigaberegelung machen, nie Interviews ohne…
    Willkommen in der realen Welt, by the way. (Ps: Hachz.. Einer der Vorteile des älterwerdens… Mensch kann so wundervoll großkotzig so tun als wäre man kompetent)

  2. Das steht doch aber schon immer und ewig auf Ihrer Internetseite — ganz oben.
    Realität ist das, was ich dafür halte.

  3. Ich lache gerade sehr über den Historikerscherz und den nackeligen Philosoph mit dem Splitter … *sorry*
    Das eigentlich Thema, böse Medien egal in welcher Daseinsform, ist natürlich total unlustig. Aber was weiß ich denn … wache früh mit dem Radiowecker und den Nachrichten aus eben jenem Gerät auf … verweige mich dem Handy (zu 99%) und war doch sehr erstaunt letztens im großen weiten www zu lesen das es Menschen gibt die keine Sprachnachrichten auf Handy wollen … hmm, ist das Ding nicht ein Fernsprecher nur ohne nerviges Kabel und darum zum mitnehmen??? *geht schulterzuckend und stirnrunzelnd ab* -alle irre-

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.