„So habe ich dich gar nicht eingeschätzt“

Wenn man als Kind ein bisschen zu viel Scheiße erlebt hat – jene Art von Scheisse, bei der jeder weiß, dass es ein elendiger Euphemismus für etwas ist, was unausprechlich und erdrückend ist – dann hat man zwei Möglichkeiten: Entweder man zerbricht. Oder man überlebt.

Das Wort Möglichkeiten ist dabei natürlich extrem irreführend, weil es keine bewusste Entscheidung ist, keine Frage des Wollens. Sondern eine des Könnens und eine des Glücks.

Diejenigen, die überleben, wissen um dieses Glück.

Um ihre eigene Zerbrechlichkeit. Die Angst, dass sie vielleicht doch noch zerbrechen könnten, sie nagt an ihnen. Mal mehr, mal weniger. Wie ein wiederkehrender Albtraum, den man im Laufe des Lebens immer wieder hat. Den man zwar kennt, der einem seltsam vertraut ist – schließlich hat man ihn schon unzählige Male geträumt –, der einem aber auch beim nächste Mal wieder Angst machen wird.

Diese Angst, das Bewusstsein um die eigene Zerbrechlichkeit, ist ein Fluch. Und ein Segen. Denn gespeist von dieser Angst, ist da eben auch diese Wut und der unbändige Wille zu überleben. Und beides treibt und peitscht einen immer weiter voran. Tag für Tag.

Der ganze Körper, der Geist, jede Synapse ist programmiert, seit der Kindheit schon, steht unter Strom, stets wachsam, stets zornig.

Andere Menschen sehen das nicht. Die Angst, die Wut.

Wie sollten sie auch? Die Überlebenden tragen ein Kostüm. Dieses Kostüm hat das kleine Kind gerettet. Seine Fähigkeit, sich anzupassen. Zu beobachten. Ständig zu reflektieren. Und auch vorzutäuschen. So zu tun, als würde man nicht weinen. Nie. Als würde man nachts ruhig schlafen. Als wäre alles in Ordnung.

Menschen mögen andere Menschen, bei denen alles in Ordnung ist. Sie mögen glatte Oberflächen. Ein ständiges Lachen, das die Lippen umspült.

Also trägt man ein Kostüm. Erst das Kostüm eines anderen Kindes. Dann das eines anderen Jugendlichen. Und schließlich das eines anderen Erwachsenen. Eines, das stark und ruhig und stets gut gelaunt ist.

Man trägt dieses Kostüm immerzu.

Manchmal vergisst man sogar, dass man eines trägt. Manchmal brennt es auf der Haut und die Angst darunter zu ersticken, kriecht hervor, zerrt an einem, bis es einen schüttelt.

Die anderen Menschen sehen dann das Schütteln, das Aufbäumen dessen, was darunter lauert, und fragen sich, was ist da los. Aber selbst, wenn man es ihnen erklären würde, was auch immer es ist, sie würden es nicht verstehen. Könnten es nicht.

Und da man sich ja bald [sic!] wieder fängt, die Wogen und die Zornesfalten im Gesicht sich glätten: Warum sollte man sich die Mühe machen und etwas erklären, was man nicht erklären will und das nicht verstanden werden kann?

Also sehen die anderen weiterhin nur eine starke Person.

Eine furchtlose. Und mutige. Und sind umso erstaunter, wenn sie plötzlich, irgendwann, erkennen, dass diese starke Person auch Ängste haben kann. Weil sie in einem Moment der vermeintlichen Unachtsamkeit doch kurz ihr Kostüm gelüftet hat.

Dann fällt gerne der Satz „So habe ich dich gar nicht eingeschätzt!“ und man weiß nicht, ist das nur Verwunderung und Überraschung, die da mitschwingt in der Stimme, oder ist es sogar Entsetzen?

Mir wird dann immer wieder bewusst, wie viele starke Menschen ich kenne, die eigentlich extrem zerbrechlich sind. Die so viele Gefühle in sich herumtragen, dass sie manchmal nicht wissen, wohin damit. Die laut und tough und selbstbewusst sind – oder wirken. Und zugleich zutiefst neurotisch und unsicher und voller Ängsten.

Man könnte denken, das wäre ein Widerspruch. Als ginge es darum, diese Stärke vorzutäuschen.

Dabei ist es am Ende doch so: Wir sind nicht einfach so stark. Wir sind es, weil wir es sein mussten. Um zu überleben. Um weitermachen zu können.

Wir sind nicht stark, obwohl wir auch Schwächen haben und Angst. Wir sind es genau deswegen.

18 thoughts on “„So habe ich dich gar nicht eingeschätzt“

  1. So true. So viele wahre Worte. Sie beschreiben den Zustand des traumatisierten Kindes. Das immer bleibt, unter dem Kostüm. Ein Ablegen wird unmöglich, die Vergangenheit ist eingeschlossen darunter.

    • Ich habe das Geheimnis vor 20 Jahren gelüftet und es trennte sich die Spreu vom Weizen, habe verbrannte Erde hinterlassen, meine Heimat, meinen Bruder verloren und es war es wert und ich würde es wieder tun denn ICH war es mir wert, es ihnen ins Gesicht zu spucken. Wahre Freunde, nicht viele, aber die wahren sind geblieben oder etwas später zurück gekehrt. Verlogenheit und Verschwiegenheit sind aus meinem Leben gewichen….Ehrlichkeit und Liebe eingekerkert

  2. Hallo,

    ich lese schon ziemlich lange bei Dir im Blog. Und ich liebe es einfach, wie Du schreibst. Ich habe mich in Deinem Text wirklich gut wieder erkannt. Es erschreckt mich manchmal immer noch, wenn jemand hinter die Fassade gucken kann. Vor allem, wenn ich die Person nicht kenne.
    Liebe Grüße, Zhivu72
    P.S. Ich liebe Deine Kleinen Avatar-Zeichnungen :-)

  3. Mein erster Besuch auf Ihrem Blog (Facebook sei Dank), und ich denke mir beim Lesen „Verdammt, woher weiß die das?!“
    Fühle mich gleichzeitig ertappt und verstanden.
    Ich denke, ich komme mal wieder.

  4. Noch nie hat das jemand so treffend geschrieben. Danke für diese Tränen. Danke für Worte die mich so fesselten das ich noch immer Gänsehaut habe. Nie hätte ich erwartet dass es anderen genauso geht.

  5. Danke für diesen Text – ich habe ihn weitergeleitet bekommen und bin beeindruckt von Deiner Art, Dinge unmissverständlich auszudrücken. Auch ich bin so eine Kostüm-Trägerin und danke Dir für Deine Worte. Sie sind so treffend und so wahr. ♥

  6. „Wir sind nicht einfach so stark. Wir sind es, weil wir es sein mussten.“… und noch immer müssen. Sehr toller Text! Es ist gut, dass die Resilienz existiert, dass wir Menschen viel ertragen und überleben können. Trotzdem wünsche ich mir oft, dass niemand stark sein muss.

  7. Ein starker Text! Emotional und so wahr. Nun hab ich mich ein Jahr mit dem „inneren Kind“ rumbeschäftigt. Und du schaffst es, die Essenz dessen auf so wenigen Zeilen zusammenzufassen. Mir kommen eher selten die Tränen. Aber du hast das heute geschafft.
    Doro

  8. „So habe ich dich gar nicht eingeschätzt!“
    So will ich Dich garnicht gesehen haben.
    Nein, ich hatte nichts gesehen! Du bist Du, da kann mir keiner was weis machen!

  9. VOR DEM EINGANG ZUR HÖLLE

    Verlassen sind wir doch wie verirrte Kinder im Walde. Wenn Du vor mir stehst und mich ansiehst, was weißt Du von den Schmerzen, die in mir sind und was weiß ich von den Deinen. Und wenn ich mich vor Dir niederwerfen würde und weinen und erzählen, was wüßtest Du von mir mehr als von der Hölle, wenn Dir jemand erzählt, sie ist heiß und fürchterlich. Schon darum sollten wir Menschen vor einander so ehrfürchtig, so nachdenklich, so liebend stehn wie vor dem Eingang zur Hölle…

    – Aus einem Brief Kafkas an Oskar Pollak, 8.11.1903. –

  10. DANKE!
    Ja, wir mussten stark sein, für die Kleine drinnen, sonst wäre es gekippt. Und dieser toughe Anteil ist uns geblieben und schwingt immer ein wenig mit uns mit. Der tut sich hervor und bläht sich auf – heute noch, um die Kleine zu schützen, am Ruder zu bleiben und begräbt auch einiges. Und doch ist es schön, den mal abzustellen. Ihn einfach mal in den Schank zu räumen und das Zarte, Verletzliche raus zu lassen. Der Angst einen Raum zu geben und sie willkommen in die Arme zu schließen. Schlaflos zu sein, und auch ganz weich zu werden…und sich selber spüren…

  11. Und wieder kommentieren hier fast nur Frauen. Mal am Rande: nicht weil „wir Männer“ ™ weniger erleben, „privilegiert“ sind oder ohne Trauma daherkommen. Sondern weil die meisten von uns so darin gefangen sind, dass wir es kaum merken, dass wir es sind. Danke für den wundervollen Text, ja so fühlt es sich an. „(…)selbst, wenn man es ihnen erklären würde, was auch immer es ist, sie würden es nicht verstehen. Könnten es nicht. (…) und das nicht verstanden werden kann?“ ist t teil davon. Stimmt nämlich nicht. „Es“ redet uns das nur immer wieder ein, weil Abschottung teil des Mechanismus ist.

    • Tut mir leid, da bin ich anderer Ansicht. Zumindest, was den zweiten Teil angeht. Ich bin der festen Überzeugung, dass Menschen, die keine Depressionen hatten, wirklich nachvollziehen können, was es bedeutet, welche zu haben. Dass Menschen, die nie Opfer von Missbrauch oder Gewalt wurden, verstehen können, was das mit einem machen kann. Könnten sie es, würden Menschen, die solche Bürden zu tragen haben, nicht bis heute stigmatisiert werden.

  12. Hi, du hast die Worte gefunden die mir gefällt haben um zu beschreiben und auszudrücken wie es ist wenn man in der Kindheit so etwas einschneidendes hatte. Ich danke dir dafür. LG Nicole

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