Sommersprossenalbino

Irgendwann stellte ich fest, dass ich nicht gerade mit den schönsten Knien gesegnet war. Die Pubertät ist eine grausame Phase und man entwickelt dort die schreckliche Angewohnheit sich solange mit seinem Körper zu beschäftigen, bis man ein Ohr, einen Zeigefinger oder eine vermeintliche Delle im Oberschenkel findet und sich solange auf diesen Makel fixiert, bis er zum Symbol und Stellvertreter für die Unvollkommenheit des eigenen Ichs wird.

Ich habe die Knie meiner Großmutter. Preußin. Keine Ahnung, ob alle Preußen hässliche Knie haben. Vielleicht kommt das von der Kartoffelernte. Sie hatte zumindest hässliche Knie, meine Mutter hat welche, ich habe welche.

Ich nenne sie Elefantenknie. Irgendwann realisierte – Nein, meinte ich zu realisieren, dass meine Waden ebenfalls hässlich seien und dass ich nicht über Knöcheln verfüge, weil meine Waden einfach so in meine Füße übergingen. Ich hatte Wöcheln.

Irgendwann zwischen der Einführung des Wortes Wöcheln und dem Entdecken weiterer Fehlbarkeiten wurde ich schwanger und gehörte zu jener glücklichen Sorte Frau, die mit Wassereinlagerungen, Krampfadern und zwei unfassbar sexy aussehenden Thrombosestrümpfen beglückt wurde.

Das Kind kam, die Thrombosestrümpfe gingen, die fette grüne Krampfader an der linken Wade und die schicken, feinen Besenreißer auf meinen alabasterweißen Beinen blieben.

Und wie jeder Mensch, der selbst beim Anblick entblösster Beine doch bitte nichts schwabbeln sehen möchte, keine pergamentartige, weiße Haut, von Flecken, Muttermalen oder pumpenden, „Hallo! Hier bin ich!!“-kreischenden Krampfadern der verschiedensten Coloeur geschändet. Bitte nur – zumindest leicht – gebräunte Beine, festes Fleisch, ohne Makel. Und natürlich haarlos. Alles andere ist eklig und es spielt selbstverfreilich keine Rolle, dass die Natur die Stelzen so geschaffen hat. Dumme Natur. Warum schafft sie auch so Menschen wie Gisele Bündchen, an der sich die restlichen 95% der menschlichen Bevölkerung bitte zu orientieren hat? Man hat ja auch eine Verantwortung. Eine ästhetische. Darf und soll das seinen Mitmenschen nicht zumuten. Den Anblick. Man will’s ja schließlich selbst auch nicht sehen. 

Und das ist ja ein wenig die Krux bei der Sache. Es ist schließlich recht einfach sich dem über Jahre oder Jahrzehnten geformten Schönheitsideal hinzugeben und naserümpfend und sich schüttelnd beim Anblick un-giselliger Körperteile abzuwenden. Blöd und unpraktisch wird es nur, wenn, egal, wie man sich auch Mühe gibt, man selbst einfach nicht zu Giselle wird. Sondern einfach weiterhin Ute bleibt. Oder Helga. Oder Anna.

Ich bin bei Weitem nicht bereit, meinen Körper zu lieben, so wie er jetzt ist. Dafür sind die Vorstellungen von Schönheit und Ästhetik, ob falsch oder nicht, zu tief verankert und eingepflanzt. Aber es ist an der Zeit gewisse Teile davon zu akzeptieren.

Denn egal, wieviel ich abnehme, meine Knie werden bleiben, genauso wie meine Wöchel und die pulsierende faustgroße Krampfader. Ich werde auch die nächsten Jahre nicht ohne weiteres braune Haut bekommen, da mein Erbgut dergleichen einfach nicht vorsieht. Verbringe ich genug Zeit in der Sonne, explodiert meine Haut von Sommersprossen und verwandeln mich in Etwas, was offenbar zu nahe an einer Gülle-Sprenkler-Anlage gestanden hat. Verbringe ich noch mehr Zeit in der Sonne und habe langsam das Gefühl, die zwischen den dunklen Punkten verbliebene Haut würde langsam braun, erkenne ich mit Entsetzen, dass es auch weiße Sommersprossen gibt, die nun sichtbar werden. Ich bin ein Sommersprossen-Albino.

Als es diesen Sommer heiß wurde, über dreißig Grad, stand ich eines Morgens mit meiner dunkelblauen, schweren Jeans vor’m Kleiderschrank und spürte, wie ich schon durch das bloße Anziehen schwitzte, als würde ich mit einem Anorak einen Dauerlauf durch den Senegal machen. Aber was sollte ich tun? Ich wollte doch schließlich niemandem den Anblick dieser Beine zumuten. Ich spürte, wie die Hitze mich zu erdrücken schien, ich spürte die nahende Gefahr auf einer Schweißspur auszurutschen und einen unschönen, da kopfaufschlagenden Tod zu finden.

Also stand ich eine Weile einfach regungslos da und schwitzte vor mich hin.

Bis ich die Hose auszog, ein Kleid, das mir gerade so bis zu den Knien geht, anzog und damit aus dem Haus ging.

Einfach so.

moimoimoi

Ich habe nämlich etwas wichtiges erkannt, bzw. aus der Not und im Angesicht des Schweißes erkennen müssen:

ICH TRAGE DOCH NICHT WEGEN MIR VÖLLIG FREMDER MENSCHEN BEI 30 GRAD IRGENDWELCHE BEINKLEIDER, DIE MEINEN KÖRPER AN DEN RAND DER KREISLAUFAPOKALYPSE BRINGEN, NUR DAMIT DIESE MENSCHEN GGF. NICHT INS SÜßIGKEITENREGAL BRECHEN MÜSSEN, WENN SIE BEI EDEKA HINTER MIR AN DER KASSE STEHEN.

Ja. Ich habe Wöcheln. Und Preußenkartoffelerntenknie. Und eine echt richtig fiese Krampfader. Und das alles auf zwei, farblich uneindeutig gestalteten Stelzen.

Und ich muss diese Stelzen nicht lieben, ich muss mir nicht einreden, ich bzw. meine Beine seien trotzdem schön, weil sie es nun mal nicht sind. Aber nur, weil etwas nicht schön ist, muss ich es nicht gramerfüllt vor der Welt verstecken und mir das Leben noch schwerer machen, als es ohnehin schon ist.

Wenn Sie ein hässliches Kind zur Welt bringen, gehen Sie damit auch zum Spielplatz. Tagsüber. Ohne Tüte über’m Kopf. So dass alle sehen können, was Sie da fabriziert haben. Sie können an der Fresse Ihres Kindes nichts ändern. Und ich nichts an meinen Beinen.

So get over it.

20 thoughts on “Sommersprossenalbino

  1. Ich bin dieses Jahr 32 geworden. Ich habe in den letzten 23 Jahren kein Kleid getragen. Und davor auch nur, weil ich zur Kommunion nicht in Jeans gehen durfte. Ich habe die Beine meines Vaters geerbt. Westfälische Gene, da laufen Ackergäule rum und irgendwie scheinen die sich ins Erbgut geschlichen zu haben. Auf jeden Fall habe ich Westfalenstampfer. So nenn ich sie. Und die gehören doch bitte nicht ans Licht, was sollen denn die Leute denken?
    Irgendwann im Laufe des Sommers ereilte mich dann auch dieser erhellende Moment, dass es doch wohl scheiß egal ist, was „die Leute“ (wer ist das eigentlich genau?) von meinen Stampfern denken und bin schwitzend und triefend noch auf dem Weg zu einer Freundin in den nächsten Laden gestapft, habe mir einen Rock gekauft und ihn gar nicht erst wieder ausgezogen. Dass mich dann am Abend dank fehlendem Thigh-Gap zwei rote, wunde Riesenflatschen an den Oberschenkeln begrüßten, war mir dann auch schon egal.
    Ich bin also ganz bei dir. :)

  2. Wie schön, ich habe die gleichen Beine und vor allem Knie(e)! Mir fehlen allerdings die diesen Makel ausgleichenden herrlichen (!) SommerSprossen, schade.
    Was machen wir eigentlich, wenn wir älter (ich sage nicht alt) sind und unsere Knie(e) auch noch Falten bekommen?
    Grinsende Grüße,
    Kathrin :-)

  3. Verehrte Frau Haessy,

    im Allgemeinen bin ich ein stiller Blog-Leser, aber jetzt muss ich doch mal meinen Senflaster hier abladen. Als pummeliger Mensch bekomme ich in regelmäßigen Abständen eine Krise, wenn sich – meiner Meinung nach – völlig normal proportionierte Leute über ihre Körper beschweren (das war jetzt übrigens ein Kompliment). Immerhin ist man nicht auf die gruseligen Große-Größen-Artikel angewiesen und kann so ein schönes Kleidchen tragen. Knie hin oder her.

    Aber heute morgen, auf dem Weg zur Arbeit, habe ich nachgedacht: Wahrscheinlich ist es egal, ob man neutral betrachtet wunderschön oder Tüte-übern-Kopf-charmant ist – jeder hat etwas an sich auszusetzen. Vermutliche eher der weibliche Teil der Bevölkerung. Bestimmt auch Gisele. Das ist irgendwie tröstlich.

    Danke für den wundervollen Post und die Denkanstösse, ich sammele meinen Senf nun auf und bin wieder weg.

    Lieben Gruß
    Steffi

  4. Einführung des Wortes „Besenreißer“
    Der Wortbestandteil Reiser kommt aus der Botanik, wo Reis so viel wie Zweig bedeutet (s. a. Reisig); durch die äußerliche Ähnlichkeit der Äderchen zu den dünnen Reisig-Ästchen, die bis ins vergangene Jahrhundert hinein zu (Kehr-)Besen verarbeitet worden waren, kamen die Besenreiser also zu ihrem Namen. Quelle: Wikipedia

  5. Am Ende sind wir mit unserem Körper eben doch allein. Da können uns noch so viele Menschen sagen, dass sie uns schön finden und ich könnte Ihnen jetzt tausendmal hier reinschreiben, wie wundervoll ich ihre Knie und Sommersprossen finde, aber ändern an Ihrer Haltung zu Ihrem Körper würde das eben nicht. Die persönliche Meinung ändert erstaunlicherweise wenig, anders als eben all die Giselles und die öffentliche Meinung zu Ihnen, mit denen wir über Jahrzehnte konfrontiert werden.

  6. Zunächst einmal: Ich habe herzlich gelacht beim Lesen dieses Blogtextes und sowas passiert wirklich selten.
    Natürlich ist es aber im Grunde ein ernstes Thema, das Sie mit viel Humor und Selbstironie dargestellt haben. Es ist so schade, dass man sich viel zu oft abhängig macht vom Urteil anderer Menschen. Ich gebe zu, dass ich auch oft am Lästern bin über diverse Unzulänglichkeiten von Leuten, die ich gar nicht kenne. Gleichzeitig stelle ich mir aber auch immer die Frage, was ich davon halten würde, würde so über mich geredet. Nichts natürlich. Entweder kommt man irgendwann an den Punkt, an dem einem das Gerede anderer egal ist (es muss einem egal sein) oder man verharrt ein Leben lang in der Pubertätsphase und macht sein Wohlbefinden vom Urteil anderer abhängig. Und niemand ist perfekt, auch an Giselle Bündchen gäbe es Dinge, über die ich mit Wonne lästern würde – wenn ich jetzt ein Bild von ihr im Kopf hätte. Da gehts ja schon los: Sie ist wahrscheinlich einfach zu langweilig, als dass ich mir ihr Gesicht gemerkt hätte.
    Zum Schluss: Ich finde Sommersprosse großartig! Bin ein großer Fan von sehr hellhäutigen Frauen im Allgemeinen. Von daher passt der Vergleich mit der Gülle-Sprenkel-Anlage für mich überhaupt nicht, auch wenn er natürlich unfassbar witzig ist!

  7. Herrlich! Danke für diesen uneitlen Text, der einmal nicht dazu auffordert sich selbst zu lieben „weil alle Menschen von Gott geschaffen und deshalb schön sind“, sondern sich traut zu sagen: Ich finde das unschön und stehe trotzdem dazu. Made my day!

  8. Eine gute Entscheidung, Schönheit ist ja eh etwas relatives. Im verregneten Deutschland steht man auf braungebrannte Frauen, anderswo gilt man damit als „Arbeiterin auf dem Feld“ und bleicht sich die Haut:
    http://scienceblogs.de/beauty-full-science/2010/09/19/weiss-ist-beautiful-oder-die-angst-vor-brauner-haut/

    Und was ist überhaupt mit alten Menschen die faltige Haut, eine Glatze oder gar Altersflecken haben? Verlangt man von denen etwa nur noch in Burka vor die Tür zu gehen? Nein natürlich nicht, wer es nicht attraktiv findet kuckt im Extremfall weg und fertig.

    Solche Gedanken machen sich ja auch (leider) vor allem Frauen, ein Mann würde wohl nie seine Knie hässlich finden oder seine Beine zu haarig für die Bermuda Shorts. Warum sollen sich da Frauen in Hosen verstecken?

  9. Oh danke für diesen Eintrag!

    Diesen Sommer (im warmen Südfrankreich) habe ich das erste Mal exzessiv kurze Hosen getragen – und es genossen. Und einfach nicht nach unten geschaut. Sie sind nicht schön, na und!
    Ähm, zum Ausgleich das Gleiche an den Oberarmen: 50% ist gut aussehender Arm, der Rest hängender Überfluss. Nicht schön, na und! Her mit den Tops!

    Es gibt Wichtigeres, als von anderen schön gefunden zu werden. Luft an sich zu lassen zum Beispiel und sich wohlfühlen, dann macht alles viel mehr Freude.

  10. Ich hätte sooo gerne Sommersprossen! :( Und rotes Haar. Und ich würde auch gerne kurze Röcke oder Kleider tragen, und zwar nicht nur zu Hause, wo mich niemand sieht. Außer mein Freund, der mir dann sagt, dass mir Röcke nicht stehen. Und da wären wir beim altbekannten Problem: Entweder erfüllst du bitteschön die Schönheitsnorm und bist sexy, oder hüllst dich gefälligst ein (so als hätte Kleidung für Frauen stets nur den einen Zweck, darin gut auszusehen). Normale Menschen will doch niemand sehen. Nur wahr gewordene Sexfantasien. Und wenn du das bist, bist du auch noch selber Schuld, wenn du sexuell belästigt wirst. Man sollte männerfreie Zonen schaffen. Wenigstens für einen Tag im Jahr, damit die restlichen 52% der Menschheit einmal ganz ungezwungen öffentlich Röcke und Kleider tragen können, egal, wie sie darin aussehen.

  11. Schöner Beitrag!

    Ich jobbe an der Supermarktkasse, das hilft ungemein gegen Gisellisierungen, die meisten meiner Kunden haben irgendwelche Makel, warum soll ich mich dann meiner so sehr grämen …

  12. Ich belästige schon seit Jahren meine Mitmenschen mit dem Anblick meines umperfekten Körpers. Ungefähr seit dem Tag, an dem ich fest gestellt habe, dass Gisele Bündchen mich mit ihrer Schönheit auch belästigt…zumindest wenn man davon ausgeht, dass belästigt von lästig kommt und ich finde es einfach grauenvoll lästig, ständig darüber nachdenken zu müssen, warum ich eigentlich nicht so schön geraten bin…;-)

  13. Preußenkartoffelnernteknie – made my day! Diese Knie gibt es übrigens auch in Hessen. Am Rande der Wetterau. Dort wachsen auch viele Kartoffeln. Vielleicht ist DAS der Zusammenhang!
    Ich kann sehr gut nachvollziehen, was Du schreibst. Und ich habe auch Wöchel (sind wir vielleicht heimlich verwandt?!). Aber wenn ich beispielsweise laufen gehe (langsam, schwitzend, keineswegs federndleicht-elegant!), liebe ich meine Beine so sehr. Weil sie das können. 21 km lang! Trotz Wöchel, Knubbelknie, Cellulite, Besenreißer… Manchmal sollten wir unseren Körper vielleicht einfach lieb haben für das, was er alles so drauf hat! (Und TROTZDEM würde ich gerne aussehen wie Giselle. Aber hilft ja nix!)

  14. Wundervoller Beitrag, musste herzhaft lachen :) Habe mir gleich mal den Feed mitgenommen.

    Ich habe übrigens mehrere Jahre vermieden, kurze Hosen/Röcke anzuziehen, da ich eine hässliche OP-Narbe am Knie habe, bei der die Nähte aufgegangen sind. Dementsprechend nicht grad silbrig klein und unauffällig. Aber letztes Jahr hab ich mir dann gedacht „Ach komm, was solls“ :)

    Viele Grüße,
    Missi

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